Nachhaltige Stadtentwicklung – Szenario 2025
Die grüne Hoffnung
Mumbai, 2025. Der Architekt und Stadtplaner Vijay Mukherjee zeigt seinen alten Studienfreunden aus San Francisco und Shanghai, wie er und seine Mitstreiter aus der indischen Megacity eine Stadt von Weltrang gemacht haben.
Der indische Architekt Vijay Mukherjee zeigt seinen beiden Studienfreunden aus San Francisco und Shanghai das neue Mumbai. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Megacity dank hoher Investitionen zu einer Stadt von Weltgeltung entwickelt. Der alte Hafen ist nun ein pulsierendes Viertel mit vielen Wohnungen und Geschäften. Neue Autobahnen und Brücken erschließen das Hinterland auf der anderen Seite der Bucht
Vijay, das Gebäude dort hat dein Vater gebaut? Wow! Das wusste ich gar nicht! Das hat mich zu einem meiner Projekte in San Francisco inspiriert", sagt Pete Johnson, einer der renommiertesten Städteplaner der US-Westküste. "Tja, Pete. Das war sein erstes größeres Projekt in Mumbai und das erste, bei dem ich beteiligt war." Vijay Mukherjee holt sich per Breitband-Mobilfunk aus seinem Büro die alten Planungsunterlagen auf seinen elektronischen Skizzenblock mit dem halbdurchsichtigen OLED-Display. "Ihr glaubt gar nicht, was das Green Hope-Gebäude damals für eine Symbolwirkung für die ganze Stadt hatte." Der 45-Jährige hat seine ehemaligen Kommilitonen der Yale Universität nach Indien eingeladen, um den 20-jährigen Studienabschluss zu feiern.
Sie stehen auf dem Dach des Gandhi-Hochhauses und blicken auf die Bucht von Mumbai. Unter ihnen liegt Old Harbour, eines der neu entstandenen Viertel. Elegante Brücken spannen sich über das Wasser hinüber nach Neu-Mumbai, wo terrassenförmig Wohnhäuser in die grünen Hügel gebaut sind. In der Ferne sieht man Windkraftanlagen. "War da vorne nicht mal dieser riesige Slum?" fragt Jeremy Zhang, Star-Architekt in Shanghai. "Das ist lange her", sagt Vijay. "Weißt du noch, wie mitleidig ihr mich behandelt habt, als ich nach dem Diplom wieder nach Mumbai zurückgegangen bin?" Lachend klopft er Jeremy auf die Schulter. "Jetzt kann ich es ja sagen: Ich hatte Alpträume. Ihr in Shanghai wart uns Lichtjahre voraus." "Das ist Geschichte", gibt Jeremy zu. "Ehrlich gesagt, ich habe dir das ja nie abgenommen, von wegen Mumbai zur Weltklassestadt zu machen. Wie habt ihr das bloß hinbekommen?"
"Das Green Hope war so etwas wie die Initialzündung", erzählt Vijay und streicht sich eine Haartolle aus der Stirn. "Wir haben es eigentlich als Wohnhaus für reiche Leute aus Bollywood geplant. Aber als dann das erste große Umsiedlungsprogramm für Dharavi begann, sagte mein Vater, dass er es mitten in den ehemaligen Slum stellen will." "Dharavi?" fragt Pete. "Der größte Slum Asiens", sagt Vijay. "Dort lebten vor 20 Jahren eine Million Menschen. Das Haus gab ihnen tatsächlich Hoffnung auf ein besseres Leben. Es war futuristisch, luftig und hoch und vor allem grün. Auf jedes Dach pflanzten wir einen Garten. Wir funktionierten das Haus zu einem Begegnungszentrum um. Mitten im Slum. Später, als dann die neuen Wohnungen fertig waren, hatten die Leute immer noch einen symbolischen Bezugspunkt."
