Erfinder & Innovatoren – Universität der Zukunft
Kampf um die Talente
Die Universität der Zukunft vermittelt neben Fachwissen vor allem Schlüsselfertigkeiten für das vernetzte Arbeiten in internationalen Teams. Entscheidend dabei: ein gutes didaktisches Konzept und moderne technische Infrastruktur. Siemens-Technologie macht Hochschulen fit für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Modernes Lernen: Im Auditorium der ESMT in Berlin sitzen Studenten und Dozent im Halbrund zusammen. Über den LC-Bildschirm (kleines Foto) lassen sich alle Medien steuern, etwa Präsentationen oder Filme
Im Foyer der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin zückt Ramon Giovannini seine Zutrittskarte. Der eingebaute Funkchip identifiziert ihn und gibt den Zugang frei. In der Lounge sinkt der 29-jährige Ingenieur, der hier seinen Master of Business Administration (MBA) machen will, in einen der roten Ledersessel und genießt einen Kaffee. Zeitgleich meldet sich sein Laptop im Funknetz (WLAN) an, das im gesamten Gebäude drahtlosen Intra- und Internetzugang ermöglicht. Laut Stundenplan, den er online abruft, steht heute Projektarbeit an – mit echten Fällen aus der Wirtschaft. "Zu den Gruppenräumen haben nur die Mitglieder des jeweiligen Teams Zutritt", sagt er, als er später seine Karte vor den Monitor neben der Tür hält – dieser zeigt ihm an, welche seiner Teamkollegen schon da sind. "Manchmal muss ich mich in dieser High-tech-Umgebung sehr disziplinieren. Denn es ist schon verführerisch, während eines Vortrags per Laptop im Internet zu chatten oder einen günstigen Flug zu buchen. Aber wir sind ja erwachsene Menschen", fügt er lachend hinzu.
"Selbstverantwortung ist der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen", meint auch der Gründungsrektor der ESMT, Prof. Derek Abell. Vor vier Jahren wurde die ESMT auf Initiative von 25 deutschen Firmen und Verbänden als Eliteschmiede für Management-Nachwuchs eröffnet. "Die technische Ausstattung der ESMT ist zwar in vielerlei Hinsicht wegweisend, eines dürfen wir aber dennoch nicht außer Acht lassen: Die beste Ausstattung nutzt nichts, wenn das didaktische Konzept verfehlt ist und wir die Studenten nicht begeistern können", sagt Abell.
Damit alle Beteiligten miteinander gut ins Gespräch kommen können, ist das Auditorium als Halbrund aufgebaut. Moderne Technologie, die zum größten Teil von Siemens stammt, erleichtert den Lernalltag. Von einer zentralen Steuereinheit aus – einem LCD-Bildschirm, der sich wie eine Schublade aus dem Pult ziehen lässt – steuert der Dozent alle Medien: Filme und Präsentationen, die auf dem zentralen Schulserver abgelegt sind, oder Soundfiles. Auf diese Innovation ist Daniel Grosch von Siemens Building Technologies besonders stolz: "Das Beeindruckende an dieser Lösung ist das Zusammenspiel der technischen Komponenten. Das System ist wie aus einem Guss." Grosch hat die Gebäude- und Automatisierungstechnik ebenso installiert wie – in Zusammenarbeit mit dem Siemens-Bereich Communications – die IT- und Kommunikationstechnik der ESMT.
Die akademische Vision. Was die ESMT vorlebt, ist für die meisten Unis weltweit noch Zukunftsmusik. Doch um massive Investitionen in ihre Ausstattung werden auch sie nicht herumkommen. Für die kommenden zehn Jahre rechnet Dr. Wolfgang Mayr-Knoch, Corporate Account Manager Research & Education bei Siemens, mit einem weltweiten Investitionsbedarf von Universitäten in Höhe von insgesamt 166 Mrd.€ pro Jahr. "Bildung ist die Schlüsselressource für den Wohlstand von morgen", sagt Mayr-Knoch. Sein Job ist es, sich über den Campus der Zukunft Gedanken zu machen und Hochschulen in aller Welt zu helfen, ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen. So wie auch der Nova Southeastern University (NSU) in Fort Lauderdale, Florida.
