Nachhaltige Stadtentwicklung – Chongqing
Heiß und scharf
Chongqing, die größte Stadt der Welt, hat es nicht leicht. Tief im chinesischen Hinterland gelegen war sie lange vom Boom abgeschnitten. Nun holt sie auf.
"Größte Stadt der Welt": Mit 31 Millionen Einwohnern kann sich Chongqing mit diesem Titel schmücken. Allerdings leben mehr als die Hälfte davon im eingemeindeten Umland
Das Wahrzeichen der brodelnden Stadt ist eine Fleischbrühe, in der unzählige Chili-Schoten und Pfefferkörner schwimmen. Chongqing Feuertopf heißt das Gericht. Eine schweißtreibende Leibspeise für eine Stadt, in der das Quecksilber im Sommer so hoch klettert, dass die Fabriken ihren Arbeitern mehrere Wochen hitzefrei geben. Trotzdem schwören die Chongqinger darauf: Heiß von innen und heiß von außen – das hebt sich auf, sagen sie.
Abgesehen vom Fondue und den Temperaturen war die 31-Millionen-Metropole bis vor kurzem allerdings alles andere als heiß. Der Grund: Die Epizentren des chinesischen Wirtschaftswunders – allen voran das Perlfluss-Delta bei Hongkong und das Jangtse-Delta um Shanghai – sind 1000 km weit weg. Zwar liegt auch Chongqing am Jangtse, doch wegen der flussabwärts gelegenen "Drei Schluchten", wo der größte Fluss Chinas äußerst schmal und gefährlich wird, erreichten nur kleine Schiffe Chongqing. Außer der Waffenindustrie, die Mao Zedong einst in der für Feinde unerreichbaren Stadt ansiedelte, bot Chongqing keine Standortvorteile. Die Stadt lag geographisch im Abseits.
Doch dann beschloss Peking Mitte der 90er Jahre, Chongqing zum Brückenkopf einer großen Kampagne zur Entwicklung des rückständigen Hinterlandes zu machen. Etwa 75 Mrd. US-$ investierte die Zentralregierung zwischen 2000 und 2005 in ihr Go-West-Programm. Chongqing sollte zum "Shanghai des Westens" werden, wie die Stadtväter stolz sagen. 22 Mrd. US-$ stellte Peking ihnen zur Verfügung – viel Geld, und doch ein schmales Budget, wenn es darum geht, für über 30 Millionen Menschen neue Arbeitsplätze zu schaffen, Wohnungen, Straßen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen und für Strom, Trinkwasser und Abfallbeseitigung zu sorgen. Und das auf einer Fläche so groß wie Österreich, denn nur die Hälfte der Chongqinger lebt in der eigentlichen Stadt; die andere bevölkert das 1997 eingemeindete Umland (Chongqings Status als größte Stadt der Welt ist daher umstritten). Unter solchen Umständen muss Chongqing auf Infrastruktur-Lösungen setzen, die gleichzeitig preiswert und extrem belastbar sind.
Siemens als Infrastruktur-Lieferant. Bei vielen Schlüsselprojekten verlässt sich Chongqing auf Siemens. War bis vor kurzem noch eine rostige Seilbahn über den Fluss das fortschrittlichste Verkehrsmittel der Stadt, so fährt seit 2004 die erste S-Bahn, ausgestattet mit Steuerungstechnik sowie Stromversorgung und Alarmanlagen von Siemens. Sechs weitere über- und unterirdische Bahnlinien sind in Planung. Für Chongqings neuen Flughafen, die Messehalle und zahlreiche neue Hotels und Bürogebäude lieferte Siemens Gebäudetechnik. Zudem versorgte die Firma das Kohlekraftwerk Luohuang, einen der Hauptenergielieferanten, mit Steuer- und Regelanlagen sowie mit Netzwerktechnik.
