Nachhaltige Stadtentwicklung – Kommunikation im Krisenfall
Auf Nummer sicher
High-tech-Kommunikation erleichtert künftig die Jagd auf Verbrecher. Damit Telefonverbindungen krisensicher sind, entwickelt Siemens neue drahtlose Lösungen.
Schneller am Unfallort in Dubai: In der Stadt am Persischen Golf entsteht eine der weltweit modernsten Einsatzleitzentralen. Mit einem High-tech-Notrufsystem können die Behörden schneller reagieren
Über dem Arabischen Golf dämmert der neue Tag. Plötzlich quietschen Reifen. Räuber flüchten in einem Auto. Alarm in der Polizeizentrale. Auf einer zwölf Meter breiten Video- wand erscheinen Kamerabilder vom Fluchtfahrzeug. An jeder Kreuzung erfasst ein anderes Objektiv den rasenden Wagen. Das Auto stoppt in einer Tiefgarage. Auf dem Monitor leuchtet ein 3D-Bild des Gebäudes mit Treppenhäusern auf. Punkte zeigen, wo sich Polizisten postieren müssen. Der erste Streifenwagen nähert sich...
In Dubai wurde Mitte September 2006 eine der modernsten Polizeieinsatzleitzentralen der Welt eingeweiht. Die gesamte Ausrüstung lieferte Siemens: die Kommunikations- und Sicherheitstechnik, die Informationsverarbeitung und die Software zur Einsatzsteuerung. Zusätzlich zu 115 bestehenden Kameras installierte die Polizei des Emirats 732 neue – viele auf den Dächern von Hochhäusern. Ihre Auflösung ist so hoch, dass sie Personen formatfüllend heranzoomen können. Mit Kameras ausgestattete Hubschrauber senden Bilder per Mikrowellen an die Zentrale. Im Computer sind auch die Stadt mit ihren Straßenzügen sowie hunderte Gebäude in 3D gespeichert. "Ein so umfassendes System lässt sich natürlich nur in Zusammenarbeit der verschiedenen Geschäftsbereiche realisieren", sagt Asim Sukhera, Projektleiter bei Siemens Communications (Com).
Das Kommunikationssystem mit Anrufverteilung und Sprachaufzeichnung stammt von Com, Hardware, Server und PC von Fujitsu Siemens Computers und die Sicherheitstechnik von Building Technologies. Um Verbrechen oder Krisen möglichst schnell zu bekämpfen, kommt es auf eine sichere und direkte Kommunikation an. Dafür hat Siemens die HiPath Command Control Center-Lösung entwickelt, mit der sich Einsätze detailliert koordinieren lassen. Auf Bildschirmen werden ständig alle relevanten Daten dargestellt. Nicht nur Dubai, auch die chinesische Millionenstadt Nanning oder Finnland setzen auf diese Einsatzleitzentrale. In ganz Finnland werden Notrufe über die neuen Kommandozentralen erfasst und alle Einsätze von Polizei, Feuerwehr oder Krankenwagen gesteuert.
Jukka Altonen, Entwicklungschef bei der Verwaltung für die Notrufzentralen in Finnland, hält die Lösung für einzigartig. "Wenn es darum geht, Menschen zu helfen, ist sie unübertroffen." Empfängt die Zentrale einen Notruf, erscheinen sofort Name und Ort des Anrufers auf dem Monitor – auf Wunsch sogar auf einer Straßenkarte. Das Leitsystem macht Einsatzvorschläge und ermittelt, welches Fahrzeug sich in der Nähe befindet. Um den Wagen zu alarmieren, genügt ein Mausklick.
"Die exakte Positionsbestimmung über Satellit ist sehr wichtig", betont Matthias Stump von Com. "Nur damit lassen sich Einsätze genau planen – bei der Jagd nach Verbrechern oder bei der Abstimmung von Hilfskräften bei Hochwasser." Gerade bei Großeinsätzen mangele es oft an Koordination. Stumps Aufgabe ist es, mit verschiedenen Kunden den Bedarf an neuer Technik zu ermitteln. "Oft wird ein bestehendes System ja nicht komplett durch ein neues ersetzt, sondern nur ergänzt." Darin sieht er die Stärke von HiPath. Es kann ein altes analoges Funksystem mit dem neuen digitalen Polizeifunk Tetra verknüpfen. Verschiedene Funk- und Kommunikationsstandards sind integrierbar – etwa WLAN. Tetra ist bereits in mehreren europäischen Ländern eingeführt. Seine größte Stärke: Einzelne Personen können direkt angesprochen oder ausgewählte Teilnehmer je nach Lage zusammengeschaltet werden. "Bisher erreicht ein Funkspruch stets alle", sagt Stump. Auf dem HiPath-Monitor hingegen kann man dank Tetra genau definieren, mit wem man sprechen will.
Robuste Netze. Selbst die beste Kommunikationslösung nützt nichts, wenn etwa bei einer großen Überschwemmung Verbindungen oder zentrale Komponenten ausfallen. Dann können ganze Regionen von der Außenwelt abgeschnitten sein. Spezialisten wollen Telefon- und Datennetze daher künftig unempfindlicher gegen Störungen machen. Die Idee: Statt die Netze ausschließlich fest über Zentralstationen zu verknüpfen, sollen sich so genannte Ad-hoc-Netze in Sekundenschnelle von allein bilden. Künftig soll ein Mobilfunknetz so flexibel sein, dass es ausgefallene Stationen überbrücken kann. Das wird dann etwa ein Netz auf der Basis von WLAN oder des WiMAX-Standards sein. Mit einer anderen Technik ist es möglich, Nachrichten via Multihop-Verbindung über mehrere Handys, Laptops oder Zugangspunkte zum Netz springen zu lassen.
Eines der wirkungsvollsten Werkzeuge gegen den Kommunikations-Blackout sind Mesh-Netze. Sie verknüpfen mehrere WLAN- oder WiMAX-Inseln miteinander. Auch sie sollen sich künftig durch Selbstorganisation bilden. "Im Krisenfall könnte man zerstörte Netzknoten durch mobile WiMAX-Mesh-Knoten ersetzen", sagt Dr. Rainer Sauerwein von Siemens Corporate Technology (CT), verantwortlich für die Entwicklung der drahtlosen Mesh-Netze. Solche mobilen Netzknoten könnte man auch auf Hilfsfahrzeugen montieren und damit ausgefallene Infrastruktur ersetzen. Die CT-Entwickler arbeiten derzeit daran, Mesh-Netze gegen Angriffe abzusichern. Die Kommunikationsprotokolle müssen ferner so schnell und leistungsfähig sein, dass sie bewegliche mobile Knoten – Sender auf Rettungsfahrzeugen beispielsweise – so integrieren können, dass selbst anspruchsvolle Dienste wie Internet-Telefonie möglich sind.
Dr. Christian Schwingenschlögl von CT arbeitet unter anderem daran, große Datenmengen, die in solchen Systemen entstehen, möglichst effizient zu verwalten. "Gerade zu Beginn, wenn alle Helfer an ihren Einsatzort dirigiert werden, fällt enorm viel Information an." Schwingenschlögl entwickelt Algorithmen und Protokolle, die die Last aufteilen und die Daten entsprechend verschicken. Bis diese Technik marktreif ist, wird aber noch ein wenig Zeit vergehen.
Im Dubai-Szenario klappt die Kommunikation bereits jetzt hervorragend. Mehrere Streifenwagen haben die Täter inzwischen umstellt. Eine Karte zeigt ihre Position und die Einsatzorte für eine Absperrung. Die Räuber haben keine Chance mehr ...
Tim Schröder