Durchs ehemalige Portal des Berliner Stadtschlosses auf dem Weg nach oben: Die MBA-Studenten der ESMT arbeiten in weltweit vernetzten Teams. Die Smartcard gewährt Zutritt zum Gruppenraum
Siemens realisiert hier eine vollständig integrierte Digitalisierung des Uni-Krankenhauses und des Campus: Das gesamte akademische Dorf der NSU wird damit zu einem wegweisenden Ort des Lebens und Lernens, mit Fokus auf Gesundheitsforschung und Biotechnologie. WLAN in jedem Winkel, Zugangskontroll- und Sicherheitssysteme mit Smartcard-Lösungen, aber auch ein leistungsfähiges Nahverkehrssystem werden den Studenten und Lehrern das Leben erleichtern. Dass all diese und weitere Leistungen aus einer Hand realisiert werden können, ist auf den Siemens-One-Ansatz zurückzuführen: An diesem Großprojekt mit einem Volumen von mehreren hundert Millionen US-Dollar sind fünf verschiedene Siemens-Bereiche beteiligt.
Durch Glasfasernetze ist die NSU zudem mit anderen Forschungsstandorten in den USA und Europa verbunden. Der Vizerektor und Chief Operating Officer der NSU, Dr. George Hanbury, denkt bereits einen Schritt weiter und träumt vom dezentralen Campus: "Durch modernste Hochgeschwindigkeitsnetze wird dezentrale Forschung möglich und Universitäten können enger miteinander und auch mit der Wirtschaft kooperieren." Die NSU wird dann bestens für die Zukunft gerüstet sein. Denn Trends wie die demographische Entwicklung, die Globalisierung und der Strukturwandel hin zu Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften, werden die Herausforderungen an Universitäten nachhaltig verändern. Mayr-Knoch: "Bildungseinrichtungen, die dem nicht gewachsen sind, werden im globalen Wettbewerb um die besten Studenten schlechte Karten haben."
Die dynamische Entwicklung von Schwellenländern wie China oder Indien erhöht den weltweiten Bedarf an Studienplätzen – und zugleich die Konkurrenz für die Hochschulen. Verlassen in Deutschland pro Jahr 33 000 Ingenieure die Universitäten, so sind es in Indien über 300 000 und in China 400 000. Zudem wird die Ausbildung komplexer: Viele Studenten, die heute in den Hörsälen sitzen, werden in ein paar Jahren in vernetzten Teams über den Globus verstreut zusammenarbeiten. Um sie auf solche Aufgaben vorzubereiten, müssen künftig verstärkt besondere Schlüsselfertigkeiten vermittelt werden, die weit über das Detailwissen in speziellen Disziplinen hinausgehen.
Für Ramon Giovannini, der an der ETH in Lausanne sein Ingenieurstudium absolviert hat, war genau dies der Grund, zusätzlich einen MBA-Abschluss zu machen: "Die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt sind differenzierter als in der Vergangenheit. An der ESMT schule ich nicht nur meine analytischen Fähigkeiten, sondern auch die als Teamspieler – mit Kommilitonen aus der ganzen Welt." Doch je bewusster Studenten ihre Bildungsbiografien gestalten, desto mehr wächst der Druck auf die Bildungseinrichtungen. "Die Universitäten müssen mit mehreren Herausforderungen umgehen: vor allem mit dem Kostendruck sowie der kontinuierlichen Verbesserung ihrer Ausbildungsqualität und ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Bildungsmarkt", sagt Mayr-Knoch. "Der technologischen Ausstattung kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.".
Weltweit gut beraten. Doch die gewandelten Ansprüche überfordern viele Universitäten finanziell und organisatorisch. Siemens bietet daher vielfältige Unterstützung: von der Bedarfsplanung über die Einrichtung und Systemintegration bis zur Wartung. Weil Hochschulen üblicherweise nur rund ein Viertel der Gesamtkosten für IT- oder Energie-Lösungen für die Infrastruktur selbst ausgeben – der große Rest geht in Betrieb und Instandhaltung –, ist gute Planung besonders wichtig.
Siemens berät daher nicht nur bei IT- und Telekommunikationslösungen, bei der Gebäude- und Energietechnik, der Sicherheit und beim Thema E-Learning, sondern auch bei der Finanzierung. Dutzende von weiterführenden Schulen und Universitäten in aller Welt hat Siemens allein in den vergangenen fünf Jahren unterstützt – ob in Australien oder Kanada, Ägypten oder dem Libanon, den Niederlanden oder Großbritannien und vielen anderen Ländern.
"Ausbildungseinrichtungen werden sich verstärkt darauf konzentrieren, ihre Lerninhalte bequem, schnell und in geeignetem Kontext anzubieten", meint Mayr-Knoch. Sei es mit Projektarbeit, E-Learning-Angeboten oder Lehreinheiten auf dem PDA. Die klassische Vorlesung wird nicht verschwinden, sich mit Hilfe von Multimedia aber wandeln. "Content-Management-Systeme und schnelle, sichere Übertragungswege, wie wir sie an der NSU installiert haben, werden dabei helfen", sagt Mayr-Knoch. Und eines steht schon heute fest: Der Student wird immer mehr als Kunde wahrgenommen und in den Mittelpunkt der Lösungen rücken.
