Erfinder & Innovatoren – Prof. Dr. Klaus Riedle
Siemens Power Generation, Erlangen
Der Meister der Kontinuität
Patente? Davon hat Klaus Riedle nur wenige. Spontane Ideen? Die seien nicht sein Ding, gibt der Maschinenbau-Ingenieur und Honorarprofessor unumwunden zu. Seine Stärken: komplexe Zusammenhänge erkennen, diese in Teilprobleme zerlegen und Schritt für Schritt abarbeiten. Und trotzdem den Überblick behalten, was sich verändert, wenn man an einem vermeintlich unbedeutenden Rädchen dreht. Das klingt wenig spektakulär, eher pedantisch. Doch diese Strategie ist genau richtig für eine so reife Technologie wie die der Gasturbinen.
"Innovationen in diesem Bereich erfordern Kontinuität und Hartnäckigkeit", sagt der gebürtige Innsbrucker. Beides hat er Anfang der 1980er Jahre bewiesen, als er einen Katalysator für Kraftwerke bauen sollte, der Stickoxide mindert. Die damals bekannte Technologie war mit japanischen Patenten regelrecht vermint. Dennoch fand Riedle mit Geduld einen Weg, einen eigenen Katalysator zu realisieren, der gleich technologische Maßstäbe setzte.
Mitte der 80er Jahre stieg er in die Entwicklung fossiler Kraftwerke ein. Damit begann die Erfolgsgeschichte der Gasturbinen "made by Siemens". So wird derzeit im Werk in Berlin eine Gasturbine für eine Weltrekord-Leistung von 340 MW gebaut. Damit lässt sich die Bevölkerung einer Stadt wie Hamburg mit Strom versorgen. Dank dieser Turbine wird das neue Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk von E.ON im bayrischen Irsching einen Gesamtwirkungsgrad von über 60 % erreichen – ebenfalls Weltrekord ( Effiziente Kraftwerke).
Doch Technologie alleine reicht in diesem Markt nicht – wer heute im vorgegebenen Zeitrahmen nicht das passende Produkt zu vernünftigen Kosten liefern kann, verliert schnell Marktanteile. Deswegen setzt Riedle auf Innovation Benchmarking, ein Verfahren, bei dem nicht nur Produkte oder Kosten, sondern auch die Innovationsprozesse mit denen der Wettbewerber verglichen werden (Innovationskultur und -prozesse). Mit seinem internationalen Organisationsteam schafft er die geeigneten Strukturen, unterzieht jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt einem Begutachtungsprozess und dokumentiert mit Balanced Scorecards, wie Plan und Realität übereinstimmen. Riedle war hier Pionier, aber inzwischen nutzen auch zahlreiche andere Siemens-Bereiche die von ihm erprobten Managementmethoden.
Seine Mitarbeiter haben viele Entfaltungsmöglichkeiten, so wie es ihr Chef immer gewohnt war. "Ich bin angenehm überrascht, wie viele Freiheiten ich bei Siemens hatte", sagt der 65-Jährige. Das sei wichtig für Leute mit Elan, denn nur dann seien sie bereit, ihren Wissensschatz zu teilen. Riedle selbst teilt sein Wissen nicht nur mit Mitarbeitern, Studenten und seinen vier Kindern, sondern auch mit anderen Unternehmen, wie etwa der russischen Firma Power Machines, an der Siemens 25 % der Anteile hält. Für seine Verdienste um die Entwicklung der Gasturbinen erhielt er im Juni 2005 in St. Petersburg den Global Energy International Prize – eine Art Nobelpreis für Energietechnik. Das Preisgeld von 1 Mio. € teilt er sich mit dem Nobelpreisträger Schores Alfjorow.
Bernd Müller
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.