Materialien für die Umwelt – Szenario 2020
Unsichtbare Revolutionäre
Eröffnung eines Luxushotels im Oktober 2020: Hotelmanager aus aller Welt kommen hier zusammen, um technische Neuheiten rund ums Gebäude zu bestaunen. So kann sich das Hotel fast alleine mit Energie versorgen – nicht zuletzt dank neuer Materialien.
Neue Materialien im Retro-Hightech-Hotel: Nanopartikel in der Außenfassade ersetzen die Klimaanlage (1). Der beschichtete Boden ist wasser- und schmutzabweisend (2). In die Kleidung sind Lichtfasern eingewebt (3). Keramik-Beschichtungen sorgen für effiziente Energienutzung bei Turbinenschaufeln (4). Supercaps (5) speichern die Bremsenergie der Schnellbahn, und der Nano-Autolack repariert kleine Schrammen selbst (6)
Ist das heute wieder heiß draußen. Sehr passend zum Motto "Antikes Rom". Jetzt Beeilung, sonst komme ich noch zu spät. Prima, dass die Hoteldirektion eine Informationsveranstaltung für Manager wie mich anbietet. Mal sehen, was ich mir so alles abgucken kann. Denn unser eigenes Haus bedarf dringend einer Renovierung. Vor allem unseren Energieverbrauch müssen wir senken. Wow, schicker Kasten, wie er da im Sonnenlicht schimmert. Irisierende Farben... Ist das jetzt rot, violett oder blau? "Herzlich willkommen, meine Damen und Herren im neuen Hightech-Retro-Hotel! Ich freue mich, Ihnen alles über unser neues Schmuckstück erzählen zu dürfen", begrüßt uns die Direktorin im überschwänglichen Stil einer stolzen Hotelmanagerin.
Puh, das klingt nach einem langen Rundgang. "Doch jetzt möchten wir Ihnen erst einmal eine Erfrischung anbieten." Hübsch – ein eiskalter Saft in nachempfundenen römischen Trinkbechern. Sehr erfrischend. Aber halt, was sind denn das für Umhänge? Ich soll mir doch nicht etwa diese Toga umwerfen? "Alles passend zum Motto. Probieren Sie die Funktionskleidung, die eine unserer Partnerfirmen herstellt, ruhig aus. In den Stoff sind biegsame Energiespeicher integriert, die eingewebte Leuchtdioden mit Energie versorgen. Organische Leuchtdioden aus Kunststoff dienen zudem als Namensschilder", erläutert die Direktorin. Gute Idee, viel besser als diese klassischen Namensschilder!
"Begleiten Sie mich kurz hier herüber. Unsere Außenfassade hat es in sich. Der Wandanstrich enthält metallische Nanopartikel, die wie eine Klimaanlage wirken. Sie lassen Sonnenstrahlung nur dann durch, wenn die Innenräume aufgeheizt werden sollen. Bei Außentemperaturen unter 23 °C sind die Nanopartikel in einer Art Schutzhülle gefangen – die Wärmestrahlung kommt ungehindert durch", erklärt die Managerin. "Bei über 23 °C ändern sich jedoch die Materialeigenschaften der Schützhülle. Die Nanopartikel werden sozusagen freigelegt und reflektieren die Wärmestrahlung. An heißen Tagen wie heute wirken sie wie ein Isolator." Erstaunlich, was diese Nanotechnologie heute alles schon leistet. Auch meine Kollegen Hotelmanager bekommen ganz große Augen. "Und wie finden Sie die Fassade? Je nach Lichteinfall und Temperatur schimmert unser Hotel in den unterschiedlichsten Farben. Durch spezielle Nanoteilchen ist der Außenanstrich außerdem wasser- und schmutzabweisend." Aha, da haben Graffiti-Sprayer echt schlechte Karten.
"Oben auf dem Dach sehen Sie unsere große Solaranlage. Sie liefert das Warmwasser. Zudem haben wir Solarzellen der neuesten Generation, mit einer Schichtabfolge, die das Sonnenlicht optimal ausnutzt. Sie liefern etwa Strom für unsere Lichtwand, die römische Skulpturen, Tempel oder Alltagsszenen in 3D zeigt. Darüber hinaus beziehen wir Strom auch von den Wind- und Geothermie-Anlagen der Umgebung – alles regenerative Energiequellen. Unsere CO2-Bilanz kann sich wirklich sehen lassen. Wir müssen keine CO2-Zertifikate kaufen, ganz im Gegenteil. Apropos Energieversorgung, wenn Sie später noch etwas Zeit haben sollten, dann besuchen Sie doch das nahegelegene Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk. Als Kunstliebhaberin finde ich die Architektur der Anlage beeindruckend. Und auch Technikfans werden dort auf ihre Kosten kommen. Lassen Sie sich von den Betreibern in die Geheimnisse der Nanobeschichtungen einweihen", werden wir motiviert.
