Nachhaltige Stadtentwicklung – Flughäfen
Einmal um den Globus
Die Luftfahrt- und Flughafenindustrie zählt zu den am stärksten wachsenden Branchen. Sicherheit und Komfort der Passagiere stehen im Vordergrund. Siemens unterstützt den Boom mit maßgeschneiderten Lösungen für die großen Airports der Welt.
Flughafen Incheon in Seoul: Der 2001 eröffnete Airport wird schon wieder erweitert. Siemens installiert eine neuartige Gepäckförderanlage. Kleine Bilder: Flughäfen Peking, Denver und Madrid
Die Branche boomt wie kaum eine andere. Die Fluglinien der Welt befördern heute 1,6 Milliarden Fluggäste im Jahr. Bis zum Jahr 2010 rechnen Experten wie die Analysten von Frost & Sullivan mit 2,3 Milliarden Fluggästen; ein Anstieg um mehr als 40 %. Vor allem die großen Ballungsräume müssen ihre internationalen Flughäfen praktisch ständig neu erfinden – und mit modernster Technik ausbauen.
Siemens ist meist mit an Bord. Das Unternehmen hat als einziger Anbieter weltweit das Know-how, einen kompletten Flughafen auszustatten. Die Palette reicht von Gepäck- und Frachtförderanlagen, Sicherheitssystemen für Passagiere und Gepäck, Lösungen für Gebäude- und Energiemanagement, Systemen für die Flugplatzbefeuerung und das Straßenverkehrsmanagement bis zu IT- und Telekommunikations- lösungen und der Überwachung von Serviceflotten sowie dem Projektmanagement zur Integration all dieser Gewerke. Dienstleistungen für Betrieb und Wartung über den Lebenszyklus eines Flughafens runden das Portfolio ab.
Starten wir eine Rundreise im Land der Morgenstille: Südkorea. Futuristisch elegant liegen die sanft geschwungenen Gebäude von Incheon, dem Flughafen von Seoul, auf einer Insel im Gelben Meer. 2001 eröffnet, befindet sich dieser Airport schon wieder mitten im Umbau, um seine Kapazität auf 44 Millionen Passagiere im Jahr zu erweitern. Die geballte High-tech dient vor allem dazu, dass sich die Reisenden dank effizienter Prozesse gut aufgehoben und umsorgt fühlen. Siemens baut hier zum ersten Mal eine neue Art von Gepäckbeförderungsanlage, eine Double-Tray-Anlage. Mit Hochgeschwindigkeit rasen die Gepäckstücke durch den 900 m langen Tunnel, der das Hauptgebäude mit dem neuen Terminal verbindet. Der Clou: Sowohl normal große Gepäckstücke als auch Sperrgepäck fahren auf derselben Förderlinie. Nur die Behälter, die Trays, sind unterschiedlich groß. Damit diese Weltneuheit reibungslos funktioniert, werden die besonderen Anforderungen an die Steuerung im Siemens Airport Center in Fürth getestet (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2006 Siemens Airport Center).
Zwei Großprojekte parallel.Nur eineinhalb Flugstunden von Incheon entfernt arbeiten andere Experten mit Hochdruck an der Erweiterung des Pekinger Flughafens. Hier steht alles unter dem Stern der Olympischen Sommerspiele 2008. Weil Siemens zusagte, eines der modernsten Gepäckfördersysteme rechtzeitig bis Ende 2007 fertig zu stellen, setzten sich die Deutschen gegen die starke Konkurrenz durch. "Wir müssen jetzt mit Incheon und Peking zwei riesige Projekte zeitgleich fertig stellen", sagt Günter Menden, Leiter von Siemens Airport Logistics. "Und da gibt es keinen Aufschub. Die Eröffnungsfeier der Spiele ist das Datum, auf das alle hinarbeiten." Mit dem Terminal 3 erweitert Peking seinen internationalen Flughafen von 28 auf 60 Millionen Passagiere.
China ist der größte Wachstumsmarkt für neue Flughäfen. Nur 0,1 % der Einwohner unternehmen bislang eine oder mehrere internationale Flugreisen im Jahr. In den USA sind es 13 %. Um den Nachholbedarf zu decken, will die chinesische Regierung in allen 127 Städten mit mehr als einer Million Einwohnern Flughäfen bauen. "Das werden fast ausschließlich nationale Flughäfen sein", erklärt Menden. "Wir entwickeln gerade Standards für solche kleinen bis mittelgroßen Flughäfen, die wir sozusagen als Airport von der Stange zu einem Festpreis anbieten können."
