Stadtentwicklung – Trends
Modellfall Megacity
Wucherndes Wachstum, alte oder unzureichende Infrastruktur und drückende Probleme der Finanzierung – Megacities vor allem in Schwellenländern stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Dennoch ist eine nachhaltige Entwicklung möglich, mit einer verantwortlichen politischen Führung, mit Hilfe privater Investoren und mit intelligenten technischen Lösungen.
Boomtown Shanghai: Obwohl sich die Megacity rasant entwickelt, setzen Planer bei verschiedenen Projekten auch auf Nachhaltigkeit, etwa in der Automobilstadt oder in der Eco-City Dongtan
Megacities sind komplex und einzigartig", sagt Dr. Willfried Wienholt. "Es ist eine Herkulesaufgabe, ihren Herausforderungen wirkungsvoll zu begegnen. Das erfordert unter anderem viel Kreativität und Finanzkraft." Wienholt beschäftigt sich bei Siemens Corporate Technology (CT) seit mehr als einem Jahr mit dem Megatrend der Urbanisierung und mit Megacities – Städten über zehn Millionen Einwohnern nach der Definition der Vereinten Nationen. Er ist überzeugt, dass "das Prinzip der Nachhaltigkeit bei der künftigen Entwicklung von Städten wesentlich stärker berücksichtigt werden muss."
Denn 90 % des Bevölkerungswachstums bis zum Jahr 2030 wird in Städten stattfinden. Schätzungen zufolge wachsen die urbanen Zentren in Asien, Afrika, Lateinamerika und dem Mittleren Osten bis dahin um weitere zwei Milliarden Menschen. Für Infrastruktur und Umwelt sind das extreme Belastungen. Beispiel Wasser: Schon heute verbrauchen Städte weltweit 60 % des Trinkwassers, entweder direkt oder indirekt zur Bewässerung für Nahrungsmittel. Beispiel Energie: Der Bundesstaat São Paulo, der größte Ballungsraum in Lateinamerika, benötigt 60 % der Energie Brasiliens.
Die Vereinten Nationen haben daher eine Reihe Ziele für eine nachhaltige Entwicklung formuliert, die die Lebensqualität in Städten verbessern sollen. Jeder Bewohner soll eine angemessene Unterkunft und Zugang zu sauberem Wasser haben. Energieversorgung und Verkehrssysteme sollen möglichst effizient und dabei umweltverträglich sein. Flächennutzung und Bauprojekte sollen nachhaltig erfolgen.
Eco-City Dongtan. Das ist nicht nur eine theoretische Forderung, sondern auch praktisch machbar, wie das Beispiel Dongtan zeigt, die erste "Eco-City" der Welt. Auf einer Insel in der Mündung des Yangtse nahe Shanghai soll in den nächsten Jahren auf 630 ha eine Stadt entstehen, in der minimaler Wasserverbrauch, effizienteste Energieversorgung – auch mit alternativen Quellen – zur Minimierung des CO2-Ausstoßes und höchste Lebensqualität durch Parks, Seen und offene Räume den Alltag bestimmen werden. Die erste Bauphase soll zur Weltausstellung 2010 in Shanghai abgeschlossen sein. Dongtan wäre dann ein weltweites Vorbild für eine ideale Stadtentwicklung.
Aus Sicht der heutigen Megacities in Schwellenländern ist so etwas ein Wunschtraum. "Hier ist Nachhaltigkeit nur in Teilbereichen zu schaffen", sagt der renommierte Stadtplaner Prof. Albert Speer (siehe Interview). Wuchernde Städte wie Mumbai in Indien ersticken im Verkehr, leiden unter einem maroden Trink- und Abwassersystem, das noch von den britischen Kolonialherren gebaut wurde, und müssen pro Tag 350 neue Familien als Zuzügler verkraften ( Indien). Die Infrastruktur droht zu kollabieren. Auf dem Weg, die UN-Ziele zu erreichen, steht Mumbai wie viele ähnlich strukturierte Städte vor gewaltigen Herausforderungen.
Einfache Lösungen sind dabei nicht in Sicht. Das liegt weniger an fehlenden Technologien, eher an der Komplexität der Strukturen. Der Schlüssel zu einer möglichst nachhaltigen Weiterentwicklung von Megacities, egal ob in Industrie- oder Entwicklungsländern, liegt in einer verantwortlichen Regierungsführung, im Englischen als "good governance" bezeichnet. Dahinter verbirgt sich die Gesamtheit des Regierens, Verwaltens und Wirtschaftens in einer Kommune oder einem Staat mit all seinen komplexen Beziehungen. Dies verlangt ein möglichst effizientes, transparentes und sozial verträgliches Handeln mit klaren Verantwortlichkeiten.
In einer Demokratie sind diese Prozesse oft quälend langsam; Beteiligte werden gehört, die Abstimmung zwischen Institutionen erfordert Zeit und nach der nächsten Wahl können die Karten völlig neu gemischt werden. Entgegen der landläufigen Meinung laufen die Prozesse auch in China ähnlich ab. "Wenn man das Land kennt, weiß man, dass politische Entscheidungen nicht einfach von oben diktiert werden. Die einzelnen Regionen und Kommunen haben schon ein gewichtiges Wort mitzureden", sagt Speer, der seit den 90er Jahren zahlreiche Projekte in China verwirklicht hat.
