Nahtlose Kommunikation – Megacity Buenos Aires
Phönix aus der Asche
Fünf Jahre nach einer schweren Finanzkrise brummt die argentinische Megacity Buenos Aires wieder. Einer der Treiber sind Informations- und Kommunikationslösungen von Siemens. Doch das Wirtschaftswachstum bringt auch große Herausforderungen mit sich: bei der Energieversorgung und dem Verkehr.
Brücke in die Moderne: Die von Osram beleuchtete Puente de la Mujer in Buenos Aires (oben). Siemens ist zudem bei der neuen U-Bahn beteiligt und hat das Gesundheitssystem transparenter gemacht (unten)
Stoßstange an Stoßstange schiebt sich der Verkehr über die Stadtautobahn Illia. In der Metropolenregion Buenos Aires leben 13,5 Millionen Porteños, wie die Einwohner genannt werden, und es haben sich fast die Hälfte aller argentinischen Industriebetriebe angesiedelt. Unbestritten: Hier ist das kommerzielle, industrielle und kulturelle Zentrum Argentiniens. Dass sich jeden Tag rund fünf Millionen Pendlerfahrzeuge, Taxen und Dieselbusse durch das Paris Lateinamerikas wälzen, ist für Matthias Kleinhempel klarer Ausdruck für einen Aufschwung. Die Kehrseite der Medaille: "Da sitzt immer nur einer drin. Viele können sich nun wieder einen eigenen Pkw leisten", sagt der Chef von Siemens in Argentinien, der 2002 den Posten übernahm. Dies war auf dem Höhepunkt der Krise mit dem völligen Kollaps des Finanzsystems.
Doch nun gebe es viele Anzeichen dafür, dass es den meisten Argentiniern wieder besser gehe. "Wir haben eine hervorragende Kommunikationsinfrastruktur. Das Ausbildungsniveau ist überdurchschnittlich hoch und wir haben sehr gute Ingenieure", sagt er stolz. Deshalb sei Buenos Aires heute auch ein ausgesuchter Standort für Software-Fabriken der großen IT-Weltkonzerne wie SAP, IBM, EDS, Accenture, Motorola, Sun oder die indische Tata. Ihre Logos blinken im neuen Hafenviertel Puerto Madero und entlang des Rio de la Plata mit denen der zahlreich eröffneten Vier- bis Fünf-Sterne-Hotels um die Wette. Die durchschnittlich neun Prozent Wirtschaftswachstum der letzten Jahre sind auch am Bauboom ablesbar.
Laut Kleinhempel war die Kommunikationssparte das Marktsegment, mit dem es nach der Krise am schnellsten aufwärts ging. "50 % der argentinischen Kommunikationsinfrastruktur ist von uns, und mehr als 35 Millionen Medikamentenrezepte im Jahr werden über Siemens-Technik abgewickelt."
"Das war vor zehn Jahren noch anders", erinnert sich Gabriel Simcic, Chef von Siemens IT Solutions and Services, an den Start von IMED Ende der 90er Jahre. IMED steht für die größte Kommunikations- und IT-Lösung im argentinischen Gesundheitswesen, um per Internet in Apotheken beispielsweise Verschreibungen bei der Krankenkasse zu autorisieren und Rezepte einzulösen. Siemens hat Krankenversicherte mit Smartcards ausgestattet. Dazu mussten Dutzende von unterschiedlichen Software-Lösungen in Apotheken harmonisiert werden, damit überall Zugangsmöglichkeiten zum zentralen Authorisierungszentrum, das Siemens betreibt, entstehen. So kann nun auch eine kleine Apotheke, die nur wenige Rezepte ausstellt, die Order in ein eigens dafür aufgebautes Callcenter durchgeben. Gleichzeitig ist die Lösung für eine Großapotheke in Buenos Aires ausgelegt, die nach dem amerikanischen Drugstore-Prinzip funktioniert und hunderte Rezepte pro Stunde in Echtzeit abwickelt. Integriert ist auch eine Lösung, die sich nahtlos in Krankenhaussysteme einfügt. "7 200 Apotheken sind heute an das IMED-Netz angeschlossen, 3 000 Ärzte und Krankenhäuser, 20 private Krankenversicherungen sowie sechs Millionen Krankenversicherte", sagt Simcic und fügt hinzu: "Gerade bauen wir in unser System auch eine Bezahlmöglichkeit für die Abrechnung der Arzneien und Behandlungen ein." "Jede Krankenkasse hat andere Abrechnungsmodalitäten, die IMED klassifiziert und verarbeitet", sagt Jorge Arriaga. Der Geschäftsführer des Dienstleisters Farmalink koordiniert Verträge zwischen der Pharmaindustrie und Krankenkassen. Eine davon ist die PAMI-Versicherung, mit 2,5 Millionen Rentnern die größte im Land, die von der Siemens-Lösung profitiert.