Weiter geht die Rundreise in Richtung Süden nach Malaysia. Kuala Lumpur grüßt mit seinen Zwillingstürmen über 23 Millionen Fluggäste im Jahr. Das Verkehrsministerium hat Siemens Industrial Solutions and Services (I&S) beauftragt, eine Gepäckförderanlage zwischen dem Satelliten-Terminal des internationalen Flughafens Kuala Lumpur (KLIA) und dem Express-Rail-Link-Bahnsteig im Hauptterminal zu liefern. Damit wird die Beförderung bis zu fünfmal schneller. Von Vorteil ist eine effizientere und schnellere Gepäckabfertigung vor allem für Passagiere, die vom Hauptbahnhof mit dem Zug zum Flughafen reisen und dann das Gepäck bereits in der Innenstadt einchecken können. Noch einfacher wäre es, jedes Gepäckstück mit einem RFID-Tag zu versehen, auf dem alle Informationen enthalten sind: Besitzer, Flugziel, Fluggesellschaft. "Das ist technisch machbar, aber wegen des finanziellen Aufwands noch Zukunftsmusik", erklärt Menden. Das Gepäck könnte sogar schon im Hotel aufgegeben werden. Es müsste auch nicht sofort nach der Landung abgeholt werden, wenn der Reisende seinen Koffer erst abends braucht.
Probelauf für Peking: Im Airport Center in Fürth testen Spezialisten Komponenten der Gepäckförderanlage für das neue Terminal 3 des Pekinger Flughafens
Zwischenlandung in Indien, dem Subkontinent mit 1,2 Milliarden Einwohnern. "Der Standard der Flughäfen ist aus westlicher Sicht eher niedrig", sagt Menden. Die öffentliche Hand will die Infrastruktur aber verbessern und geht dabei neue Wege. So entsteht ein neuer Flughafen in Bangalore in einer Public Private Partnership zwischen dem indischen Staat, dem Unionsstaat Karnataka und einem Joint Venture von privaten Investoren mit Siemens Project Ventures (SPV) als Hauptanteilseigner ( Indien).
"Die Region hat sehr lange auf dieses Projekt gewartet", erklärt Dr. Wolfgang Bischoff, Geschäftsführer von SPV. "Für uns, die wir auch in Kraftwerke und Krankenhäuser investieren, ist es das erste Flughafenprojekt. Wir sind aber überzeugt, dass es ein Modell für weitere Public Private Partnerships in Indien sein wird." Der Flughafen, der 2008 in Betrieb geht, ist auf 6,7 Millionen Passagiere im Jahr ausgelegt und wird etwa 450 Mio. -$ kosten. Erste Verhandlungen für die Finanzierung begannen bereits 1999. "Wir mussten einen sehr langen Atem beweisen", fasst Bischoff zusammen. Ein Regierungswechsel in Indien warf das Projekt wieder zurück. Doch für Siemens hat sich die Ausdauer gelohnt: I&S und Siemens Ltd. India liefern die gesamte technische Ausstattung. Siemens ist mit 40 % am Eigenkapital des Flughafens beteiligt, je 13 % halten die Regierungen von Indien und Karnataka, den Rest weitere private Investoren.
Drehscheibe in der Wüste. Wir nähern uns dem Nahen Osten. Dort bauen die Scheichtümer riesige Hotel- und Vergnügungslandschaften, die ihre Wüstenstaaten als Urlaubsregion attraktiver machen. Und die ist oft nur aus der Luft zu erreichen. Dubai erweitert seinen derzeitigen Flughafen von 25 Millionen auf 70 Millionen Passagiere im Jahr. Siemens liefert ein Cargo-Zentrum für einen Frachtumschlag von 1,2 Mio. t pro Jahr sowie eine automatische Gepäckförderanlage – mit einer Gesamtlänge von 90 km die größte der Welt. Das Department of Civil Aviation (DCA), die Luftfahrtbehörde der Vereinten Arabischen Emirate, verlässt sich seit Jahren auf Know-how von Siemens. So hat das Unternehmen die Gepäckförderanlage für Terminal 1 geliefert und die komplette Gebäudeautomatisierung für weite Teile des Flughafens. Da der Ausbau aber bei dem erwarteten Wachstum schon kurz nach der Fertigstellung zu klein sein wird, wurde im 40 km entfernten Jebel Ali 2005 der Grundstein für ein noch größeres Flughafenprojekt gelegt. Dort entsteht mit sechs parallelen Landebahnen eine weltweit einmalige, gigantische Flughafen- und Logistiklandschaft.
