Nachhaltige Stadtentwicklung – Mumbai / Delhi / Bangalore
Auf der Startbahn
Neu-Delhi, Mumbai, Bangalore – die indischen Megacities kämpfen mit chaotischem Verkehr, Energiemangel, Wasserknappheit und Wohnungsnot. Mehr öffentliche und private Investitionen könnten eine bessere Zukunft bringen.
Halskette der Königin: Die Promenade nahe dem Zentrum von Mumbai wird verschönert. Bei Bangalore läuft der Bau des privat finanzierten Flughafens auf Hochtouren (unten)
Die Zahlen sind alarmierend: Zehn Millionen der fast 18 Millionen Einwohner Mumbais leben in Slums; auf jeden der knapp 2 000 km Straßen – davon 350 km befestigt – kommen 600 meist hupende Fahrzeuge; in den drei Linien der Vorortzüge fahren 6,5 Millionen Menschen pro Tag, zum Teil 15 auf einem Quadratmeter. Die jährliche Studie zur Lebensqualität des Beratungsunternehmens Mercer setzt Mumbai 2006 auf Platz 150 von 218 Städten, noch dahinter sind andere indische Megacities wie Neu-Delhi und Chennai ( Fakten und Prognosen).
"Die Infrastruktur Mumbais zerbröselt", schreibt die indische Economic Times und nennt die Formulierung sogar schmeichelhaft. Das belegte schon vor drei Jahren eine Studie von McKinsey: Mumbai fällt nicht nur in der Lebensqualität, sondern auch in der Wirtschaftskraft zurück. Das Wachstum betrug von 1998 bis 2002 nur 2,4 % im Jahr und lag damit deutlich unter dem ganz Indiens mit 5,6 %. "Wir haben die Zustände ungeschminkt beschrieben und aufgedeckt, was schief läuft", sagt Dr. Shirish Sankhe, Partner bei McKinsey. Aus seinem Büro in einem Hochhaus an Mumbais Finanzzentrum Nariman Point blickt er über die Stadt. "Wir haben aber auch eine Vision formuliert. Mit den Vorschlägen kann aus Mumbai in 15 bis 20 Jahren eine Stadt von Weltrang werden." "Und wir wollen, dass diese Vision Wirklichkeit wird", ergänzt Narinder Nayar, Vorsitzender von Bombay First, einer Lobby-Organisation von Unternehmern und Selbstständigen.
Milliarden für Infrastruktur. Mumbai ist indes mit seinen Problemen nicht allein. Auch Neu-Delhi, Kalkutta und Bangalore stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Ob Verkehr, Wasser, Energie oder Gebäude – die Zentralregierung will in den nächsten fünf bis sieben Jahren in Indien 150 bis 200 Mrd, US-$ in Infrastrukturprojekte investieren, der Löwenanteil kommt den Städten zugute. "Für uns eröffnen sich dadurch große Chancen", sagt Jürgen Schubert, Siemens-Chef von Indien. Siemens produziert seit 50 Jahren im Land und beschäftigt mehr als 14 500 Mitarbeiter. Das erste Projekt war 1867 die 11 000 km lange Telegraphenleitung von London nach Kalkutta. "Wir werden hier als indische Firma mit deutschen Wurzeln wahrgenommen, sind gut vernetzt und kennen die Besonderheiten des Landes."
Eine dieser Besonderheiten ist die indische Bürokratie. Eine Baugenehmigung benötigt in Mumbai zum Beispiel zwischen drei und sechs Monaten. "Üblicherweise sollte das nicht länger als 45 Tage dauern", sagt Sankhe. McKinsey stuft als vorrangiges Problem für Mumbai die fehlende Regierungsverantwortung ein. "Wenigstens existiert seit Anfang 2006 ein Gremium, in dem die Stadtverantwortlichen ihre Entscheidungen abstimmen." Es gibt in Mumbai nämlich keinen Bürgermeister wie in anderen Großstädten. Der für ein Jahr vergebene Posten ist rein repräsentativ. Die Verwaltung der Stadt teilen sich mehr als 15 staatlichen Institutionen des Unionsstaats Maharashtra. Wegen der komplexen Abstimmungsprozesse zwischen Behörden und Ministerien für Straßenbau, Siedlung, Verkehr, Handel, Luftfahrt, Hafen, Eisenbahn, Polizei und einigen weiteren, kommen Stadtentwicklungs- und Infrastrukturprojekte oft nur langsam voran.
