Nachhaltige Stadtentwicklung – Hongkong und Macau
Spieler und Forscher
Die ehemaligen Kolonien Hongkong und Macau entdecken neue Nischen, um vom Boom in der Volksrepublik China zu profitieren: die eine als Drehtür für den chinesischen Markt, die andere als Luxusparadies für Chinas Reiche.
Millionen Menschen auf engstem Raum: Siemens-Lösungen erleichtern das Leben in der Megacity – ob im Aberdeen Tunnel in Hongkong (oben rechts) oder für die Gebäudetechnik in Macaus Kasinos (links)
Vor dem Hong Kong Sanatorium & Hospital steigen Patienten im Minutentakt aus den Taxis. Viele der Medizintouristen sind aus der Volksrepublik China und kommen wegen der High-tech-Ausstattung. Die Klinik steckt voller Siemens-Geräte. So verwendet sie als erste Hongkongs die neueste Generation nuklearmedizinischer PET/CT-Diagnostik. Die liefert nicht nur die schärfsten Bilder, sondern verkürzt auch einen Ganzkörper-Scan um die Hälfte auf unter 15 Minuten. Das erhöht für die Patienten den Komfort und für das Krankenhaus den Umsatz. Um dem Ansturm gewachsen zu sein, wird die Klinik derzeit um mehrere Stockwerke erweitert.
Anbauen, umbauen, neu bauen – wie im Sanatorium & Hospital geht es in Hongkong vielerorts zu. Die 1997 an China zurückgegebene ehemalige britische Kronkolonie will vom Boom der Volksrepublik profitieren – ebenso wie Macau, das 1999 von Portugal an China zurückgegeben wurde. Jahrzehntelang wurde fast das komplette internationale China-Geschäft über Hongkong abgewickelt. Doch seitdem Shanghai, Peking und andere Metropolen selbst zu Weltstädten geworden sind, muss sich das Finanzzentrum am "Duftenden Hafen" neu definieren.
Besonderer Status. "Hongkong darf nicht einfach eine chinesische Stadt wie alle anderen werden", sagt John Rutherford, stellvertretender Geschäftsführer von InvestHK, einer Regierungsbehörde, die internationale Investoren davon überzeugen will, dass die Stadt trotz der vierthöchsten Lebenshaltungskosten der Welt ihr Geld wert ist. Tausende Firmen haben hier bereits Zentralen oder Niederlassungen. 23,4 Millionen Touristen, darunter 12,5 Millionen vom Festland, besuchten 2005 die Stadt mit der grandiosesten Skyline der Welt. "Hongkong ist ein Premium-Produkt", erklärt Rutherford. "Wir sind für alle Megacities in der Region die Messlatte, und die wollen wir immer höher legen.
Mit jährlich 3,7 Mrd. US-$ will die Regierung in den kommenden fünf Jahren die Infrastruktur ausbauen. "Für viele Herausforderungen liefert Siemens schon heute die Lösungen", erklärt Denis Leung, Siemens-Chef von Hongkong und Macau. "Unsere Technologie spielt eine große Rolle bei der Bewältigung einer der höchsten Verkehrsdichten der Welt, bei der zuverlässigen Energieversorgung für sieben Millionen Menschen auf engstem Raum oder bei der Gebäudetechnik in der Stadt mit den meisten Wolkenkratzern nach New York."
7,7 Millionen Fahrgäste benutzen täglich öffentliche Verkehrsmittel; einige U- oder S-Bahnen haben zu Stoßzeiten mehr als 70 000 Passagiere pro Stunde. Mit modernster Signal-, Steuerungs- und Kommunikationstechnik von Siemens sind die Züge dennoch flexibel einsetzbar. Derzeit wird in den dicht besiedelten Stadtteilen Tuen Mun und Yuen Long das Verkehrsleitsystem SCOOT installiert. An Knotenpunkten registrieren hunderte Sensoren das Verkehrsaufkommen, um die günstigsten Ampelschaltungen zu errechnen. Siemens lieferte auch ein Verkehrsüberwachungs- und Steuersystem für den Aberdeen Tunnel, die Hauptverbindung zwischen dem südlichen Teil der Hongkong-Insel und der Innenstadt sowie der Festlandspitze Kowloon. Es besteht aus Sensoren und intelligenten Kameras, die automatisch Verkehrsdichte und -geschwindigkeit messen sowie Ereignisse wie Unfälle oder Staus erkennen und melden ( Videoüberwachung). "Die Technik versorgt Fahrer im Tunnel und auf den Zubringerstraßen in Echtzeit mit Verkehrsnachrichten und hilft so, Staus zu vermeiden", sagt Charles Cheung, Leiter von Siemens Automation and Control.
Rekord bei der Stromversorgung. "Siemens wandelt sich von einem Ausrüstungshersteller zu einem Lösungsanbieter", sagt Stewart Saunders, COO von Hongkongs größtem Stromkonzern CLP Power. So nimmt Siemens dem Energieunternehmen eine seiner größten Sorgen ab: die Sanierung des Jahrzehnte alten Stromnetzes. Hunderte Umspannstationen müssen dafür ausgetauscht werden – möglichst ohne das Leben in der Stadt zu beeinträchtigen. Die Arbeitseinsätze, meist nachts oder am Wochenende, sind daher minutiös organisiert. Gerade acht Stunden brauchen die Ingenieure, um eine Station für tausende Stromkunden auszutauschen, zu testen und wieder anzuschließen.
