Siemens weltweit – Energieversorgung New York
Strom für die Bronx
Eine Siedlungsgenossenschaft in New York erhöht mit Hilfe von Siemens die Leistung ihres Kraftwerks so stark, dass sie künftig überschüssigen Strom zum Marktpreis an den lokalen Versorger verkaufen kann – so sichert sich der Stadtteil der Bronx zusätzliche Einnahmen. Er wird zum Stromerzeuger statt lediglich Verbraucher zu sein.
Co-op City: Mit dem Kraftwerk will die Siedlung Gewinne erzielen und ihre Infrastruktur verbessern
Am 27. Juni 2007 fiel in Teilen von Manhattan und im Süden der Bronx für 45 Minuten der Strom aus. Es war der zweite feuchtschwüle Tag des Jahres mit Temperaturen um die 32 °C. Viele New Yorker wurden schlagartig an den Stromausfall vor vier Jahren erinnert, bei dem ihre Stadt und große Teile des Nordostens und Mittleren Westens tagelang ohne Strom waren.
Der Stromlieferant Consolidated Edison (Con Edison), der 3,2 Millionen Kunden im Großraum New York versorgt, führt derzeit einen erbitterten Kampf gegen die in die Jahre gekommene Infrastruktur. Gleichzeitig nehmen jedoch Nachfrage und Auslastung rasant zu. Deshalb rät Con Edison seinen Großkunden, ein unabhängiges Elektrizitätswerk in Betrieb zu nehmen, das den Eigenbedarf abdecken kann.
Ein solch unabhängiger Kunde wird künftig Co-op City sein, eine Siedlungsgenossenschaft im Nordosten der Bronx. Allerdings sind ihre zwei Anlagen veraltet, und Siemens wurde mit einem neuen 40-MW-Kraftwerk beauftragt. Die 65 Mio. US-$ teure Anlage soll Elektrizität, Wärme, heißes Wasser und Kühlung für rund 16 000 Wohneinheiten liefern. Sie wird nicht nur alle 60 000 Einwohner versorgen, sondern auch zusätzlichen Strom erzeugen, der an Con Edison verkauft wird.
Im Dezember 2007 soll die Anlage ans Netz gehen – zwei Monate früher als geplant. Das neue Kraftwerk wird wesentlich effizienter arbeiten, mehr Leistung erbringen und die Umwelt weniger verschmutzen als die beiden Vorgänger. "Wenn man Erdgas im Wert von einem Dollar nur in eine Gasturbine steckt, erzeugt diese Strom im Wert von 0,35 US-$, und 0,65 US-$ sind verloren", erklärt der Direktor des Kraftwerks, Brian Reardon, indem er seine Lieblingsmetapher benutzt. "In unserem System nutzen wir jedoch bis zu 76 Cent eines jeden Dollars."
Beim neuen Kraftwerk wird der Dampf, der durch die Abwärme der Gasturbine entsteht, in eine Dampfturbine geleitet, die ebenfalls Strom erzeugt. Ein Teil der Abwärme dieser Turbine wiederum wird dann nochmals genutzt, um heißes Wasser für den gesamten Wohnkomplex zu erzeugen. Mit dem anderen Teil werden die so genannten steam drivers und chillers angetrieben, die sowohl Wärme erzeugen, als auch die Klimaanlage betreiben.
Die maximale Leistung von 40 MW ist etwa doppelt so viel, wie die Siedlung braucht. Die überschüssige Energie wird zum Marktpreis an Con Edison verkauft. So meint die Verwaltungsgesellschaft Riverbay Corporation, dass sie auf diese Art 15 bis 25 Mio. US-$ pro Jahr einnehmen wird, womit die Investition für das Kraftwerk innerhalb von drei bis fünf Jahren abbezahlt wäre. Danach würden diese Einnahmen für andere dringende Investitionen in die Infrastruktur der Wohnsiedlung zur Verfügung stehen. Ein zusätzlicher Vorteil der gegenwärtigen Modernisierung ist, dass die Anlage mit sauberen Brennstoffen betrieben werden kann. Das heißt, dass das neue Kraftwerk trotz der erheblichen Kapazitätserweiterung weniger Schadstoffe ausstoßen wird als die alte Anlage. Siemens lieferte für das Projekt zwei Gasturbinen, eine Dampfturbine und das Leitsystem. Außerdem wird der Konzern eine Mittelspannungs-Schaltanlage schlüsselfertig installieren.
Einer der Gründe für die Zufriedenheit Reardons ist, dass er mit dem Key Account Manager John Sprance bei Siemens einen einzigen Ansprechpartner für alle technischen, kommerziellen, logistischen und Service-orientierten Fragen und Probleme hat. "Ich biete ihm eine nahtlose Lösung für alle Fragen, die normalerweise ganz unterschiedliche Abteilungen betreffen. Das erspart ihm Arbeit, Zeit und Frust", erläutert Sprance. "Gerade bei diesem Projekt gab es eine lange, detaillierte Planung. Es erforderte hoch qualifiziertes Projektpersonal, um alle Bedürfnisse zeit- und kostenoptimal zu berücksichtigen." Das bestätigt auch Jeff Torbitt, Projektleiter des mit der Installation beauftragten Unternehmens: "Dies ist eines der bestorganisierten Projekte, die ich kenne."
Doppelt so viel Leistung als nötig. Die Idee, die Anlage so stark zu erweitern, wie es jetzt der Fall ist, kam auf, nachdem die ersten Berechnungen angestellt worden waren und jeder sich fragte: "Woher soll das Geld dafür kommen?" Ein großer Posten auf der Ausgabenliste war Con Edisons Notfall-Versorgung. "Wir hätten viel Geld nur dafür ausgeben müssen, dass wir bei einem Stromausfall von Con Edison mit Energie versorgt werden", erinnert sich Reardon.
Er war es auch, der die geniale Idee hatte, anstatt Geld an Con Edison zu bezahlen, den selbsterzeugten Strom an das Unternehmen zu verkaufen. "Eine Anlage mit der doppelten Kapazität zu erstellen, und dann den überschüssigen Strom zu verkaufen – das war die Idee, die uns und dem gesamten Projekt zum Durchbruch verhalf", sagt er. Damit wurde das Ganze nicht nur machbar, sondern sogar profitabel. Wenn in einigen Jahren die Schulden zurückgezahlt sind, werden die Einnahmen durch das Kraftwerk helfen, den Stadtteil weiter voranzubringen – bei steigenden Strompreisen vielleicht früher als erwartet.
"In solch etablierten Megastädten wie New York hilft die Erneuerung der wichtigen Infrastruktur sowohl den Einwohnern als auch ansässigen Firmen. Dieses einzigartige Projekt zur Verbesserung der Infrastruktur stellt nicht nur der Siedlung genügend Strom zur Verfügung. Es ist auch ein Mittel, um einkommensschwachen Mitbürgern eine Chance zu geben, ihre Lebensqualität zu verbessern", sagt Randy Zwirn, Leiter von Siemens Power Generation (PG) in USA und Mitglied des Bereichsvorstands von PG.
Das Riverbay-Management stimmt dem voll und ganz zu. "Als wir uns vor Jahren die verfallende Anlage anschauten und deren Zustand überprüften, wurde uns klar, dass wir sehr viel Geld und Arbeit investieren müssen", sagt Herb Freedman von der Marion Scott Immobiliengesellschaft, die Co-op City für Riverbay managt. "Und wenn man schon so viel Geld und Arbeit reinstecken muss, warum soll man es dann nicht gleich richtig machen?", fügt er hinzu.
Harald Weiss