Ohne klare Regierungsverantwortung fehlt es letztlich an Investitionen. "Wir brauchen einen Bürgermeister mit einer Hausmacht", sagt Nayar. Der könnte auch die Finanzlage verbessern. Denn heute tragen die Einwohner von Mumbai zum Haushalt von Maharashtra 10 Mrd. US-$ pro Jahr an Steuern bei, aber nur knapp 250 Millionen fließen in die Stadt zurück. "Nötig wäre das Zehnfache", sagt Sankhe. "Aber die Politik hat durchaus erkannt, dass sie die Stadt nicht untergehen lassen darf, und hat einige Projekte angeschoben."
Neue Verkehrsadern. So wird die Kapazität des Nahverkehrs aufgestockt. Siemens liefert hier mehr als 400 dreiteilige Züge inklusive Antriebstechnik, elektrischer Ausrüstung und Steuerung sowie Fahrgast-Informationssysteme für 280 Mio. €. Die energiesparenden Antriebe werden zum Teil im Land gebaut. Sie arbeiten mit modernen, an die extremen Bedingungen angepassten Umrichtern. Im Gespräch ist auch, Wartungsarbeiter mit sprachgesteuerten Handheld-Computern auszurüsten, um die Instandhaltung zu optimieren. Zudem wird ab 2008 in Mumbai eine erste, 15 km lange Metro-Linie fahren. Bis 2011 sollen zwei weitere Linien mit knapp 50 km Länge dazukommen – Gesamtinvestition rund 2,3 Mrd. €.
Zwischen dem Stadtteil Bandra und dem Nariman Point im Süden entsteht vor der Küste eine Autobahn auf Stelzen. In Kürze beginnt der Bau für eine 25-km-Brücke, die das Zentrum mit dem Hinterland auf der anderen Seite der Bucht von Mumbai verbindet. Dort sollen Siedlungen für vier Millionen Menschen entstehen. Der stillgelegte Hafen bietet die Chance, zentrumsnah einen neuen Stadtteil zu projektieren. Genügend bezahlbare Wohnungen sind die Voraussetzung, wenn, wie von der Stadt geplant, bis 2025 alle Slums verschwunden sein sollen. Denn es ist nicht die pure Armut, die Millionen unter Plastikplanen oder Wellblechdächer treibt, sondern horrende Mieten, die längst das Niveau von New York oder Tokio erreicht haben.
Zur Finanzierung greift der Staat bei einigen Projekten auf private Investoren zurück, was in Indien bis vor einigen Jahren rechtlich unmöglich war. Der internationale Flughafen Mumbais soll so modernisiert werden. Als Vorbild dient Bangalore. Dort geht der erste privatisierte Flughafen Indiens im April 2008 in Betrieb, ein Neubau 25 km außerhalb des Zentrums für 6,7 Millionen Passagiere jährlich. Nach einigen Jahren könnten bereits elf Millionen erreicht werden ( Flughäfen). Siemens liefert die gesamte technische Ausstattung. "Der alte Flughafen platzt aus allen Nähten", erzählt Ravi Shankar, bei Siemens verantwortlich für Flughafensysteme in Indien.
Indiens neue Karten. Im Großraum Bangalore, dem "Silicon Valley" Indiens, leben fast zehn Millionen Menschen. Siemens beschäftigt hier wie viele Weltunternehmen tausende Entwickler, die Software für Kommunikation, Medizintechnik und Automobilelektronik schreiben. Bei SISL (Siemens Information Systems Ltd.) in Bangalore wurde etwa ein Geoinformationssystem entwickelt, ein Werkzeug für die Planung von Infrastrukturprojekten. Venkata Ramana bringt damit erstmals Satellitenbilder Indiens mit den verfügbaren geografischen Karten zur Deckung. "Diese Karten sind in der Regel sehr alt", sagt der Forscher. Mit der hohen Auflösung von Satellitenfotos digitalisierte er die Karten in Gebieten bei Chennai, dem früheren Madras, und verglich sie mit den Aufzeichnungen bei den Behörden. "Dabei haben wir viele Unregelmäßigkeiten bei Grundstücken entdeckt." Beispielsweise sind für die Erhebung von Steuern möglichst genaue Angaben nötig. Auch ein Fluss hatte sein Bett inzwischen gewechselt, was auf keiner Karte verzeichnet war. "Das sind wichtige Informationen für Straßen- und Bahnplaner." Einige Kommunen, darunter Bangalore, nutzen das System bereits.