Anstrengungen bezüglich Umwelt und Nachhaltigkeit sind in vielen Städten der Welt auch deshalb nicht einfach, weil sie oft erst einmal eher negativ beurteilt werden, da sie zunächst viel Geld kosten. "Aber diese Investitionen zahlen sich mehrfach aus", sagt Siemens-Experte Wienholt. Sie verbessern nicht nur die Lebensqualität der Einwohner, sondern haben auch weitere Effekte, die die Wirtschaftskraft der Stadt erhöhen: So bedeuten weniger Staus eine höhere Produktivität. "Eine attraktive Stadt zieht letztlich mehr Investitionen an und wird zu einem bedeutenden Wirtschaftsmotor", sagt Wienholt. In Indien verlagert sich daher auch vielerorts das Wirtschaftswachstum von den Megacities auf kleinere Städte in der Nähe, weil diese flexibler agieren und bessere Bedingungen bieten. Beispiel Pune: Die Stadt mit drei Millionen Einwohnern – per Autobahn in knapp zwei Stunden von Mumbai aus erreichbar – übertrifft die 18-Millionen-Metropole beim Wachstum seit Jahren.
Drei Kategorien von Megacities. Wienholt hat mit seinem Team bei CT und externen Partnern eine Studie zur nachhaltigen Entwicklung von Städten erarbeitet. Sie verwendeten dabei die Methodik der Pictures of the Future von Siemens, mit der Trends analysiert und Voraussetzungen für die Entwicklung neuer Technologien erarbeitet werden. Die Studie teilt Megacities in drei Kategorien ein:
"Es gibt nicht die Megacity", sagt Wienholt. "Man muss immer das ganz spezielle Umfeld betrachten." Jeder Stadt-Archetyp habe mit verschiedenen Problemen zu kämpfen. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Auch in Städten wie Tokio besteht zum Teil dringender Handlungsbedarf. Die Bevölkerung in der japanischen Hauptstadt überaltert, was vielfältige Konsequenzen hat. Auch die Infrastruktur – obgleich hervorragend ausgebaut – erfordert anhaltende Investitionen. So ist etwa die Hälfte der Anlagen zur Wasserversorgung und -aufbereitung in einer Phase, in der massive Modernisierungen anstehen.
Verkehrschaos in Jakarta, relative Ordnung in New York: Eine leistungsfähige Infrastruktur ist für den Erfolg einer Metropole ausschlaggebend. Je höher die Investitionen, desto höher die Lebensqualität
Trotz aller Unterschiede zwischen den Megacities gibt es gemeinsame Trends. Das private Institute for the Future im kalifornischen Palo Alto spricht von "leichter" Infrastruktur. Damit sind Systeme gemeint, die ihre Stärke aus der Vernetzung vieler Teile beziehen. Beispiel Energieversorgung: Auch die Siemens-Experten von CT gehen davon aus, dass künftig dezentrale Erzeugungseinheiten einen höheren Anteil an der installierten Leistung haben werden.
So erfahren Windkraftanlagen weltweit einen Aufschwung, und Siemens und andere Hersteller entwickeln beispielsweise kleine Hochtemperatur-Brennstoffzellen, die in Gebäudekomplexen zur Strom- und Wärmeversorgung dienen können. Viele kleinere, verteilte Systeme sind weniger anfällig, können via Internet gesteuert werden und sich sogar selbst vernetzen, wie moderne Kommunikationslösungen zeigen, die auf Ad-hoc-Netzen beruhen (Kommunikation im Krisenfall). Auch Siprocess, eine miniaturisierte Chemiefabrik, die Siemens gerade auf den Markt bringt, ist ein Beispiel für flexiblere, effizientere und umweltschonendere Produktion ( Chemie und Pharma).
Ein weiterer Trend: Städten wird in Zukunft eine stärkere politische Bedeutung zukommen, weil sie oft einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines ganzen Staates ausmachen und ein vergleichbar hohes Steueraufkommen haben. So erwirtschaftet Tokio etwa 40 % des BIP von Japan und Buenos Aires 45 % des BIP von Argentinien.
Mehr politische Bedeutung gepaart mit starker Wirtschaftskraft führt angesichts leerer kommunaler Kassen zu neuen Finanzierungsmodellen. Immer häufiger stellen private Investoren Geld für Infrastrukturprojekte zur Verfügung. Diese Entwicklung steht aber in vielen Ländern erst am Anfang, weil erst jetzt die gesetzlichen Rahmenbedingungen für private Beteiligungen geschaffen werden.
Auch Siemens wird zunehmend zum universellen Partner nicht nur für technische Lösungen. Siemens Financial Services (SFS) ist international führend im Geschäft mit der maßgeschneiderten Strukturierung von Projektfinanzierungen – 130 Mitarbeiter sind auf diesem Gebiet tätig. "Eine so große und erfahrene Truppe hat kein anderes Industrieunternehmen und auch keine Großbank", sagt Johannes Schmidt, Geschäftsführer von SFS.
