Materialien für die Umwelt – Interview
"Chinas Bevölkerung braucht ein Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung"
Interview mit Wan Gang
Wan Gang, 55, ist seit April 2007 Minister für Wissenschaft und Technologie in China. Als erster Ministe seit 35 Jahren ist er nicht Mitglied der Kommunistischen Partei. Prof. Wan machte seinen Master in Fahrzeugtechnik an der renommierten Shanghaier Tongji-Universität. 1990 promovierte er in Deutschland an der Technischen Universität Clausthal. Von 1991 bis 2000 machte er bei Audi in Ingolstadt Karriere, zunächst in der Fahrzeugentwicklung, später im Planungsstab. Ende 2000 kam er zurück nach China, um von der Tongji-Universität aus ein landesweites Forschungsprogramm zur Entwicklung von elektrischen Fahrzeugen und Wasserstofftechnologie zu koordinieren. 2004 wurde er zudem Präsident seiner Alma Mater
Herr Professor Wan, Sie sind seit einem halben Jahr Minister für Wissenschaft und Technologie. Vor welchen Herausforderungen steht China auf diesen Feldern?
Wan: Man muss das von zwei Seiten betrachten. China hat seit seiner Öffnung sehr große wirtschaftliche Erfolge erzielt und ist auf dem Weg zur Industrialisierung. Dieser Fortschritt schafft viel Gutes, aber er bereitet auch Probleme, etwa in Bereichen wie Energiesicherheit, Umweltschutz oder Klimawandel. Wir suchen nach einem Weg der nachhaltigen Entwicklung – eine Herausforderung, vor der natürlich nicht nur wir Chinesen stehen, sondern die gesamte Menschheit.
Welche Rolle spielen technische Entwicklungen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen?
Wan: Eine gewaltige. Um die Probleme zu lösen, brauchen wir Innovationen. Das steht auch so in unserem langfristigen Entwicklungsplan, den wir 2006 veröffentlicht haben. China strebt an, in den nächsten zehn bis 15 Jahren einen innovationsorientierten Staat aufzubauen. Allerdings reicht es nicht aus, dass sich Wissenschaftler mit den Problemen beschäftigen. Unsere gesamte Bevölkerung braucht ein Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung. Als Ministerium für Wissenschaft und Technologie ist es deshalb unsere Hauptaufgabe, jede Art von Aktivität zu unterstützen, die Nachhaltigkeit stimuliert.
Welche Schlüsseltechnologien werden in China besonders gefördert?
Wan: Wir haben mehrere Schwerpunkte. An erster Stelle stehen neue Formen der Energiegewinnung, etwa Clean Coal, also die saubere Nutzung von Kohle, oder erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie. Weitere Bereiche sind Umweltschutz und Informationstechnologie. Wichtig ist auch die Gesundheitsforschung, angefangen von Biotechnologie und Pharmaindustrie über neue Diagnoseverfahren bis zur Entwicklung von medizinischen Geräten. In Zukunftstechnologien wie Nanotechnologie oder Raumfahrt betreiben wir ebenfalls intensive Grundlagenforschung. An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen: Wir müssen die gesamte Bevölkerung in die Entwicklung einbinden.
Wie lässt sich das verwirklichen?
Wan: Zum Beispiel hat China Ende Mai 2007 als erstes Entwicklungsland ein staatliches Konzept für den Umgang mit dem Klimawandel entworfen. Es umfasst Grundlagen-, Technologie- und Anwendungsforschung sowie die Beteiligung der breiten Bevölkerung. Der Öffentlichkeit erklären wir beispielsweise, was passieren würde, wenn jeder seine Klimaanlage um ein Grad höher stellt, wenn wir alle unsere Autos für einen Tag stehen lassen, wenn wir umweltfreundliche Waschmittel einsetzen und so weiter. So sensibilisieren wir die Menschen und machen ihnen bewusst, dass jeder etwas für Umweltschutz und gegen Klimawandel tun kann.
Eine bedeutende Rolle spielt in dieser Hinsicht auch die Industrie. Veraltete Technik in Fabriken führt zu gewaltigen Umweltschäden, die Mensch und Natur ernsthaft gefährden. Moderne Anlagen hingegen arbeiten effizienter und sauberer …
Wan: Ja, Umweltschutz bedeutet auch, die Prozesse in der Industrie effizienter zu gestalten, Abläufe besser zu planen und Technologien miteinander zu verbinden, um Kreislaufwirtschaften zu schaffen. In der Stahlindustrie lässt sich etwa Restwärme in nutzbaren Strom verwandeln, Schlacke zu Baustoffen aufbereiten oder Kühlwasser reinigen. Das ist nicht nur umweltfreundlich und energiesparend, sondern schafft gleichzeitig auch Wert. In China sind wir gerade dabei, das umzusetzen. Und wir wissen, dass Siemens ein Unternehmen ist, das beim Umweltschutz und bei der Optimierung von Industrieprozessen weltweit führend ist und die Entwicklung vorantreibt. Da besteht für Siemens ein großes Marktpotenzial.
Wie müssen Kooperationen aussehen, damit solche Technologien in China nutzbar gemacht werden können?
