Nachhaltige Stadtentwicklung – Peking
Countdown bis zum Jahr 2008
Peking baut für die Zukunft. Beginnen soll sie mit den Olympischen Spielen 2008. Für das größte Sportereignis der Welt entstehen nicht nur Stadien, sondern – auch mit Hilfe von Siemens – leistungsfähige Infrastrukturen als Vorbild für andere Städte.
Pulsierendes Peking: Gewaltige Infrastrukturprojekte sollen die Metamorphose zu einer weltoffenen Megacity vollziehen
Auf seinem Schulweg kommt Zhu Wei an einer großen Uhr vorbei. Das rote Leuchtdisplay zählt rückwärts, Sekunden, Minuten, Stunden, Tage – hin auf den Moment, dem der 17-Jährige wie alle Pekinger entgegenfiebert: Am 8.8.2008, abends um acht, werden in der chinesischen Hauptstadt die Olympischen Spiele beginnen. "Die Zahl Acht steht für Glück und Reichtum", sagt der Schüler, "und genau das bedeutet Olympia für China." Als die Uhr vor fünf Jahren aufgestellt wurde, waren es noch über 2000 Tage; jetzt ist die Zahl längst dreistellig.
Es ist nicht nur der Countdown für das größte Sportfest der Welt, sondern auch für die Metamorphose Pekings. In den vergangenen Jahrzehnten scheint die einst auf dem Reißbrett geplante Kaiserstadt die Kontrolle über die eigene Entwicklung verloren zu haben. Der Verkehr kämpft täglich gegen den Kollaps, der Smog ist mit Händen zu greifen, und Pekings altes Stadtbild, das schon Marco Polo pries, dominieren anonyme Wohnblöcke. All das soll sich ändern, denn 2008 will sich Peking als moderne Metropole präsentieren, mit effizienter Infrastruktur, sauberer Luft und einem Mix aus historischer und moderner Architektur.
Milliarden-Investitionen. Um das hoch gesteckte Ziel zu erreichen, hat die Regierung 16 Mrd. US-$ für Investitionen in die Infrastruktur bereitgestellt. Unter anderem entstehen ein drittes Flughafen-Terminal, 150 km neue
S-Bahn- und U-Bahnstrecken, über 700 km zusätzliche Stadtautobahnen, ein Dutzend Stadien sowie Museen, Kongresshallen, Messezentren und Verwaltungsgebäude. Und das ist nur der staatliche Teil. Die privaten Investitionen in Hotels, Einkaufszentren, Bürohäuser und Wohnkomplexe sind weitaus höher. Selbst Kritiker halten den Stadtplanern zugute, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben: Während ihnen früher Tempo vor Qualität ging, so setzen sie nun auf modernste Städtebaukonzepte und High-tech.
Wer 2008 als Sportler oder Zuschauer anreist, wird sich vom ersten bis zum letzten Moment in einer Welt voller Siemens-Technik bewegen: Dem neuen Flughafen, einem drachen- förmigen Gebäude von Stararchitekt Norman Foster, liefert Siemens ein mehr als 50 km langes Gepäcktransportsystem. In den U-Bahnen kommen Steuer-, Signal- und Sicherheitsanlagen von Siemens zum Einsatz, auf den Straßen intelligente Verkehrsmanagementsysteme. Ins 100 km entfernte Tianjin, wo einige der Wettbewerbe stattfinden, fahren Hochgeschwindigkeitszüge auf Basis der Velaro-Plattform von Siemens. In mehreren Sportstätten stellt das Unternehmen die Stadion-Infrastruktur, in Hotels die Gebäudetechnik. Auch Pekings Strom wird teilweise mit Hilfe von Siemens-Lösungen erzeugt und das Wasser in Siemens-Kläranlagen gereinigt. "Die Olympischen Spiele sind für uns ein sehr wichtiges Projekt", erklärt Dr. Richard Hausmann, Siemens-Chef in China. "In den vergangenen zwei Jahren waren wir sehr erfolgreich und wir rechnen mit einer Reihe weiterer Aufträge."