Wissen hilft sparen. Durch die Kenntnis der Medikamentenabgabe in den Apotheken, zudem über Behandlungen, Labortests und den Abgleich dieser Informationen, haben Kassen stets die Kostenkontrolle, was Einsparungen vereinfacht. Ein vernetztes System bedeutet für Versicherte, schneller an dringend benötigte Medikamente zu kommen. IMED versorgt heute sechs Millionen Argentinier, rund die Hälfte der Versicherten im privaten Sektor: "Wir haben schon das Konzept zur Integration der staatlichen Krankenversicherungen in der Schublade", sagt Simcic. Noch gibt es aus dem Gesundheitsministerium dazu keinen Beschluss.
Die Stadt Buenos Aires ist schon einen Schritt weiter. "Mehr Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien sind kein Luxus", sagt Diego Pablo Gorgal, Beamter bei der Stadtverwaltung, mit Nachdruck. "Im Gegenteil, sie helfen uns, limitierte Ressourcen zu optimieren und effizienter zu werden." Bestes Beispiel ist für ihn die Digitalisierung aller Einträge des Standesamtes. Seit 1886 werden Geburt, Heirat, Scheidung und Todesfälle handschriftlich in kiloschweren Büchern festgehalten. "Heute können jüngere Porteños eine Geburtsurkunde über das Internet bestellen und dann bei einem der 16 Einwohnermeldeämter abholen", sagt der junge Beamte stolz. Siemens ist seit 2003 für die Umstellung der Administration von Papier auf digitale Dokumente und die Vernetzung der 16 Ämter verantwortlich.
"Die vergangenen 28 Jahre mit 3,5 Millionen handgeschriebenen Einträgen haben wir gescannt", sagt Arturo Carpani Costa, bei Siemens für Projekte im öffentlichen Sektor ver- antwortlich. Ein spezielles digitales Signatur-System gibt Aufschluss darüber, wer die Daten wann eingesehen hat und stellt sicher, dass nachträglich kein Eintrag verfälscht wird oder gar ganz verschwindet. "Wenn die Bücher früher unterwegs waren, dauerte es manchmal bis zu 14 Tage, um eine Information zu erhalten", sagt Carpani Costa. Heute geht das selbst bei schwierigen Abfragen mit Allerweltsnamen wie Fernandez in wenigen Minuten.
Für die Stadtverwaltung übernimmt Siemens Argentinien zudem einen weiteren Auftrag im Bereich IT-Outsourcing. Diego Pablo Gorgal will mit IT- und Kommunikationstechnologien auch das enorm gewachsene Verkehrsaufkommen stärker kontrollieren und die Sicherheit erhöhen. "In Argentinien sterben mehr Menschen im Verkehr als durch Verbrechen", sagt Gorgal. Die Bilanz für 2006: täglich 21 Verkehrstote. Siemens wurde bereits im Jahr 2000 mit der Verkehrsüberwachung wichtiger Hauptverkehrsadern beauftragt. Per Autoflotte, ausgestattet mit Radar und hochauflösenden Kameras, werden seither Geschwindigkeitsübertretungen und Falschparken geahndet. Siemens nimmt die Vergehen auf, wertet sie aus und stellt die Mahnbescheide zu.
Kapazität am Limit. Intelligente Lösungen für die enorme Verkehrsbelastung in Megacitys hat bei allen weltweit befragten Experten höchste Priorität (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Fakten und Prognosen). Deshalb steht auch in Buenos Aires der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, insbesondere der Subte, wie die U-Bahn heißt, ganz oben auf der Agenda. "1,2 Millionen Menschen fahren täglich auf den 50 Schienenkilometern auf fünf Linien, damit ist unsere Kapazität am Limit", sagt U-Bahn-Chef Edgardo Kutner. Ziel ist es, bis 2012/13 rund 2,2 Millionen Passagiere auf neun Linien mit dann insgesamt 80 Schienenkilometern zu transportieren.