In Kombination mit soziodemografischen Daten wie Bevölkerungsdichte, Alter oder Einkommen können diese digitalisierten Karten zur Planung von neuen Stadtvierteln verwendet werden. "Wir können auch nach Regenfällen den Verlauf des Wassers verfolgen, das meist ungenutzt versickert", erklärt Venkata Ramana. Dazu kombinierte er die Satellitendaten mit 3D-Bildern der Gegend. "Im wasserarmen Unionsstaat Chhattisgarh haben wir so mehr als 50 sinnvolle Standorte für Sammelbecken identifiziert." Wenn dort Stausysteme gebaut würden, könnte Regenwasser verstärkt zur Bewässerung eingesetzt werden. So ein Wassermanagement, das die Geländestruktur berücksichtigt, könnte auch die Regenmassen des Monsuns in der Hauptstadt Neu-Delhi lenken. Im Juli 2006 verwandelte z.B. dreistündiger starker Regen einige Straßen in Flüsse. Paradox: Wenige Monate vorher litt die 17-Millionen-Stadt bei 45 °C unter Wasserknappheit. Der Grund: Nur 2 % der Niederschläge in Delhi werden gesammelt, der Rest versickert. "Unser System könnte die Stellen aufzeigen, wo Fließkanäle für Regenwasser und Sammelbecken gebaut werden sollten", sagt Venkata Ramana.
Boom für Infrastruktur: In Mumbai entstehen neue Autobahnen; Neu-Delhi erweitert seine Metro. Busse fahren mit umweltfreundlichem Treibstoff, und bildgebende Verfahren helfen im OP
Ausbau der Stromversorgung. Ähnlich knapp wie Wasser ist Energie in Delhi. Immer wieder sind ganze Viertel ohne Strom. "In vielen Städten reicht die installierte Leistung für eine lückenlose Versorgung nicht aus", sagt Harminder Singh, Chef von Siemens Power Generation (PG) in Indien. Die Regierung hat das ehrgeizige Ziel, bis 2012 das ganze Land mit ausreichender Elektrizität zu versorgen. Das bedeutet, dass fast 100 000 MW Leistung zusätzlich gebraucht werden, davon 15 000 unter der Regie von privaten Betreibern. Bis 2020 sollen nochmals 135 000 MW hinzukommen. Mehr als ein Drittel der Kraftwerksleistung erbringt heute Siemens-Technik. Jüngst erhielt PG einen Auftrag für ein schlüsselfertiges 1100-MW-Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) im Unionsstaat Gujarat. Bei Neu-Delhi rüstete PG das GuD-Kraftwerk Dadri aus.
Mumbai wird größtenteils von Siemens mit Strom versorgt: Im Kraftwerk Trombay von Tata Power laufen eine 500-MW-Dampfturbinen- und eine 200-MW-Gas- und Dampfturbinen-Anlage. "Um die Umweltbelastung gering zu halten, verwenden wir schwefelarme Kohle aus Indonesien", erklärt Werksleiter S.D. Deshpande. "Außerdem haben wir hier die einzige Rauchgasentschwefelungsanlage in ganz Indien installiert."
Als die Stromversorgung in Neu-Delhi vor vier Jahren privatisiert wurde, hatte Tata Power mit Leitungsverlusten von 54 % zu kämpfen. "Inzwischen liegen sie bei 25 %", sagt Deshpande. Die verblüffend einfachen Maßnahmen: "Wir haben neue digitale Zähler installiert sowie die Leute darüber aufgeklärt, dass Strom bezahlt werden muss. Zudem haben wir einfache Möglichkeiten geschaffen, den Strom auch zu bezahlen, etwa per Internet", sagt Deshpande. Ein Großteil der Leitungsverluste kam nämlich dadurch zustande, dass Abnehmer illegal Strom abgezapft oder schlicht keine Möglichkeit zum Bezahlen hatten. Durch zusätzliche Investitionen ins Netz will der private Versorger die Leitungsverluste in drei Jahren auf 10 bis 15 % senken.
Bei der Energie- und Wasserversorgung steht Delhi noch vor großen Hürden, dagegen ist beim Thema Verkehr schon einiges geschehen. Überführungen entlasten die Straßen, größere Ringstraßen verkürzen die Fahrzeiten. Alle Busse und die in Indien üblichen dreirädrigen Kleintaxis fahren mit Flüssiggas. Drei Linien der Metro ermöglichen es sogar, schnell und ohne Dauerhupen durch die Stadt zu kommen – zum Teil unterirdisch oder auf Betonsäulen oberhalb der Straßen. Die bisher längste Linie hat Siemens mit einem Zugsicherungssystem sowie Signaltechnik ausgestattet. Das Streckennetz soll bis 2021 auf fast 250 km erweitert werden. Für die ersten 62 km waren eigentlich zehn Jahre Bauzeit veranschlagt, gedauert hat es nur sieben. Das beeindruckende Tempo ist vor allem Dr. E. Sreedharan zu verdanken. Der 73-jährige Chef der Metro arbeitet mit einer schlanken Verwaltung, bindet die Mitarbeiter stark in das Projekt ein, und vor allem pocht er auf Fristen und deren Einhaltung. Mit diesen Prinzipien ist er seit Jahrzehnten bei der indischen Eisenbahn erfolgreich und im ganzen Land anerkannt.