"Bitte folgen Sie mir jetzt in die Lobby." Ein wahres Lichtparadies! Das muss doch ‘ne Menge Strom fressen... "Wir verwenden ein ausgeklügeltes und enorm energieeffizientes Leuchtensystem aus Energiesparlampen, Leuchtdioden, Sensoren und Elektronik und brauchen so fast 80 % weniger Strom als früher. Alle Gänge und Zimmer haben Bewegungsmelder. Zudem mischen wir Tages- und Kunstlicht. Das sorgt nicht nur für natürlichere Lichtverhältnisse, sondern spart auch Energie ein. Wer an Jetlag leidet – und das sind bei der heutigen Reisetätigkeit ja viele – kann sich in unserer römischen Therme unter den Lichtduschen erholen." Und dazu noch leises Wassergeplätscher, gedämpftes Licht, Karaffen mit Wein, duftende Öle, eine Massage…..upps, fast wäre ich in den riesigen Springbrunnen hineingestolpert. Seltsame Vibrationen unter meinen Füßen. Die Hotelchefin schmunzelt. "Glück gehabt! Wer unserem so genannten Jungbrunnen zu nahe kommt, wird durch die in den Boden integrierten Vibrations-Sensoren rechtzeitig gewarnt."
Toll, unter mir ein Mosaikboden aus der Römerzeit. "Das Mosaik in der Lobby sowie das Mobiliar wurden übrigens mit einer schmutzabweisenden Nano-Schutzschicht versiegelt. Die Rezeption und die Möbel in den Zimmern bestehen zudem aus Biokunststoffen”, sagt die Direktorin. "Kaum zu glauben, dass dieser antik anmutende Stuhl hier aus Stärke oder Zucker hergestellt wurde, nicht wahr? Da wir unser Hotelmotto ein- bis zweimal im Jahr ändern und damit auch die komplette Innenausstattung, legen wir auf umweltfreundliche Materialien größten Wert. Für die Fertigung der Möbel sind keine fossilen Rohstoffe nötig, und bei ihrer Entsorgung wird nur so viel Kohlendioxid frei, wie die Pflanzen vorher aus der Luft aufgenommen haben. Und die Abbauprodukte sind ungiftig. Einen Moment bitte, ich bekomme gerade eine dringende Nachricht von unserem Sicherheitsdienst. Gehört jemandem der Flügeltürer mit dem Kennzeichen M-UZ-2000?"
Das ist ja meiner... "Ein Hotelgast hat Ihr Fahrzeug beim Einparken leider touchiert. Doch es scheint nicht allzu schlimm zu sein." Oh nein, ich habe die Luxuslimousine doch erst seit drei Monaten! Da sehe ich besser gleich mal nach. Zum Glück nur eine kleine Schramme. Die heilt von selbst. In wenigen Stunden wird sich der Autolack auf Nanobasis sozusagen erneuert haben. Der Weg zur Werkstatt bleibt mir also erspart. Immer optimistisch denken: Jetzt ist mein Auto wenigstens eingeweiht. Schnell zurück zur Führung – die ist richtig spannend.
"Zum Abschluss möchte ich Ihnen gerne noch unseren Zubringer vorstellen. Das Hightech- Retro-Hotel hat den Bau der umweltfreundlichen Stadtbahn gesponsert und beteiligt sich an den Betriebskosten. Die Bahn erhielt vor kurzem sogar einen Umweltpreis. Sie verfügt über Elektromotoren und Doppelschicht-Kondensatoren, so genannte Supercaps. Beim Bremsen wirkt der Motor als Generator: Er gewinnt die Bremsenergie zurück. Diese Energie wird in den Supercaps gespeichert und beim Beschleunigen der Bahn wieder genutzt. Das spart etwa ein Viertel an Energie. Gerne hätte ich Ihnen noch die mit einem Designerpreis ausgezeichneten Hotelzimmer gezeigt. Doch da wir ausgebucht sind, müssen wir darauf verständlicherweise verzichten. Als kleinen Trost schenken wir Ihnen die römische Toga sowie einen Hotelgutschein für eine Übernachtung. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Sie im nächsten Jahr wieder bei uns begrüßen dürfte. Unser Motto lautet dann: am Hofe des Sonnenkönigs", verabschiedet sich die charmante Direktorin. Sehr interessante Anregungen für unser eigenes Hotel. Ob wir auch solche Eventwochen einführen sollten – vielleicht "am Hof der Nofretete" oder "Hotel im Weltall"?
Ulrike Zechbauer
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