Derzeit werden die beiden Linien A – 1913 als erste U-Bahn Lateinamerikas gebaut – und B um jeweils zwei beziehungsweise vier Stationen verlängert, um boomende Stadtviertel anzubinden. Der ganze Stolz von Kutner ist jedoch die neue Linie H, die erste mit Klimaanlage. Sie wird auch Paseo del Tango genannt, weil jede Station künstlerisch ausgestaltet und einem Tangostar gewidmet ist. "Nach 60 Jahren Stillstand bauen wir nun die erste neue U-Bahn. Sie verbindet auf 6 km den Busbahnhof Pompeya im Süden mit dem Bahnhof Retiro im Norden", berichtet Kutner. Im Mai 2007 wurden die ersten fünf Stationen eröffnet. Die gesamte Linie geht 2009 in den Betrieb. In Planung sind die drei Linien F, G und I.
Siemens ist an allen U-Bahn-Projekten beteiligt und spielt dabei die gesamte Klaviatur technischen Know-hows aus. Experten erneuern bei laufendem Betrieb in drei verbleibenden Nachtstunden die elektrische Installation der fast 100 Jahre alten Linie A. "Bei der neuen Tangolinie H stehen modernste Signalisierungs- und intelligente Systemtechnik wie beispielsweise die Automatic Train Operation (ATO) auf dem Programm", sagt Eugenio Real, Chef der Sparte Transport in Argentinien. Damit lässt sich bei Zügen, die zu nah aufeinanderfolgen, automatisch die Geschwindigkeit reduzieren.
"Obwohl wir bereits eine gute Basis haben, müssen wir den öffentlichen Nahverkehr noch viel attraktiver machen", sagt Andrés Borthagaray. Der Architekt und Direktor der strategischen Planungsbehörde "Buenos Aires 2010", mit beratender Funktion gegenüber der Stadtregierung, setzt dabei auf intelligente Verkehrsinformationssysteme. "Wir brauchen Echtzeit-Informationen für die Fahrgäste, damit sie wissen, wann etwa der nächste Bus fährt." Borthagaray hat damit nicht nur die Porteños, sondern auch die vielen Touristen im Blick, die mit dem Aufschwung wieder in die Welthauptstadt des Tangos strömen. Allein 2006 kamen vier Millionen Touristen.
Neue Großprojekte. Auch Siemens-Chef Matthias Kleinhempel sieht bei Verkehrsprojekten großes Wachstumspotenzial, denn die Regierung hat einen breit angelegten nationalen Verkehrsplan ("Plan Integral Tránsito y Transporte") über alle Verkehrsmittel hinweg auf den Weg gebracht. "Seit 2006 geht es für uns hier los mit Großprojekten", beschreibt Kleinhempel stellvertretend für viele Firmen die gute Wirtschaftsstimmung im Land. Damals wurden bei Siemens zwei neue Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke zu einem Auftragswert von 1 Mrd. US-$ in Auftrag gegeben. Ein Drittel der Kraftwerksleistung im Land von 24 000 MW decken Kraftwerke mit Siemens-Technologie.
Die neuen Anlagen werden ab 2008 schlüsselfertig übergeben. Siemens liefert für beide Projekte zwei Gasturbinen, eine Dampfturbine und die Leittechnik. Dazu kommen ein Abhitzedampferzeuger und die komplette Elektrotechnik. Experten rechnen bis zum Jahr 2015 mit einem Anstieg der Kraftwerksleistung in Argentinien auf 38 000 MW. "Gleich nach dem Wachstumsmarkt Energie werden weitere Investitionen für Transportsysteme kommen und danach die Medizintechnik mit großen Investitionen der Krankenhäuser", prophezeit der Siemens-Landeschef.
Nikola Wohllaib
Siemens feiert 2008 mit einer festlichen Gala sein 100-jähriges Jubiläum im restaurierten und wieder eröffneten Opernhaus Teatro Colon, das 2008 ebenfalls seinen 100. Geburtstag begehen wird. Bereits vor der Firmengründung 1908 installierte Siemens im Jahr 1857 in Buenos Aires das erste Telegrafiesystem des Landes. Weitere Großaufträge waren 1934 und 1936 der Bau der U-Bahnlinien C und D. Zudem wurde mit Hilfe von Siemens 1936 der Obelisco, das Wahrzeichen der Stadt, errichtet, wenig später mit der 140 m breiten Avenida 9 de Julio die breiteste Straße der Welt. Für den Konzern arbeiten heute über 3 500 Personen. Sechs Siemens-Bereiche sind in führenden Marktpositionen aktiv.