Auf zupackende Leute wie ihn kann die Regierung von Delhi kaum verzichten, will sie die Stadt doch fit für die Commonwealth-Spiele machen. 7 500 Sportler und Offizielle aus mehr als 50 Ländern werden zu dem Großereignis im Jahr 2010 erwartet. "Das ist eine ideale Gelegenheit, unsere Infrastruktur auszubauen", sagt Neu-Delhis Regierungschefin Sheila Dikshit. 1,3 Mrd. € müssen für die Spiele ausgegeben werden. Neben Investitionen in den Straßenbau, Kraftwerke und die Wasserversorgung werden auch Hotelzimmer benötigt. Derzeit gibt es 9 000 Zimmer mit Sterne-Niveau in Delhi, gebraucht würden aber 30 000.
Patienten aus dem Ausland. Zu den Gründen für einen Besuch in Delhi dürfte zunehmend auch die boomende Gesundheitsbranche beitragen. Wie das Max Super Speciality Hospital gibt es zahlreiche Privatkliniken mit High-tech-Ausstattung. Das neue Max-Krankenhaus hat knapp 120 Mio. € investiert und zielt auf zahlungskräftige Patienten – auch aus dem Ausland. "Praktisch täglich bekommen wir Anfragen aus dem Westen", sagt Gehirnchirurg Dr. Ajaya Nand Jha. "Wir bieten hier Gesundheitsdienste höchster Qualität zu sehr günstigen Konditionen." In seinem OP steht das erste Brain-Suite-System Asiens. Hier liefert ein Magnetresonanztomograph (MR) von Siemens während eines Eingriffs Echtzeitbilder des Gehirns. Damit kann die Operation live verfolgt werden. "Ich sehe sofort, ob ich einen Tumor bereits vollständig entfernt habe", sagt Jha. Ebenfalls installiert ist in der Klinik ein 3D-Angiographiesystem mit einem Flachbettröntgendetektor von Siemens. Dies ermöglicht minimal-invasive Eingriffe, etwa kleine Aneurysmen im Gehirn zu behandeln oder verengte Gefäße zu weiten. Neben der Neurologie hat das 450-Betten-Haus auch Abteilungen für Orthopädie, Kinderheilkunde, Gynäkologie und Nuklearmedizin.
"Vor allem der private Sektor investiert in modernste Medizintechnik", erklärt Dr. Ragavan, der Chef von Siemens Medical Solutions in Indien. In Delhi wird es demnächst ein 3-Tesla-MR mit besonders hoher Auflösung geben. Auch liegt die erste Bestellung des Somatom Definition für Indien vor. Dieser schnellste Computertomograph der Welt macht Bilder von winzigen Gefäßen in extrem kurzen Zeitperioden, sodass selbst unregelmäßig schlagende Herzen in Sekundenbruchteilen scharf abgebildet werden. Vier PET-CT-Kombinationsgeräte von Siemens sind in In- dien bereits installiert, zwei weitere kommen bald dazu. Neue Geräte kommen oft in neue Kliniken. Allein in Gurgaon, einer aufstrebenden Satellitenstadt Delhis, entstehen in den nächsten fünf bis zehn Jahren 18 neue Krankenhäuser. Auch in Mumbai steht mit dem Jaslok Hospital eine 376-Betten-Privatklinik, die bildgebende Medizingeräte von Siemens wie MR-Tomographen, Ultraschallgeräte oder komplette Röntgensysteme installiert hat. In der Stadt gibt es zudem zahlreiche weitere renommierte Privatkliniken.
Die Gesundheitsversorgung ist daher auch das einzige Gebiet, auf dem Mumbai laut der McKinsey-Studie bereits heute mit der Weltspitze mithalten kann. Das Beispiel Medizin zeigt vor allem, zu welchen Leistungen der private Sektor in der Lage ist, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen stimmen. "Mit einer gezielten Planung und den nötigen Investitionen wird Mumbai in 15 Jahren eine lebenswerte Stadt sein", ist sich Bombay First-Chef Narinder Nayar sicher. Und der Siemens-Chef von Indien, Jürgen Schubert, sagt optimistisch: "Indien steht vor einem großen Wandel, der in den Städten schneller als auf dem Land vonstatten geht. Indien befindet sich bereits auf der Startbahn, aber abheben wird es auf seine ganz eigene Art."
Norbert Aschenbrenner