Antworten auf die großen Fragen
Peter Löscher
ist Vorstandsvorsitzender
der Siemens AG
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit voller technischer, wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen. Staaten bildeten sich neu, Bürgertum und Arbeiterschaft forderten ihre Rechte, und technische Errungenschaften durchdrangen das Alltagsleben: Elektrisches Licht erhellte die Metropolen, Schienen verbanden sie miteinander, und erstmals konnten telegrafische Nachrichten minutenschnell über Kontinente und Meere transportiert werden. Einer der Treiber all dieser Entwicklungen war ein Mann, der vor genau 160 Jahren – im Oktober 1847 – in einem Berliner Hinterhof eine kleine Firma gründete: Werner von Siemens.
Seine Erfolgsrezepte sind heute ebenso gültig wie damals: Er fand Antworten auf große Fragen seiner Zeit. So brauchten Politik und Wirtschaft eine möglichst schnelle Übermittlung von Nachrichten. Werner von Siemens erfand den Zeigertelegrafen, der, wie er sagte, "geradezu lächerlich einfach und schnell zu bedienen" war: Usability, Benutzerfreundlichkeit, heißt das im heutigen Sprachgebrauch. Zudem dachte er global und bewältigte Herausforderungen, an die sich niemand sonst wagte: So verlegte seine Firma mit einem eigens gebauten Schiff Transatlantikkabel von Europa nach Amerika.
Doch die größte Umwälzung brachte seine Erfindung der Dynamomaschine – sie legte den Grundstein der Elektrotechnik. Erst damit war es möglich, mechanische Energie in elektrische umzuwandeln und Strom überall dort verfügbar zu machen, wo er gebraucht wurde: ob für Licht oder für neuartige Motoren. 1879 baute Siemens die erste elektrische Eisenbahn, 1880 den ersten elektrischen Aufzug, 1881 die erste elektrische Straßenbahnlinie – und er sah die Entwicklung von Kraftwerken voraus: "Kleine Maschinen, die ihre Kraft von großen erhalten, werden möglich und nützlich", schrieb er seinem Bruder Wilhelm: "Die Sache ist sehr ausbildungsfähig".
In der Tat: Elektrischer Strom ist die Basis unserer modernen Gesellschaft, und Technologien zur sauberen, effizienten Erzeugung, Übertragung und Nutzung von Strom sind nach wie vor eine der Säulen des Erfolgs von Siemens. Heute wie vor 160 Jahren drehen sich Forschung, Entwicklung und Innovationen bei Siemens um die Beantwortung der großen Fragen unserer Zeit. Fragen wie diese: "Wie lässt sich der steigende Bedarf an Energie befriedigen und zugleich die Auswirkung auf Klima und Umwelt minimieren?" Unsere Antworten darauf gibt diese Ausgabe von Pictures of the Future (Materialien für die Umwelt): Sie reichen von Beschichtungen riesiger Gasturbinen bis zu neuen Zugantrieben, hocheffizienten Lichtquellen, Solar- und Geothermie- Kraftwerken oder Verfahren, 52 m lange Rotorblätter in einem Stück zu fertigen und sie so robust zu machen, dass sie weit vor der Küste Strom aus Wind erzeugen können.
Ebenso wichtig sind die Fragen, die sich aus den Megatrends der Urbanisierung und des demographischen Wandels ergeben: "Wie lässt sich durch nachhaltige Entwicklung eine möglichst hohe Lebensqualität in den Städten erreichen?" und "Wie kann man Krankheiten frühzeitig erkennen und sie so besser behandeln?" Auch hier hat Siemens zahlreiche Lösungen zu bieten, wie die Ausgaben von Pictures of the Future, Herbst 2006 und Frühjahr 2007, belegen.
Eine weitere Frage werfen die globale Arbeitsteilung und die wachsenden Konsumbedürfnisse der Menschen auf – die Frage nach der "Zukunft der Fertigung in der Welt von morgen": Immer schneller, flexibler, qualitativ hochwertiger, ressourcenschonender und kostengünstiger sollen die Produkte hergestellt werden. Unsere Antwort darauf ist die "intelligente Fabrik” (Zukunft der Fabriken): Wir entwickeln die Lösungen, um Produkte vollständig in der virtuellen Welt zu entwerfen, zu bauen, zu simulieren und zu testen – in weltweiter Zusammenarbeit entlang ihres Lebenszyklus und entlang der ganzen Wertschöpfungskette, noch bevor an einer einzigen Schraube in der realen Welt gedreht wird. So kann man Produkte und ihre Fertigungsprozesse von Anfang an optimieren – auch im Hinblick auf ihre Umweltauswirkungen.
Nicht zu vergessen bei der Beantwortung all dieser Fragen – ob für Energieversorgung, Gesundheit oder Industrie – ist zudem eine wichtige Querschnittstechnologie: eine leistungsfähige Informations- und Kommunikationstechnik (Nahtlose Kommunikation). Auch hierfür hat Werner von Siemens bereits vor 160 Jahren den Grundstock gelegt.