Pekings größte Baustelle liegt im Norden der Stadt. Auf gut 12 km&2sup; entsteht der Olympiapark mit den wichtigsten Stadien und dem Olympischen Dorf. Nach den Spielen dürfte die Anlage zur schönsten und grünsten Wohngegend Pekings werden. Viele Appartements sind bereits verkauft, denn wohlhabende Chinesen zahlen Spitzenpreise, um später mit Blick auf die neuen nationalen Wahrzeichen zu wohnen. Das architektonisch spektakulärste und technisch anspruchsvollste Bauwerk ist das Nationale Wassersportzentrum, wo in verschiedenen Pools die Schwimm-, Turmspring- und Wasserball-Wettbewerbe stattfinden sollen.
Nicht Mauern tragen das Gebäude, sondern ein filigranes Stahlgerüst, in das zwei Schichten transparenter Membranen gespannt werden. Zwischen die beiden Lagen wird Luft gepumpt, wodurch die Illusion entsteht, der Bau bestehe aus durchsichtigen Blasen. Damit dieses verspielte Raumgefühl seine volle Wirkung entfalten kann, wünschten sich die australischen Architekten des Büros PTW für den Innenraum Stadiontechnik, die ihre Funktion kaum wahrnehmbar erfüllt. Siemens macht es möglich und installiert alle Alarm- und Sicherheitsanlagen, Beschallungs- und Bildübertragungssysteme, Infrastruktur für Kommunikations- und Eventmanagement sowie Eingangsschleusen und Zuschauerleitsysteme. "Ein äußerst anspruchsvolles Projekt", erklärt Siemens-Projektleiter Udo Wajs, "allein unsere Planungsunterlagen für die Ausschreibung wogen 50 kg." Diese ließen dann aber auch wenig Fragen offen.
Extremes Tempo. Siemens bietet dem Bauherrn, der Beijing State-owned Assets Management Company (BSAM) ein Rundum-Sorglos-Paket, im Fachjargon: Fully Integrated Stadium Solution. Dabei plant und installiert Siemens den kompletten so genannten Extra-low-Voltage-Bereich (unter 50 V), wobei viele Systeme von Drittanbietern integriert werden. "Die Planung einer derart komplexen Anlage braucht Know-how, über das Bauunternehmen in der Regel nicht verfügen", erklärt Projektmanager Duan Yimin. "Es gibt unheimlich viele Fehlerquellen. Schon ein kleiner Irrtum kann später zu explodierenden Kosten und großen Verzögerungen führen." Dass Siemens schon in vielen Stadien derartige Lösungen installierte, überzeugte die Bauherren.
"Das Fully-Integrated-Stadium-Konzept ist eine optimale Verbindung von Hochtechnologie, komplexer Installation und der Integration verschiedener Systeme", meint BSAM-Geschäftsführer Kang Wei. "Für uns ist es wichtig, sich auf einen Partner wie Siemens verlassen zu können, der all unsere Anforderungen erfüllt und auch den engen Zeitplan einhalten kann." Denn wo im Moment noch die Baugerüste stehen und erst mit der Verkabelung begonnen wurde, soll Ende 2007 schon der Probebetrieb beginnen. "Der straffe Zeitplan ist für uns kein Nachteil", betont Michaela Stolz-Schmitz. "Denn bei dem hohen Tempo können nur die besten Firmen mithalten." Mit einem 30-köpfigen Team koordiniert sie alle Olympiaprojekte.
Viele Projekte werden – und sollen – die Besucher nicht einmal sehen. Etwa das Stahlwerk der Chinese Taiyuan Iron & Steel, 300 km von Peking entfernt ( Stahlindustrie). Um Pekings Luftwerte zu verbessern, werden seit Jahren alle großen Industrieanlagen rund um die Stadt abgebaut und in weniger besiedelte Regionen verlagert. Der Umzug dient gleich der Modernisierung. So erfüllt das neue Stahlwerk in Taiyuan, das viel Stahl für die Pekinger Baustellen liefert, dank Siemens-Steuerungstechnik hohe Umweltstandards.