Die Infrastruktur ist die Basis, um Chongqing zu einem konkurrenzfähigen Wirtschaftsstandort zu machen. Wie dies im Idealfall funktioniert, zeigt Chongqings größtes Unternehmen, die Chang’an Automotive Group mit 43 000 Mitarbeitern. Früher produzierte der Staatsbetrieb Militärfahrzeuge, bevor er zu einem der größten chinesischen Hersteller von Pkw und Nutzfahrzeugen umgebaut wurde. 1993 gründete Chang’an ein Gemeinschaftsunternehmen mit Suzuki; im Jahr 2000 folgte ein Joint-venture mit Ford. Zwar wollten die Japaner und Amerikaner ursprünglich lieber an der boomenden Ostküste produzieren, doch die Pekinger Planungsbehörden lockten sie mit attraktiven Investitionsanreizen ins Hinterland. Für die Stadt war dies eine Initialzündung, denn die Firmen brachten nicht nur moderne Technologie und Managementmethoden mit, sondern auch ihre Zulieferer, deren Mitarbeiter zunächst die Hotels belebten, dann Büros anmieteten und lokale Angestellte rekrutierten.
Einer der wichtigsten Lieferanten ist Siemens VDO. Da der Autozulieferer bereits zahlreiche ausländisch-chinesische Gemeinschaftswerke belieferte – allen voran die Volkswagen-Standorte Shanghai und Changchun –, konnte er Suzuki und Ford helfen, in Chongqing innerhalb kürzester Zeit einen hohen Anteil an lokaler Fertigung zu erreichen – auf Chinas heiß umkämpftem Automarkt ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die beiden Joint-ventures beziehen von Siemens VDO unter anderem Sensoren, das Steuersystem für die Airbags, Verriegelungssysteme sowie Alarmanlagen, Audioausrüstung und Armaturen. Hergestellt werden die Teile in Siemens-Fabriken in Shanghai, Changchun, Wuhu (Provinz Anhui) und Huizhou (Guangdong). "Chongqing ist heute mit Straßen, Eisenbahnen, Schiffs- und Flugverkehr so gut erschlossen, dass es kein Problem ist, effiziente Zulieferketten aufzubauen", erklärt Yuan Quan, Key Account Manager von Siemens für Chang’an. "China wächst erstmals zu einem einzigen großen Markt zusammen."
Südwest-Klinik (links): Siemens lieferte zahlreiche Diagnostikgeräte. Der internationale Flughafen ist von großer Bedeutung für die Anbindung Chongqings an die Industrieregionen im Osten Chinas (rechts)
Chang’an ist inzwischen zum viertgrößten Hersteller des Landes aufgestiegen. 580 000 Autos verkaufte das Unternehmen 2004; zwei Jahre zuvor waren es erst halb so viele. Das Angebot umfasst Suzuki-Kleinwagen, Ford Mittelklasse-Modelle sowie andere Pkw, Minivans, Busse und Kleinlaster, die Chang’an in Eigenregie herstellt. Um wettbewerbsfähig zu sein, bezieht Chang’an auch dafür Siemens-Komponenten. So entwickelt Siemens derzeit ein Steuerungsmodul für Chang’ans neue Minibus-Generation.
Verkaufsschlager Motorrad. Während Chinas Automarkt noch immer größtenteils im wohlhabenden Ostchina liegt, findet ein anderes Chongqinger Produkt auch in Westchina reichlich Absatz: Motorräder. Die größten Hersteller beliefern heute von Chongqing aus ganz China und wollen künftig den internationalen Markt erobern. Allianzen mit weltweiten Technologieführern sollen das ermöglichen. Deswegen baut die Siemens-Tochterfirma Synerject in Chongqing ein Forschungszentrum auf, in dem 25 Ingenieure Anwendungen für die Zweirad-Industrie entwickeln sollen. "Siemens ist sehr engagiert, wenn es darum geht, maßgeschneiderte Produkte für seine chinesischen Kunden zu entwickeln", sagt Zhang Xiang, technischer Direktor des größten staatlichen Zweiradherstellers Jialing. "Für Chongqings Zukunft als Technologie- und Exportstandort ist das Siemens-Entwicklungszentrum ein wichtiger Schritt, der lokalen Firmen hilft, Fahrzeuge von hoher Qualität herzustellen." Erste Aufträge für die Entwicklung von Antriebssteuerungssystemen hat Synerject bereits. "Moderne Antriebstechnik von Siemens ist auch ökologisch wichtig", erklärt Zhang. "So werden unsere Fahrzeuge energieeffizienter."
