Nachhaltige Stadtentwicklung – Interview
"Hohe Vernetzung schafft Nachhaltigkeit"
Interview mit Albert Speer
Prof. Albert Speer (72) ist einer der international renommiertesten Architekten und Stadtplaner. Mit Partnern aus seinem Frankfurter Büro hat er unter anderem einen Entwicklungsplan für Doha am Persischen Golf entworfen oder ein Verkehrskonzept für Nigeria erarbeitet. Vor allem in China hat Speer seit den 90er Jahren einige bedeutende Aufträge gewonnen, etwa die Automobilstadt in Shanghai. Jüngst hat er einen Auftrag für Changchun bekommen – hier soll eine Automobilstadt für Fabriken und 300 000 Einwohner entstehen.
Sind Sie mit den Gestaltungsmöglichkeiten zufrieden, die Ihnen Ihr Beruf bietet?
Speer: Ja, Stadtentwicklung ist sehr interdisziplinär und spannend. Da geht es um Umwelt, Technik, Lebensqualität sowie um Ökologie, Ressourcenschonung, Mobilität. Aber wir sind Berater, keine Entscheider. Die Planung macht nur fünf Prozent des Entscheidungskuchens aus.
Das ist aber sehr bescheiden...
Speer: Höher würde ich unseren Einfluss nicht sehen. Aber ich bin sehr stolz, wenn etwas gelingt, etwa bei der Allianz Arena in München. Hier waren wir als Berater engagiert und haben die Stadt und die beteiligten Vereine vom Standort für das neue Fußballstadion überzeugt.
Urbanisierung ist ein weltweiter Megatrend. Wie sieht die Stadt der Zukunft aus?
Speer: Man muss ganz klar unterscheiden zwischen Städten wie in Europa und denen in der Dritten Welt. Die europäische Stadt ist eine enorme Errungenschaft, mit Nutzungsvielfalt, kurzen Wegen, unterschiedlichen Kulturen. Hier müssen wir verhindern, dass sich die Städte weiter nach außen entwickeln. Das kann man mit politischen Instrumenten, etwa der Steuerpolitik, gut in den Griff bekommen.
Und anderswo?
Speer: Da geht der Trend zur Verstädterung erst los, etwa in China oder Saudi Arabien. Riad wächst in 15 Jahren von jetzt 1,5 Millionen auf über zehn Millionen Einwohner. Mitten in der Wüste! Überall drängen die Menschen in die Städte, weil sie dort Arbeit finden, eine bessere Ausbildung und oft höhere Lebensqualität. Shanghai kennt jeder, aber andere Städte wachsen ebenso schnell. Etwa Chongqing – oder Changchun, das wird das Detroit Chinas. Hier entsteht auf einer Fläche von 120 km&2sup; eine Automobilstadt. Wir haben vor kurzem den Planungsauftrag für das künftige Stadtzentrum bekommen.
Wie verändert sich das Leben in der Stadt?
Speer: In europäischen Städten wird wieder mehr gewohnt. Die Menschen werden älter, daher muss die Lebensqualität weiter steigen. Aber an den Strukturen wird sich nicht viel ändern. In China und anderen Ländern werden hingegen ganze Städte neu gebaut – die ökologischen Rahmenbedingungen müssen hier von vornherein Priorität haben: Umwelt, Energie, Wasser sparen. Das haben wir in Changchun vorgeschlagen und daher wohl den Wettbewerb gewonnen, weil wir für alle geplanten Autofabriken eine Wohnstadt für 300 000 Menschen und eine zentrale Zone mit Uni, Ausstellungsflächen und Parks miteinander kombiniert haben.
Nachhaltige Stadtentwicklung ist also mehr als eine Phrase?
