Nahtlose Kommunikation – Gesundheitsversorgung
Medizin ohne Grenzen
Die Vernetzung der Kommunikation im Gesundheitswesen hat enorme Fortschritte gemacht. Patienten profitieren davon in mehrfacher Hinsicht, weil sie jetzt schneller, besser, komfortabler und kostengünstiger betreut werden können.
Patientenakte im Computer: Wenn Ärzte alle Details der medizinischen Daten stets verfügbar haben, können sie Doppeluntersuchungen vermeiden. Auch die Gesundheitskarte (rechts) soll Kosten sparen
Ein plötzliches Stechen in der Brust schreckt Walter Bauer am Samstagabend auf. Der Notarzt macht noch bei dem Patienten zu Hause ein Elektrokardiogramm (EKG) und weist ihn in eine Klinik ein. Dort kennt man Bauer noch nicht, weshalb ihn die Ärzte neu untersuchen und eigene Befunde erstellen. Alle Daten werden im Krankenhausinformationssystem gespeichert.
Wenn in ein paar Jahren die integrierte Versorgung in Deutschland eingeführt ist und Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser miteinander vernetzt sind, könnte die Behandlung des Patienten Bauer schneller erfolgen und mit weniger Untersuchungen auskommen. Dann sähe das Szenario so aus: Der Notarzt kann die Patienteninformationen einsehen, die der Hausarzt vor einem halben Jahr in sein Praxisverwaltungssystem eingegeben hat und die in einer zentralen Patientenakte abgebildet werden. Der Zugriff auf diese Daten ist möglich, weil Bauer hierzu sein Einverständnis gegeben hat. Nach Einweisung in das Krankenhaus hat der behandelnde Arzt ebenfalls Einsicht in für ihn relevante Daten aus der Akte, wie existierende Ultraschall- und Röntgenbilder oder Laborwerte, und kann so schneller eine Diagnose stellen. Den Befund gibt er in das Krankenhausinformationssystem ein und dann steht dieser in der Patientenakte automatisch anderen Berechtigten zur Verfügung.
Um die Vorteile einer elektronisch gestützten integrierten Versorgung nutzen zu können, müssen sich Arzt und Patient zunächst im System der Telematikinfrastruktur ausweisen. Das wird über die elektronische Gesundheitskarte erfolgen, die zurzeit in Deutschland im Rahmen von Pilotprojekten erprobt wird (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2005, Personalisierung – Gesundheit). "Ein wichtiges Element dieses Systems ist der Konnektor, ein elektronischer Baustein, der die sichere Datenübertragung und auch den automatischen Start zusätzlicher DV-Anwendungen gewährleistet", erklärt Dr. Michael Meyer von Siemens Medical Solutions (Med). Der Konnektor ermöglicht die verschlüsselte Datenübertragung von Leistungserbringern in die Telematikinfrastruktur, zum Beispiel für Ärzte und Kliniken.
Mit der elektronischen Patientenakte wird die Zusammenarbeit zwischen ambulantem und stationärem Sektor vereinfacht. "Wir haben strategische Kooperationen mit den führenden Anbietern von Praxissoftware wie etwa DOCexpert geschlossen, um niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser über eine Schnittstelle an unsere webbasierte eHealth-Lösung Soarian Integrated Care anzuschließen", sagt Dr. Volker Wetekam, Leiter des Geschäftsgebiets Global Solutions bei Med und zuständig für die elektronische Patientenakte. "Wie gut diese nahtlose Kommunikation und die sektorenübergreifende Kooperation funktionieren kann, zeigt das Projekt mit der Rhön-Klinikum AG. Wir werden in allen 46 Kliniken des Unternehmens elektronische Patientenakten einführen." Die Rhön-Klinikum AG ist der größte private Krankenhaus-Konzern in Deutschland, der jährlich mehr als eine Million Patienten behandelt.
Labordaten und Bilder im Rechner. Der Hausarzt von Walter Bauer bucht beispielsweise an seinem PC im elektronischen Kalender des örtlichen Krankenhauses eine Untersuchung im Katheterlabor. "Früher haben die Kardiologen oft eine Überweisung erhalten, auf der vom Hausarzt nur vermerkt war, dass der Patient eine Koronarangiographie bekommen sollte, weitergehende Informationen waren Fehlanzeige", sagt der Kardiologe Dr. Friedrich Fuchs von Med. Bei der elektronischen Einweisung machen die Hausärzte dagegen in einem digitalen Formular detaillierte Angaben zur Krankenvorgeschichte des Patienten und stellen die erforderlichen Labordaten und Bilder über ihr Praxisverwaltungssystem in der elektronischen Patientenakte der Klinik zur Verfügung.
Da bei Walter Bauer der Befund nicht eindeutig ist, untersuchen ihn die Radiologen im Krankenhaus zunächst mit dem Computertomographen (CT). Eine gerade vorgestellte Software-Entwicklung von Med – Fast Data Link – ermöglicht es, dass die generierten Schichtaufnahmen des Herzens in einem speziell angepassten DICOM-Format mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Bildern pro Sekunde und damit in Echtzeit vom CT-Scanner an einen Server geschickt werden. Das ist etwa der Inhalt einer CD pro Sekunde. Zum Vergleich: Aktuelle Verfahren, die mit dem DICOM-Standard arbeiten, übertragen nur vier Bilder pro Sekunde.