Der Bereich SFS mit etwa 1 700 Mitarbeitern ist nicht nur Kompetenzzentrum für Finanzierungsthemen und -risiken für Siemens, sondern auch für externe Kunden und Investoren. "Im Kern geht es um Risikomanagement", erklärt Schmidt. "Jeder Investor will schließlich eine dem Risiko angemessene Rendite." Derzeit arbeitet das Team der Project & Export Finance an Finanzlösungen für 600 Siemens-Projekte. Das macht insgesamt ein zu finanzierendes Projektvolumen von mehr als 55 Mrd. €.
Bei jedem neuen Projekt analysieren die SFS-Experten den Markt, die rechtliche und politische Umgebung sowie die technischen Details. Dann erstellen sie eine Finanzierung, die Kredite internationaler Institutionen wie der Weltbank oder privater Großbanken und den Kapitalmarkt einbezieht. In einigen Fällen steigt SFS auch mit eigenem Kapital ein, wie im Fall des ersten privaten indischen Flughafens in Bangalore.
"Wir sind seit Beginn der Planungen 1999 mit im Boot", berichtet Dr. Wolfgang Bischoff, Geschäftsführer der Siemens Project Ventures (SPV), die das Equity-Geschäft der SFS verantwortet. "Erst im Juli 2005 begann der Bau." Zuvor hatten die Standortdebatte, nötige Gesetzesänderungen und zwei Regierungswechsel die Planung verzögert. Stets am Ball zu bleiben hat sich indes gelohnt: Verschiedene Siemens-Bereiche werden die technische Ausstattung wie Gepäckbeförderung, Kommunikation, Computer, Brandschutz, Klimaanlage, Sicherheitseinrichtungen, Flugfeldbeleuchtung, Leitzentrale und Energieversorgung für den dringend benötigten neuen Flughafen liefern ( Indien und (Flughäfen. "Bei der Eröffnung im April 2008 wird Bangalore der modernste indische Airport sein", sagt Bischoff. Und in Indien eröffnen sich weitere Chancen: In den nächsten Jahren sollen etwa 40 Flughäfen privatisiert und modernisiert werden.
Risiken ausbalancieren. Die Herausforderung für SFS ist nicht nur, eine ausgewogene Finanzierung zu finden, sondern auch die Risiken zwischen allen Projektbeteiligten auszutarieren. Beispiel Chinesisch-Deutsches Freundschaftskrankenhaus: Bis 2010 soll in der Shanghai International Medical Zone ein Krankenhaus mit 500 Betten (ausbaubar auf 1000) entstehen. Beteiligt sind SPV, der deutsche, private Krankenhausbetreiber Asklepios und die Tongji Universität in Shanghai. "Wir optimieren derzeit den Businessplan und strukturieren die Finanzierung", sagt SPV-Projektentwickler Andreas Fortströer. "Es ist sehr wichtig, dass sich jeder der Partner auf das konzentriert, wofür er die größte Expertise besitzt." Die Asklepios Kliniken werden daher ihr Wissen im Bereich des kommerziellen Betriebs einschließlich der wirtschaftlichen Optimierung der Arbeitsabläufe einbringen.
Aufgabe der chinesischen Partner ist es, die Besonderheiten des lokalen Markts in das Projekt einzuspeisen. So gibt es in China praktisch keine Hausärzte; bei jeder Erkältung wird ein Krankenhaus aufgesucht. Das hat natürlich Einfluss auf die Größe der Ambulanz. All diese Informationen fließen bei SPV zusammen, wo Fortströer mit einem Team eine tragfähige Planung erarbeitet und die Abstimmung des Gesamtkonzepts vornimmt.
"Wir müssen dazu auch wissen, wie groß der anvisierte Kundenkreis überhaupt ist, mit wie vielen Patienten wir rechnen können, mit welchen Krankheiten sie statistisch kommen werden, und wie wir medizinische Geräte von Siemens einsetzen können", sagt Fortströer. Am Ende der Planung steht dann eine fundierte Wirtschaftlichkeits- und Risikoanalyse für das Krankenhaus, die letztlich auch Grundlage für eine Finanzbeteiligung ist.
Dann verfügt Shanghai mit Hilfe von Siemens über ein weiteres hochmodernes Krankenhaus, das die Lebensqualität der knapp 13 Millionen Einwohner bereichert. Prof. Wan Gang, Präsident der Tongji Universität spricht von einer Win-Win-Situation, die allen Beteiligten zugute kommt. Und für den Megacity-Experten Willfried Wienholt ist es ein gelungenes Beispiel, wie technische Kompetenz, intelligente Finanzierung und strategische Planung eine Stadt aufwerten.
Private Investitionen können nach Ansicht von SFS-Geschäftsführer Johannes Schmidt eine Menge bewirken, vorausgesetzt der politische und gesellschaftliche Rahmen stimmt. Schmidt bilanziert: "Am Kapital scheitert es nie, denn Geld ist genug vorhanden auf der Welt."
Norbert Aschenbrenner