Wan: Umweltschutz ist ein Thema, dem alle Menschen auf der ganzen Welt verpflichtet sind. Jeder sollte dabei das einbringen, was er hat. Dabei ist es wichtig, neue Technologien, die in den Industriestaaten bereits verwendet werden, so bezahlbar zu machen, dass auch Entwicklungsländer wie China sie nutzen können. Dieser Technologietransfer führt dann auch zur Weiterentwicklung und einer Vergrößerung des Marktes. Und je mehr neue Technologien eingesetzt werden, desto mehr können wir gemeinsam sparen. Gleichzeitig muss China natürlich auch aus eigener Kraft innovativ werden. Aber ein innovationsorientiertes Land zu sein, bedeutet nicht, alles selber zu machen oder noch einmal neu zu erfinden.
Ein Aspekt, der internationalen Unternehmen große Sorgen bereitet, ist der Schutz von geistigem Eigentum. Anspruch und Realität liegen da noch immer weit auseinander. Was tut China, um die Kluft zu schließen?
Wan: China hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen: Wir sind im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten, haben internationale Staatsver-träge abgeschlossen und ein Rechtssystem aufgebaut. Es gibt inzwischen viele Gerichtsverfahren und -urteile, die den Schutz des geistigen Eigentums in China stärken. Wir wissen, dass das noch nicht genug ist, aber wir bemühen uns sehr, den Standard weiter zu verbessern. Schließlich ist der Schutz von geistigem Eigentum eine Grundvoraussetzung für den Aufbau eines innovationsorientierten Staates. Menschen sind nur motiviert, Innovationen zu entwickeln, wenn diese auch geschützt sind. Die Firmen müssen verstehen, dass der Schutz fremder Technologien auch den Schutz ihrer eigenen Neuentwicklungen bedeutet. Diese Erkenntnis wird letztlich mehr bewirken als scharfe Gesetze. In dieser Hinsicht haben wir in den vergangenen fünf Jahren große Fortschritte gemacht, und in den nächsten fünf Jahren wird sich die Situation weiter verbessern.
Traditionell spielt bei der technischen Entwicklung in China die Regierung eine starke Rolle. Inzwischen treibt aber auch die chinesische Industrie Innovationen voran. Welche Aufgabenverteilung zwischen Staat und Wirtschaft streben Sie für die Zukunft an?
Wan: Was für den Staat wichtig ist, wird er unterstützen und dafür auch die Vorkosten tragen. Zum Beispiel bei Brennstoffzellenfahrzeugen: Dort ist die Technik noch nicht marktreif, weshalb vorerst der Staat die Kosten tragen muss. Aber wo eine Technik bald vermarktet werden kann, wird der Staat nur noch die Rahmenbedingungen schaffen und den Markt sich selbst entwickeln lassen.
Sie waren selbst lange Jahre in der Forschung an einer deutschen Universität sowie im Management eines deutschen Automobilunternehmens tätig, kennen also die Stärken und Schwächen sowohl im Westen wie im Osten. Wie würden Sie die Bedingungen vergleichen?
Wan: Die Stärke in Europa, speziell in Deutschland, besteht darin, dass sehr viele Produkte von der Industrie allein entwickelt werden. Siemens ist da ein gutes Beispiel: Das Unternehmen hat seine eigene Erfolgsstrategie entwickelt, investiert frühzeitig in Innovationen und bringt dann weltweit seine Produkte auf den Markt. Chinas Industrie ist mit seiner kurzen Entwicklung noch nicht in der Lage, bei solchen Prozessen strategisch oder finanziell mitzuhalten. Deshalb ist die Unterstützung des Staates wichtig, um Firmen, Hochschulen und Forschungsinstitute zusammenzuführen. Ich nehme noch einmal das Beispiel der Brennstoffzellenfahrzeuge: Der Staat hat hier die Kooperation von Experten aus Universitäten, Forschungszentren und Fahrzeugindustrie koordiniert, um Schlüsselkomponenten und Antriebssysteme zu entwickeln. Die Technik haben wir dann in verschiedene Autos eingebaut, von Volkswagen, SAIC (Shanghai Automotive Industry Cooperation) und Chery. Damit verbreiten wir die Technologie. Ich glaube, solche Kooperationen sind unsere Stärke. Wenn ein auf diese Weise entwickeltes Produkt zur Marktreife kommt, wird sich der Staat zurückziehen.
Wie weit ist die Entwicklung?
Wan: Anfang des Jahres haben wir unsere vierte Generation fertig gestellt. Die Beschleunigung auf 100 km/h dauert jetzt weniger als fünfzehn Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 150 km/h. Bei den XXIX. Olympischen Sommerspielen, die im kommenden Jahr in Peking ausgetragen werden, werden wir diese Wasserstoff-Fahrzeuge vorstellen. Auf dem Olympia-Gelände werden wir etwa 20 Brennstoffzellen-Pkw und etwa zehn Brennstoffzellenbusse einsetzen, außerdem 50 mit Batterien betriebene Elektrobusse und noch einmal 300 mit Batterien angetriebene Kleinwagen. Das geht alles auf chinesische Forschungsprojekte zurück, die wir vor fünf bis sieben Jahren gestartet haben. Und jetzt können wir sehen, wie die Technologie zum Einsatz kommt.
Das Interview führte Bernhard Bartsch