Wissen als Währung. Folgende Vision könnte schon in wenigen Jahren Wirklichkeit sein: Alle wichtigen Einrichtungen des Campus sind in einem integrierten System vernetzt. Studenten können mit ein und derselben Smartcard in der Bibliothek Bücher ausleihen, das Essen in der Kantine bezahlen oder ihre digital abgelegten Prüfungen signieren. Biometrische Informationen regeln den Zugang zu sensiblen Bereichen wie Labors. Während Studenten im Café sitzen, laden sie Informationen zu spezifischen Themen auf ihren PDA, etwa einen Film, der die Funktionsweise des Herzens erklärt – bezahlt wird diese Zusatzleistung in der hauseigenen Währung, etwa über ein credit point system, wie es an vielen angelsächsischen Universitäten schon heute üblich ist. Wissen, da sind sich Bildungsexperten einig, wird sich auszahlen. Mayr-Knoch: "Bildung ist vor allem für hochentwickelte Volkswirtschaften das Kapital der Zukunft; und Wissen die entsprechende Währung. Das bedeutet zugleich, dass die Lerninhalte der Universitäten und Schulen – ihr Content – zur Handelsware werden."
Doch Handelsware muss vor Diebstahl geschützt werden. Eine scheinbare Paradoxie: Universitäten müssen ihre intellektuellen Schätze künftig verstärkt offen zugänglich machen, jederzeit und über das Internet weltweit – aber gleichzeitig, mit Hilfe modernster IT, den Zugang limitieren und mit einem Preisschild versehen. Nur so kann die Rechnung für sie und ihre Studenten in der neuen Welt des Lernens aufgehen. Die Gebühr für die beiden Studienjahre, die Giovannini an der ESMT verbringt, beträgt immerhin rund 50 000 €. Eine stolze Summe. Doch dafür erhält er eine Top-Ausbildung – und profitiert von den Vorteilen einer modernen, technologischen Ausstattung. Diese versteckt sich an der ESMT hinter holzgetäfelten Wänden und in Serverräumen. "Das Tolle ist", meint Giovannini, "dass wir inzwischen gar nicht mehr merken, wie sehr die Technik an der ESMT uns den Alltag erleichtert. Alles läuft scheinbar mühelos ab. Und das ist der eigentliche Mehrwert."
Andreas Kleinschmidt
Damit die Universitäten der Zukunft sich verstärkt auf die Vermittlung wichtiger Schlüsselfertigkeiten konzentrieren können, muss das Training für den kompetenten Umgang mit IT und dem Internet bereits früh beginnen. Zahlreiche Schulprojekte machen vor, wie aktives Lernen und Lehren mit Hilfe von IT-Infrastruktur funktioniert. So auch das Schulnetz "Unit21" der Stadt Unna in Nordrhein-Westfalen, von dem seit 2004 alle 21 Schulen der Stadt profitieren – von der Grundschule bis zum Gymnasium. Möglich wurde das Pionier-Projekt durch die intensive Zusammenarbeit mit Siemens bei Entwicklung und Installation sowie Wartung und Support. Highlight sind die so genannten @-Klassen. Mit Laptops ausgestattet, bewältigen zum Beispiel die sieben @-Klassen der Gesamtschule Unna-Königsborn den ganz normalen Lehrplan. Nebenbei trainieren sie den Einsatz moderner Arbeitsgeräte und üben sich in fächerübergreifender Projektarbeit als Teamspieler. "Der Computer ist hier nicht mehr Gegenstand des Unterrichts, sondern ein normales Werkzeug, das täglich zum Einsatz kommt – so wie bisher ein Taschenrechner", sagt Uwe Kornatz, Schuldezernent der Stadt Unna. Jeder Schüler hat sein eigenes Notebook. Zudem ist das gesamte Gebäude mit WLAN abgedeckt. Sogar vom Schulhof aus können die Kinder nun ins Internet – allerdings nur in geschützte Bereiche, bedenkliche Inhalte werden gefiltert. Die Lehrer haben mehr Zeit, die Schüler als Coach zu führen, und ihnen das eigenständige Lernen mit dem PC zu erleichtern. Unterschiedliche Klassen und Schulen arbeiten gemeinsam an fächerübergreifenden Projekten, etwa zur Stadtgeschichte von Unna – ausgetauscht werden die Daten über einen zentralen Server, den Siemens betreibt und wartet.