"Naja, aber das alleine kann es doch nicht gewesen sein", meint Pete. "Ziemlich zu der Zeit kam die Verwaltungsreform", fährt Vijay fort. "Ihr müsst euch vorstellen, diese Megacity hatte 2010 zum ersten Mal einen Bürgermeister mit einer eigenen Hausmacht. Der konnte dann relativ schnell Pläne umsetzen, die vorher jahrelang zerredet wurden. Bürgermeister Patil war mehr Unternehmer als Politiker. Er holte alle Leute, die in der Stadt was zu sagen hatten, an einen Tisch. Und er sagte ihnen ungeschminkt, was mit Mumbai passieren würde, wenn nichts geschieht. Ihr könnte euch das wahrscheinlich gar nicht vorstellen, aber wir hatten damals 6 000 t Müll pro Tag. Auf 1 km Straße kamen 600 Fahrzeuge. Züge waren hoffnungslos überfüllt. Jeden Tag kamen hier 350 neue Familien an. Aber Patil hatte unglaubliches Charisma und Humor. Bürokraten, Unternehmer, Investoren und die Leute von der Straße – für jeden hatte er die richtige Story. Nach einem Jahr im Amt waren alle Vorhaben in der Spur."
"Ich erinnere mich", sagt Pete. "Das war die Zeit, als auch ich an einigen Ausschreibungen teilgenommen habe. Aber ich bin nie zum Zug gekommen." "Du musst entschuldigen", sagt Vijay. "Aber aufs Ausland angewiesen waren wir nur bei der Finanzierung. Das kreative Potenzial in Indien erwies sich als gigantisch." "Stimmt", sagt Jeremy. "Damals investierten die chinesischen Banken massiv in Indien. Da ging sogar der Bauboom bei uns in Shanghai ein wenig zurück." "Mit der funktionierenden Verwaltung kamen die Investitionen fast von selbst. Das gab Planungssicherheit. Oft musste die Stadt nicht mal selbst Kapital einsetzen. Die Brücken und Stadtautobahnen wurden komplett von den Betreibern finanziert, die heute mit den Benutzungsgebühren gute Gewinne einfahren", erzählt Vijay. "Ein ähnliches Beispiel haben wir in San Francisco", ergänzt Pete. "Ist schon eine Weile her. Damals wurden sämtliche Glühlampen in Ampeln durch LED ersetzt. Die Stadt musste keinen Cent mehr für die Instandhaltung der Ampeln ausgeben. Das Unternehmen, das den Austausch vorgenommen hatte, wurde an den Einsparungen bei den Energiekosten beteiligt."
"Und dann bekamen wir die Riesenchance", erzählt Vijay. Mit einer Hand streicht er erneut seine Tolle zurecht. "Old Harbour. Da war ein ganzes Viertel neu zu planen. Mein Vater war ja immer schon ein Fan von ökologischem Bauen. Und ich konnte mein ganzes Wissen vom Studium einbringen. Nachhaltige Stadtentwicklung war damals ja Teil meiner Abschlussarbeit." Vijay holt den Grundriss des Viertels auf sein Farbdisplay. Zunächst zeigt er die alten Hafenanlagen und überblendet dann langsam den Stadtteil von heute. "Wir haben nach den technisch höchsten Standards geplant. Alles vernetzt. Die Energie- und Wasserversorgung, IT-Infrastruktur, Gebäudetechnik, Verkehrsleitsystem, und so weiter. Viel Grün, großzügige Parks, Klimaschneisen, wie ihr sie in Shanghai auch habt ..."
Plötzlich unterbricht ihn seine Assistentin und reicht ihm ein Mobiltelefon: "Dr. Vijay, Entschuldigung, es ist dringend." Vijay spricht kurz mit dem Anrufer, wobei sich sein Gesichtsausdruck immer weiter aufhellt. "Das war der Bürgermeister von Jakarta", sagt er anschließend. "Wir haben den Auftrag bekommen, dort den letzten großen Slum umzugestalten und neu zu planen. Die indonesische Hauptstadt hat sich sehr viel von Mumbai abgeschaut. Der letzte Slum soll in drei Jahren verschwunden sein. Den Auftrag müssen wir feiern! Kommt, lasst uns was essen." Er legt seinen Freunden den Arm um die Schultern und führt sie in das Dachrestaurant des Gandhi-Gebäudes.
Norbert Aschenbrenner
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