Auch die Abwasser-Aufbereitungsanlage Beixiaohe verrichtet ihre Arbeit im Verborgenen. Sie wird das Olympiagelände mit Wasser für die Schwimmbecken und mit aufbereitetem Brauchwasser versorgen. Zusammen mit der Beijing Drainage Group erweitert Siemens derzeit die Anlage mit modernster Membranfilter-Technologie von einer Kapazität von 40 000 m3 pro Tag auf 100 000 m3. Damit wird Beixiaohe zur weltweit größten Anlage ihrer Art.
Allerdings wird sie diesen Superlativ wohl nicht lange halten können. Denn der Blick der Stadtplaner und ihrer Partner geht weit über 2008 hinaus. "Vieles von dem, was jetzt für Olympia geplant wird, ist nur die Grundlage für Pekings weitere Entwicklung", sagt Stolz-Schmitz. "Die Infrastruktur wird in den kommenden Jahrzehnten noch weiter ausgebaut werden."
So etwa die S- und U-Bahn. Derzeit hat die 12-Millionen-Stadt Peking zwar nur drei Linien. Aber ihre Nummerierung zeigt, wie weit die Planungen gehen: Nach den Anfang der 90er Jahre eröffneten Strecken 1 und 2 folgte 2004 die Linie 13. Bis 2008 sollen nun 4, 5 und 10 dazu kommen, außerdem ein Zubringer zum Olympiapark sowie eine Schnellbahn zum 25 km außerhalb gelegenen Flughafen. Die fehlenden Nummern sollen nach Olympia verwirklicht werden. "Je mehr das U-Bahn-Netz wächst, desto komplexer wird es, die einzelnen Züge aufeinander abzustimmen", erklärt Siemens-Projektleiter Tim Chen. Steuerungstechnik, wie sie derzeit in der neuen Linie 5 installiert wird, ermöglicht es, die Intervalle zu optimieren, sowie flexibel auf unterschiedliche Auslastungen des Netzes zu reagieren.
Filigrane Schwimmhalle: Die Technik für das Gebäude soll nahezu unsichtbar sein (oben). Für Olympia 2008 wird der Nahverkehr stark ausgebaut. Blick in die Leitzentrale für einen Kraftwerksverbund (unten)
"Das Steuerungssystem lässt sich in Zukunft so erweitern, dass die Bahnen mit dem öffentlichen Nahverkehr abgestimmt werden können", erklärt Chen. Hochkomplexe Lösungen wie die Plattform Sitraffic Concert würden es sogar erlauben, das öffentliche Verkehrsnetz mit intelligenten Pkw-Leitsystemen zu erweitern. So ließen sich mit Sensoren an der Straße und Bordcomputern in Bussen Daten über den aktuellen Verkehrsfluss sammeln und die Ampelschaltungen entsprechend regulieren. Das wäre eine Premium-Lösung, mit der Pekings Verkehrsplaner zwar liebäugeln, deren Realisierung vorerst aber nicht auf der Agenda steht.
Zeitgewinn im Auto. Eine Überschlagsrechnung zeigt indes, dass die Investition gut angelegt wäre: Zwei Millionen Pekinger fahren jeden Morgen und Abend eine Stunde von den Randbezirken zur Arbeit in die Innenstadt, wo sich Verwaltung, internationale Firmen und Einkaufszentren ballen. Würde sich ihr Zeitaufwand durch intelligente Verkehrsführung auf jeder Strecke nur um fünf Minuten verkürzen, läge der Gewinn täglich bei über 300 000 Stunden wertvoller Arbeits- oder Freizeit. Erfahrungen in Großstädten wie Hongkong zeigen, dass der Zeitgewinn sogar noch weit höher, zwischen 30 und 50 %, liegen könnte.