Auf dem zentralen Server generiert die Software syngo WebSpace automatisch in wenigen Sekunden eine dreidimensionale Darstellung. Der behandelnde Arzt kann dieses 3D-Modell von fast jedem PC der Klinik abrufen und bei Bedarf die Meinung eines Kollegen einholen, der auch Zugriff auf die Daten hat. "Mit dieser Lösung haben wir die Chancen genutzt, die die neueste Client-Server Technologie bietet: die aufwändig berechneten 3D-Darstellungen werden von einem zentralen Server zur Verfügung gestellt und sind auf PCs oder Notebooks abrufbar", sagt Dr. Louise McKenna, zuständig für das weltweite Marketing für CT-Onkologie bei Med.
Viele Ärzte können die CT-Aufnahmen auch über ein drahtloses Netzwerk empfangen. Werner Reinhold, Solutionsmanager Healthcare bei Siemens Enterprise Communications, schätzt, dass in fünf Jahren 80 bis 90 % aller deutschen Krankenhäuser mit einem WLAN-Funknetz ausgerüstet sind. Auf Station, etwa am Klinikum Leipzig, verwendet das Pflegepersonal Tablet PC von Fujitsu Siemens Computers, um am Patientenbett alle Pflegemaßnahmen zu dokumentieren. Sie sind so gefragt, dass Med an einer Version arbeitet, die desinfizierbar ist und auch für sterile Bereiche geeignet ist.
Über WLAN fließen diese Informationen in das Krankenhausinformationssystem ein. Umgekehrt können die Krankenschwestern am Patientenbett alle für die Pflege bezogenen Daten abrufen, um zum Beispiel Fehlmedikationen zu vermeiden. Das Klinikum der Universität München hat sogar alle Operationssäle mit WLAN ausgestattet, weil die Erweiterung der bestehenden Infrastruktur aus Brandschutzgründen teuer ist. "Wir haben mit WLAN im OP sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Herausforderungen bei der Implementierung lagen vor allem bei den baulichen Bedingungen wie Metallwänden und -türen sowie der hohen Anzahl von Personen im OP-Bereich", sagt Dr. Bernhard Pollwein, Oberarzt der Anästhesie. Damit die Ärzte bei der Datenfülle den Überblick behalten und Zusammenhänge besser erkennen können, benötigen sie spezielle Software zur Auswertung. Soarian Quality Measures zum Beispiel extrahiert dank künstlicher Intelligenz medizinische Informationen eines Patienten aus zahlreichen, voneinander unabhängigen Datenquellen im Krankenhaus. Die Software basiert auf der Remind-Technologie (Reliable Extraction and Meaningful Interference from Non-Structured Data), die alle vorhandenen Bild- und Textinformationen unabhängig vom Datenformat lesen und interpretieren kann.
Dabei geht das Programm ähnlich vor wie ein CAD-System (Computer Aided Diagnostics), das Bilddatensätze selbstständig auswertet und einen Befund erstellt (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005, Gesundheit – Trends). "In den USA sind CAD-Systeme etwa in der Mammographie bereits als Zweitmeinung akzeptiert, weil Studien zeigten, dass die diagnostische Qualität bei Verwendung solcher Systeme steigt", sagt Fuchs. Soarian Quality Measures kann in ähnlicher Weise dazu beitragen, die Qualität der ärztlichen Versorgung zu verbessern.
Betreuung über den Fernseher. Walter Bauer ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Sofort übernimmt der Hausarzt die Nachsorge. Alle wichtigen Informationen aus dem Krankenhaus befinden sich mittlerweile in der elektronischen Patientenakte. Im Großraum Madrid könnte Bauer bald auch sogar telemedizinisch betreut werden. Dort werden zurzeit im Pilotprojekt AmIVital Verfahren entwickelt, die eine Fernüberwachung von Kranken oder pflegebedürftigen älteren Menschen ermöglichen. Dabei werden unter anderem Patienten mit Sensoren vernetzt, die ihre Vitalfunktionen messen. "Unser Ziel ist es, dass diese Patienten trotz ihrer Erkrankung ein selbstständiges Leben in ihrer gewohnten Umgebung führen können", sagt Luis Reigosa, der verantwortliche Projektleiter bei Med in Spanien. Medizinische Daten zum Beispiel werden über das Handy an die betreuende Klinik oder einen Pflegedienstleister geschickt. Für die Telekonsultation dagegen wird der Fernseher des Patienten genutzt. Der Arzt kann dem Patienten beispielsweise ein Formular schicken, das dieser am Fernseher mit Hilfe einer speziellen Fernbedienung ausfüllen kann. Diese Form der nahtlosen Kommunikation zwischen Arzt und Patient wird eines Tages ein wichtiger Bestandteil der integrierten Versorgung sein.
Michael Lang