"Dann ist aber für mehrere Jahrzehnte Ruhe", erklärt Humphrey Ling, Leiter von Siemens Power Transmission and Distribution in Hongkong. Denn während herkömmliche Umspannstationen alle zwei Jahre abgeschaltet und über- prüft werden müssen, sind seine neuen gasisolierten Transformatoren absolut wartungsfrei. Das Ergebnis: Zwischen 2003 und 2005 erzielte CLP eine rekordverdächtige Stromversorgungssicherheit von 99,99 %. Nur 5,37 Minuten ungeplante Ausfälle musste jeder Benutzer im Jahr im Durchschnitt hinnehmen – auch international ein Spitzenwert. In den USA liegt der Vergleichswert bei 103 Minuten. Ist erst das ganze Netz modernisiert, dürfte die Fehlerquote noch weiter sinken, erwartet man bei CLP. "Siemens hat schon immer für Zuverlässigkeit, Qualität und Sicherheit gestanden", erklärt Saunders. "Und der Service, der zur Qualität der Anlagen noch dazukommt, ist hervorragend."
Auch andere ehrgeizige Hongkonger Großprojekte wurden mit Siemens-Technologie Realität. Im 2005 eröffneten Disneyland sorgen Anlagen von Siemens für Sicherheit. Am Flughafen Chek Lap Kok, seit Jahren laut Umfragen der benutzerfreundlichste der Welt, arbeitet ein Gepäcksystem des Unternehmens. In vielen der größten Hongkonger Gebäude, von den Universitäten über die beiden Pferderennbahnen bis zur Börse, kommt Siemens-Gebäudetechnik zum Einsatz. "Siemens hat auch den Wissenschaftspark mit großartigen Anlagen versorgt", sagt Carlos Genardini, CEO des Hong Kong Science & Technology Parks, der Forschung und Entwicklung als weiteres wirtschaftliches Standbein erschließen soll. "Hongkong ist nah an den Finanzmärkten, nah an den Kunden und nah an der Produktion", sagt Genardini, "einen besseren Standort kann es für Firmen mit guten Ideen gar nicht geben." Über 100 Unternehmen mit insgesamt 4 000 Mitarbeitern sitzen bereits in den acht futuristischen Gebäuden; eine weitere Bauphase ist im Gange. 1,5 Mrd. US-$ will die Regierung bis 2011 in das Projekt investieren.
Zockerparadies Macau. Während Hongkong auf Geldvermehrung durch Technik setzt, floriert im eine Schnellbootstunde entfernten Macau ein irrationales Investitionsverhalten: das Glücksspiel. 16 Millionen Besucher reisten 2005 in die 480 000-Einwohner-Stadt. 5,7 Mrd. US-$ nahm die Glücksspielindustrie 2005 ein – mit einer geschätzten Wachstumsrate von 20 % im Jahr. Weit über die Hälfte der Besucher kommen aus China; neun Millionen waren es 2005, 70 % mehr als im Vorjahr. In ihrer Heimat steht Glücksspiel unter Strafe. Dort soll niemand auf die Idee kommen, man könne durch Zufall einfacher zu Wohlstand kommen als durch harte Arbeit. Doch da Spielen in China Tradition hat, erlaubt Peking eine Ausnahme: In Macau dürfen die Chinesen mit Würfeln oder Karten ihr Schicksal herausfordern.
Früher reichten dafür ein paar alte Kasinos, jetzt hat die Regierung den 2,2 km langen und ebenso breiten Cotai-Strip aufgeschüttet: Hier entstehen Nobelhotels, exklusive Clubs und Einkaufs- und Messezentren. "Was hier derzeit aufgebaut wird, ist gewaltig", sagt Jackson Chang, Geschäftsführer des Instituts zur Förderung von Handel und Investitionen. "21 Hotels mit knapp 20 000 Zimmern sind im Bau. 28 weitere warten auf ihre Genehmigung."
Glücksspiel-Enklave von oben: In Macau entstehen zahlreiche neue Kasinos und Hotels
Unterstützt von Siemens realisiert die Regierung derzeit die nötige Infrastruktur. So liefert das Unternehmen Transformatorenstationen und Steuerungstechnik für das Stromnetz. Für die wichtigsten öffentlichen Gebäude – etwa den Flughafen, den 338 m hohen Macau-Tower und das für die Ostasienspiele 2005 gebaute Stadion Macau Dome ( Fußballstadien und Großereignisse) – lieferte Siemens die Gebäudetechnik. Außerdem hat jeder Stadtbewohner ein Stück Siemens in der Tasche: 2002 führte die Regierung als erste in der Region einen digitalen Personalausweis ein. Dessen Chip enthält biometrische Daten wie den Fingerabdruck, und es lassen sich Angaben von Führerschein oder Krankenversicherung speichern.
Größer als alle staatlichen Investitionen sind in Macau jedoch die privaten, etwa die des US-Glücksspielmoguls Sheldon Adelson. Nachdem sein erstes Projekt, das 240-Millionen-Dollar-Kasino Sands, seine Baukosten fünf Monate nach der Eröffnung wieder eingespielt hatte, entsteht auf dem Cotai-Strip nun für 1,8 Mrd. US-$ das Venetian Macau, das den Charme von Venedig mit dem Glamour von Las Vegas verbinden soll. Hier ist Siemens einer der Hauptlieferanten von Gebäudetechnik. "Unser Siemens-One-Konzept ist sehr erfolgreich", erklärt der örtliche Geschäftsführer Alex Chu, "denn die Bauherren haben keine Zeit, sich mit vielen verschieden Zulieferern herumzuschlagen." Von Siemens bekommen sie alles aus einer Hand. Denn es wird schnell teuer, wenn in einem Kasino der Betrieb unterbrochen werden muss, weil die Alarmanlage einen Wackelkontakt hat. "Die Bauherren gehen mit uns auf Nummer sicher", sagt Chu. Das ist die Ironie des Kasinogeschäfts: Während die Kunden ihre Risikofreude ausleben, überlassen die Betreiber nichts dem Zufall.
Bernhard Bartsch