Auch bei der Energie erhofft sich Peking Effizienzsteigerungen. Seit Jahren bildet das Stromnetz die Achillesferse der Infrastruktur. Vor allem in den heißen Sommermonaten, wenn viele Klimaanlagen laufen, wird Strom knapp. Nicht nur die mangelnden Kraftwerkskapazitäten sind daran Schuld, sondern auch das unzureichende Management der Netze. Die Guohua Electric Power Corporation (GHEPC), einer der größten chinesischen Stromhersteller und Betreiber des Pekinger Stromkraftwerks Nummer 1, setzt deshalb all seine Kraftwerke auf eine einzige Plattform – mit Siemens IT Solution Steuerungstechnik (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005, Vernetzung).
"Alle Informationen laufen in der Pekinger Produktions- und Management-Zentrale zusammen, von wo aus der Konzern seine Stromerzeugung kontrollieren und am Markt ausrichten kann", erklärt Wang Baoli, Geschäftsführer der Siemens Power Plant Automation Ltd. "Das steigert kurzfristig die Effizienz und ist mittelfristig eine Voraussetzung dafür, dass GHEPC von der geplanten Liberalisierung des Stromsektors profitieren kann." Drei Standorte rund um Peking sind bereits seit 2005 angeschlossen und die ersten Erfahrungen so gut, dass GHEPC die Vernetzung der anderen nun beschleunigen will. Im Mai 2006 unterzeichnete GHEPC mit Siemens eine Vereinbarung für eine Partnerschaft. "Wir konnten damit das Management unserer Kraftwerke auf eine völlig neue Ebene heben", erklärt GHEPC-Präsident Qing Dingguo.
Derartige Koalitionen sind in China weit mehr als ein formalisierter Vertrauensbeweis. "Es ist ein Merkmal der Entwicklung, dass Regierungsbehörden und Unternehmen innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen von gewaltigen Konsequenzen treffen müssen", erklärt Dr. He Ru, die bei Siemens an einer Zukunftsstudie, einem Picture of the Future, für China arbeitet. "Schließlich baut das Land derzeit eine gewaltige Infrastruktur auf. Was anderswo 50 Jahre braucht, wird in China oft in zehn umgesetzt."
Die Chinesen erwarten von internationalen Technologieunternehmen nicht nur erstklassige Lösungen, sondern auch innovative Geschäftsmodelle. Wer sich dabei als vertrauenswürdiger Partner erweist, hat beste Chancen, Pekings Olympische Spiele als das zu erleben, was auch die chinesische Regierung in ihnen sieht: eine Initialzündung für die nächste Stufe der Entwicklung. Denn Peking soll zum Modell für andere chinesische Megacities werden. "China ist in einer einmaligen Situation", sagt He Kebin, Professor für Umwelttechnik an der Pekinger Tsinghua-Universität, der auf der Suche nach innovativen ökologischen Konzepten für Peking eine interessante Beobachtung machte: Keine Olympia-Stadt hatte je mit vergleichbar komplexen Problemen zu kämpfen. "Deswegen entwickeln wir unsere eigenen Lösungen", erklärt He. "Und zahlreiche chinesische Städte warten schon darauf, sie übernehmen zu können."
Doch bis dahin bleibt in Peking noch viel zu tun. Als ein Radiosender kürzlich seine Zuhörer aufrief, in Peking Orte zu finden, von denen man keinen Baukran sehen kann, blieben die Leitungen seltsam still. Als dann doch das Telefon klingelte, schlug der Anrufer vor, lieber den Platz zu suchen, von dem man die meisten Kräne sieht. Allein im Olympiapark sind es über dreißig. 2008 soll dagegen keine einzige Baustelle mehr das Stadtbild verschandeln. Viel Zeit ist bis dahin nicht mehr. Die Zahl auf den großen Uhren liegt im Herbst 2006 bei gerade mal 600.
Bernhard Bartsch