Speer: Naja, es ist schon ein Modewort. Wenn man Stadtentwicklung in so großem Umfang wie in Entwicklungsländern betreibt und viele Ressourcen verbraucht, dann kann von Nachhaltigkeit nicht die Rede sein. Wohl aber in Europa, wenn man etwa für neue Wohnviertel Brachen nutzt: Industriegebiete oder Kasernen und wenn man sparsam mit den Ressourcen umgeht. In Shanghai haben wir für einen High-tech-Park in einer Studie alle Infrastruktureinrichtungen vernetzt, von Wasser über Abwasser, Entsorgung, Reduktion des Verkehrs bis zu alternativen Energien, etwa Biogas. Dann kommt man zu Kreisläufen, die weniger Ressourcen verbrauchen, weniger Emissionen und weniger Müll produzieren. Das ist nachhaltig – technologisch ist das möglich, ist aber noch nicht verwirklicht.
Warum nicht?
Speer: Das Thema ist unglaublich komplex. Nehmen wir Energiesparen, das können Sie festmachen am Verkehr, an den Gebäuden, mit Geräten, am Verhalten der Menschen – eine riesige Bandbreite. Einzelne Akteure versuchen meist nur, ihren Sektor zu optimieren.
Haben Sie ein funktionierendes Beispiel?
Speer: Die Diplomatenstadt in Riad. Die ist schon Mitte der 80er Jahre gebaut worden. Eine Mischung aus Diplomatenviertel, gehobenen Wohnquartieren und Ausbildungsstätten, mit einem hohen Anspruch an Landschaftsqualität, klimatisch abgefedert, soweit möglich. Oder unsere Automobilstadt in Shanghai. In einer Wohnstadt von 50 000 Einwohnern – für chinesische Verhältnisse nicht sehr groß – sind zum ersten Mal Häuser gebaut worden, die nach europäischen Standards isoliert sind und eine zentrale Steuerung von Wärme und Kälte haben, jedes Zimmer einzeln regelbar. Wir sparen über 50 Prozent an Energiekosten. Das hatte in China bisher keinen Stellenwert, bekommt aber jetzt einen. Inzwischen sind hier die ersten 2 000 Wohnungen fertig gebaut.
Kann die Stadtentwicklung in Mumbai, Mexiko City oder Jakarta nachhaltig sein?
Speer: Nur in Teilbereichen. Den Flächenverbrauch in der Dritten Welt wird es weiter geben, man kann aber die Infrastruktur, etwa den öffentlichen Verkehr und Autofahren, mit technischen Mitteln effizienter machen. Oder Städte so organisieren, dass man die wichtigsten Dinge zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Wichtig sind auch Klimaschneisen – Grünanlagen, die sich schneller abkühlen als Gebäudekomplexe und auf diese Weise frische Luft in die Stadt bringen. Für die 3,5 Millionen Einwohner Changchuns haben wir so etwas vorgesehen.
Sind solche Pläne in China mit der staatlichen Steuerung einfacher zu realisieren?
Speer: Das würde ich nicht auf China beschränken. Zudem, wer China kennt, weiß, dass politische Entscheidungen nicht von oben diktiert werden. Die einzelnen Regionen und Kommunen haben ein gewichtiges Wort mitzureden.
Wie wird das eigentlich alles finanziert? Städte sind ja oft knapp bei Kasse.
Speer: Städte wie Shanghai sind ausgesprochen reich, auch im internationalen Maßstab, weil der Grund und Boden dem Staat gehört und sie eine große Menge Geld einnehmen durch eine Art Erbpacht. Die Investitionen finanziert also der Staat über Entwicklungsgesellschaften, an denen dann etwa die Automobilindustrie beteiligt ist – in erheblichem Umfang. In Entwicklungsländern ist das Geld allerdings ein Riesenproblem. Wir sind etwa in Abuja beteiligt, aber das finanziert der nigerianische Staat, der ja dank der Öleinnahmen auch nicht arm ist. Auch anderswo arbeiten wir als Berater, aber nicht zur Slumsanierung. Dafür gibt es andere Organisationen wie die Weltbank.
Sehen Sie eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?
Speer: Für China optimistisch, weil hier eine Menge investiert wird.Pessimistisch bin ich bei Ländern, in denen nichts investiert wird.
Was ist eigentlich ihr Lieblingsprojekt?
Speer: Immer das nächste, also Changchun, die Automobilstadt.
Interview: N. Aschenbrenner