Erfinder & Innovatoren – Josef Röhrle
Siemens Automation and Drives (A&D), Erlangen
Beste Fabrik Europas
Beste Fabrik 2004" prangt auf einem großen Plakat, das über dem Eingang zu Halle 42 des Gerätewerks von Automation and Drives (A&D) in Erlangen hängt. In dem Werk stellt das Geschäftsgebiet Motion Control Systems elektronische Steuerungen und Antriebstechnik für Maschinen und Produktionsstraßen her. Eine hochkarätige Jury hatte diese Fabrik zur besten Europas gewählt, weil 1 100 Menschen hier so arbeiten, wie man es in vielen Managementratgebern nachlesen, aber in der Realität nur selten finden kann. Hohe Qualität, Liefertreue und Just-in-Time-Logistik sind dort Realität.
Als Josef Röhrle zum Erlanger Gerätewerk kam, schrieb das Werk rote Zahlen, eine Schließung schien unvermeidbar. Doch Röhrle kämpfte" mit Erfolg: Heute ist das Werk bei einem Umsatz von 570 Mio. € pro Jahr eine der profitabelsten Fabriken im Siemens-Konzern. Mit einem Marktanteil von über 27 % sind die Motion Control Systems mittlerweile zur Nummer eins weltweit aufgestiegen.
Möglich machten dies das Konzept der fraktalen Fabrik, Gruppenarbeit und flexible Arbeitszeitkonten. Eigentlich kein Hexenwerk. Aber was macht der gebürtige Schwabe besser als andere? Nur die besten, begeisterungsfähigsten Leute pickt er sich aus den Bewerbern. Und wenn mal eine Perle darunter ist, wird sie eingestellt, auch wenn gerade keine Stelle ausgeschrieben ist.
Röhrle selbst hat eine Karriere von der Pike auf hinter sich" gelernter Feinmechaniker mit Fachhochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg, danach Flugzeuginstrumentenmechaniker bei der Bundeswehr, anschließend Entwickler für Hard- und Software bei Siemens.
Die wichtigste Eigenschaft, die ein Mitarbeiter haben muss: "Er muss mir widersprechen können", fordert der 57-Jährige. "Querdenker, Leute mit ungewöhnlichen Ideen und Charisma" die brauchen wir." Und die spannt er in Teams zusammen. Je unterschiedlicher das Wissen und die Persönlichkeiten im Team sind, desto besser. Alle Mitarbeiter, von der Führungskraft bis zum Arbeiter an der Werkbank, erhalten ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Mitspracherecht.
Mit wenigen Strichen zeichnet Röhrle aufs Papier, wie er sich den optimalen Innovationsprozess vorstellt: Schritt für Schritt, wobei Abweichungen nicht nur erlaubt, sondern sogar förderlich seien. Bei Veränderungsprozessen im Gerätewerk sei immer nur der nächste Schritt definiert, der langfristige Wandel bleibe in einem Graubereich. Der Weg ist also das Ziel. Wenn es gut laufe, mahnt er, müsse der nächste Veränderungsschritt ins Visier genommen werden. Denn Stillstand bedeutet Rückschritt. Deshalb solle man sich immer aus eigenem Antrieb weiter entwickeln und nicht erst auf den Druck des Markts oder der Unternehmensleitung warten.
Der Vater zweier Kinder findet immer noch Vorbilder, um von ihnen zu lernen" etwa von japanischen Unternehmen. In vielen Bereichen sei man heute auf Augenhöhe, die Qualitätskultur sei aber in Japan noch besser ausgeprägt. "In ein paar Jahren haben wir sie aber auch da eingeholt", verspricht Josef Röhrle.
Bernd Müller
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.