Doch zunächst stehen Ende 2006 im Scheichtum Katar die 15. Asienspiele an, zu denen im Dezember allein 12 000 Sportler anreisen. Mit Funktionären, Personal und Zuschauern muss die Hauptstadt Doha einen Ansturm von weit über 50 000 Menschen verkraften. Damit ist der Flughafen überfordert. Auch hier hilft Siemens: Als weltweit einziger Anbieter kann das Unternehmen ein vollständiges Terminal auf Zeit liefern: CapacityPlus. "Wir haben das erstmals bei der Fußball-Europameisterschaft 2004 in Lissabon gemacht", berichtet Günter Menden. I&S stellt in Doha ein 100 × 80 m² großes Zelt auf, das mit vielen kleinen Gipfeln und Wimpeln traditionell arabisch anmuten wird. Es beherbergt Abflug- und Ankunftsbereich, Gepäckbeförderung und -sortierung, ein elektronisches Sicherheitssystem für Passagiere sowie Check-in-Schalter. Siemens integriert außerdem ein Gepäckdurchleuchtungssystem, ein Fluginformationssystem, eine Klimaanlage, sanitäre Einrichtungen und die Notstromversorgung. "Wir stellen das Terminal in sechs Monaten auf und betreiben es dann für zwei Monate", sagt Menden. "Das Zelt ist nicht nur bei Mega-Events ideal. Auch bei Renovierungen dient es als perfekte Zwischenlösung." Wir überfliegen den alten Kontinent. Hier sind alle großen Flughafenbauprojekte mittlerweile realisiert worden. Madrid hat Anfang 2006 im nagelneuen Terminal 4 die größte Gepäckförderanlage Europas in Betrieb genommen – wieder von Siemens. "In den europäischen Flughäfen geht es heute vor allem darum, die Beförderung und Verwaltung von Gepäck und Cargo zu optimieren", sagt Menden. Die Betreiber wollen die minimum connecting time verringern, also die Zeit, die zum Umsteigen von Passagieren und zum Gepäcktransport nötig ist. Sie ist eine wichtige Größe für die Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Fluglinien. Zudem machen sich die großen Flughäfen fit für den Anflug des neuen Großraumflugzeugs, des A380.
Die Top20 der Welt
* Alle dunkel hinterlegten Flughäfen nutzen Siemens-Technologie Quelle: Albatross Datenbank 2005 (Werte für 2004)
In den USA steht nach wie vor die Sicherheit im Vordergrund. Siemens erbringt hier an 430 Flughäfen den Service und die Instandhaltung für die sicherheitstechnischen Einrichtungen, vor allem für das Screening von Passagieren und Gepäck. Um lange Schlangen zu vermeiden, rüsten viele US-Flughäfen ihre Gepäckförderanlagen auf und ergänzen sie mit Screening-Anlagen.
Für den Flughafen Detroit entwickelt Siemens ein neues Energiesparprogramm. Bereits 2002 brachte ein erstes Programm Einsparungen in Millionenhöhe. Auch das neue Terminal – Siemens ist hier Hauptauftragnehmer – wird unter der strikten Prämisse der Kostenminimierung gebaut. Noch ehrgeizigere Ziele hat sich der Internationale Flughafen von Indianapolis gesteckt: Er will als erster in den USA die Zertifizierung Leadership in Energy and Environmental Design (LEED) erhalten. Dabei handelt es sich um einen freiwilligen US-Standard für sog. Green Buildings ( Gebäudeautomatisierung). Der Flughafen wird komplett neu gebaut – mit einem Terminal mit 40 Gates, Tower und einer Autobahn-Anbindung. Siemens wird eine Gepäckförderanlage mit einem Sprengstoff-Erkennungssystem ausstatten.
In Denver, wegen der nahe gelegenen Rocky Mountains einer der wichtigsten Touristenflughäfen, will Siemens demnächst eine neue Gepäckförderanlage bauen, die erstmals privat finanziert werden könnte. Die neue Hochgeschwindigkeits-Tray-Anlage soll die Terminals verbinden und die Umsteigezeit für die Passagiere erheblich reduzieren.
Letzte Station der Reise ist Los Angeles. Dort wird der Flughafen mit einem Aufwand von 10 Mrd. US-$ seine neun Terminals renovieren und zwei internationale Terminals neu bauen – in Erwartung des A380 und um den Passagierkomfort zu verbessern. Siemens wird ein Terminal komplett nach den neuesten Standards in Sachen Wireless-Technologie, Sicherheit und Komfort ausstatten. "Wir haben in den USA eine ganz starke Vertrauensstellung bei den zuständigen Behörden", fasst Menden zusammen. Und von der Westküste ist es fast nur ein Katzensprung über den Pazifik nach Asien, wo die Reise begonnen hat.
Katrin Nikolaus