Es ist nicht die einzige technische Kooperation, die Siemens in Chongqing geschlossen hat. Eine andere besteht mit dem Chongqing Iron & Steel Design Institute (CISDI), einem traditionsreichen staatlichen Forschungszentrum für die Metallindustrie, das eine Schlüsselrolle bei der Modernisierung der Stahlbranche spielt. Als Systemintegrator bringt CISDI im ganzen Land Eisen- und Stahlwerke auf den technisch neuesten Stand und greift dabei standardmäßig auf Siemens-Produkte zurück, etwa Steuerungstechnik, Automatisierungsanwendungen und Antriebsleitsysteme. Von Xinjiang in Chinas fernem Westen bis zur ostchinesischen Hafenmetropole Tianjin haben der Chongqinger Dienstleister und das deutsche High-tech-Unternehmen schon zahlreiche gemeinsame Eisen- und Stahlwerke gebaut. 2005 gründeten sie sogar eine strategische Partnerschaft.
Krebstherapie mit Ultraschall. Auch im Medizinbereich hat Siemens Allianzen. Schon heute beziehen viele Krankenhäuser, etwa die große Südwest-Klinik, ihre Diagnostikgeräte von Siemens. Vor einigen Monaten schloss das Unternehmen eine Kooperation mit Chongqing Haifu Technology Co. (Haifu), um Behandlungssysteme für MR-geführte hochfokussierte Ultraschall-Therapiegeräte (High Intensity Focused Ultrasound) zur Marktreife zu bringen.
Dabei ergänzen sich die Technologieführerschaft von Siemens bei der Magnetresonanz-Bildgebung (MR) und Haifus Erfahrung in der Ultraschalltherapie. Mit MR lassen sich etwa Tumore in Gebärmutter, Brust, Leber, Bauchspeicheldrüse und Knochen lokalisieren sowie thermische Veränderungen sichtbar machen. Dies erlaubt eine punktgenaue Zerstörung des kranken Gewebes mit Ultraschall. "Wir sind sehr glücklich über die Kooperation mit Siemens", erklärt Haifu-Präsident Professor Dr. Wang Zhibiao. "So können wir Behandlungen für Patienten in aller Welt zugänglich machen. Das ist eine neue und sehr spannende Entwicklung."
Zusammenschlüsse wie diese haben geholfen, Chongqing von einer abgelegenen Riesenstadt in eine integrierte Metropole zu verwandeln. Entwicklungen am anderen Ende des Riesenreiches haben längst Auswirkungen bis an den Jangtse-Oberlauf. Da etwa im Perlfluss-Delta die Arbeiter knapp und teuer werden, ziehen immer mehr Fabriken nach Chongqing, wo die Löhne niedriger sind. Auch die hohen Bodenpreise im Shanghaier Hinterland sind ein Argument für Chongqing, das zwischen 2000 und 2005 etwa 2,5 :Mrd. US-$ Auslandsinvestitionen anzog.
Die größte Veränderung bringt jedoch der 300 km flussabwärts gelegene Drei-Schluchten-Staudamm. Obwohl er wegen seiner Nachteile für die Natur und die von der Umsiedlung betroffenen Menschen umstritten ist, bringt er auch Vorteile. Das dortige Kraftwerk mit 18 200 MW Leistung erzeugt Strom für die ganze Region. Siemens hat dafür große Transformatoren geliefert und bietet technischen Service. Das Joint Venture Voith Siemens Hydro fertigte unter anderem zwei 420 t schwere Laufräder sowie Schlüsselkomponenten für Generatoren. Der Anstieg des Wasserspiegels wird dazu führen, dass Chongqing bald für große Schiffe erreichbar sein wird. Ermöglicht wird das durch 113 m hohe Schleusen – die höchsten der Welt – die ebenfalls mit Siemens-Technik gesteuert werden. Wenn das Drei-Schluchten-Projekt 2009 fertig gestellt ist, können die Chongqinger von einer eleganten Uferpromenade aus die großen Kähne betrachten. Was dann in den Restaurants mit Hafenblick serviert wird, versteht sich von selbst: Chongqing Feuertopf. Schließlich ist die Stadt inzwischen eine heiße Adresse.
Bernhard Bartsch