Erfinder & Innovatoren – Experten-Interview
Unsere Umgebung wird intelligent
Interview mit Viviane Reding und Reinhold Achatz
Große europäische Firmen und die EU haben ein Projekt für die Informationsgesellschaft gestartet: NESSI (Networked European Software and Services Initiative). Ziel ist die Entwicklung von Software und übergreifenden Diensten, die unser Leben in vielfältiger Weise erleichtern werden – ein Interview mit EU-Kommissarin Dr. Viviane Reding und dem Leiter der Technologieabteilungen von Siemens CorporateTechnology, Reinhold Achatz.
Dr. Viviane Reding (55) ist seit 2004 EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien. Sie begann ihre politische Karriere 1979 als Mitglied des luxemburgischen Parlaments. 1989 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt und war dort bis 1999 Leiterin der luxemburgischen Delegation. 1999 wurde sie Kommissarin für Bildung, Kultur, Jugend, Medien und Sport. Reding promovierte in Geisteswissenschaften an der Pariser Sorbonne Universität
Das Marktvolumen für Software und damit verbundene Dienstleistungen beträgt allein in Europa jährlich 67 Mrd. €. Welche Rolle spielt diese Branche für die EU?
Reding: Eine Schlüsselrolle. Denn mit einem erwarteten jährlichen Wachstum von 5,8 % für 2006 und 2007 ist sie das am schnellsten wachsende Marktsegment der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Software, Computernetze und entsprechende Services sind die Treiber vieler Industriezweige in Europa, von der Mobilkommunikation über Autos bis zu Finanzdienstleistungen. Software erleichtert viele Dinge des täglichen Lebens. Deshalb sollte Europa alles tun, um Software und Dienstleistungen möglichst effizient zu entwickeln und anzubieten.
Achatz: Software treibt Innovation voran, und Innovation wiederum die Wirtschaft. Im Automobilbereich beispielsweise hängen heutzutage etwa 90 % aller Innovationen von Software ab. Darüber hinaus lässt sich gerade eine Schwerpunktverschiebung von der Hardware zur Software beobachten. Software wird also immer wichtiger.
Was sind die Ziele von NESSI, und wie kann das Projekt die Einführung elektronischer Dienste (E-Services) beschleunigen?
Reding: NESSI ist ein Projekt der Industrie, keine mit EU-Geldern geförderte Initiative der Europäischen Kommission. NESSI soll neue Ansätze für die Entwicklung von Diensten in einer offenen Umgebung aufzeigen. Diese sollen dann über eine geeignete Infrastruktur und benutzerfreundliche Geräte angeboten werden. Um das Bereitstellen von wettbewerbsfähigen, innovativen E-Services zu erleichtern, soll NESSI auf offenen Standards basieren. Unternehmen und Einzelnutzer können so die Dienste über Ländergrenzen hinweg anbieten und wahrnehmen – und das auf einem hohen Niveau an Interoperabilität und Marktakzeptanz.
Achatz: NESSI schafft die Basis für eine Service-Plattform, die Dienstleistungen für Branchen wie das Gesundheitswesen oder die Automobilindustrie bereitstellt. Open-Source-Software spielt da natürlich eine wichtige Rolle – genauso wie kommerzielle Software. Unsere Philosophie ist es, Open-Source- und kommerzielle Software gleich zu behandeln. Die Anbieter können dann selbst entscheiden, welche Lösung für ihre Kunden die beste ist.
Reinhold Achatz (52) ist seit Oktober 2006 Leiter der Technologie-abteilungen von Corporate Technology. Er ist seit 1980 bei Siemens und war in verschiedenen Management-Positionen in Deutschland und den USA tätig. In den vergangenen Jahren leitete er die Abteilung Software and Engineering bei Corporate Technology in München und war für die Siemens-Strategie bei Software und Engineering verantwortlich. Achatz ist Mitglied des Steering Committee Innovation von Siemens, des Technology Boards von Siemens VDO Automotive, Vorstandsmitglied des EU-Projekts ARTEMIS sowie Vorstandsmitglied und Vizevorsitzender des EU-Projekts NESSI
Heute noch unterschiedliche Plattformen, die E-Services bereitstellen, werden zukünftig verschmelzen. Inwieweit wird dies bei NESSI berücksichtigt?
Reding: Die Konvergenz in der Informationsgesellschaft ist bereits weit fortgeschritten. Sprache übers Internet (Voice over IP), Fernsehen via Internet, Online-Musik oder Filme auf Mobiltelefonen – das alles gibt es schon. Die Nachfrage nach immer ausgefeilteren Diensten wird den Trend zu besser nutzbaren Systemen mit größerer Kapazität und Funktionalität noch verstärken. In diesem Szenario fehlt jedoch noch etwas Wesentliches: eine zuverlässige Umgebung für das einfache Entwickeln von E-Services sowie eine benutzerfreundliche Infrastruktur für Einsatz, Bereitstellung und Verwaltung von E-Services. Damit können die Anwender – Bürger wie Organisationen – dann Rechen-, Kommunikations- und Medienressourcen aller Art umfassend nutzen. Dies könnte der wichtigste Eckpfeiler der Service-orientierten Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts werden. Und deshalb schätze ich NESSI mit seinem Ziel wirklich sehr.
Achatz: Dem stimme ich hundertprozentig zu. Die Konvergenz von Service-Plattformen ist eine großartige Vision und das wichtigste Ziel von NESSI. Aber der Weg dorthin ist noch lang. Natürlich sind wichtige Akteure an NESSI beteiligt – und das lässt mich die Zukunft sehr positiv sehen. Auf der anderen Seite haben manche der Beteiligten sehr konkrete Eigeninteressen. Wir müssen eng zusammenarbeiten, um ihre Bedürfnisse zu verstehen. Ich bin jedoch sehr optimistisch, dass wir all das im Rahmen der NESSI-Vision erreichen können.
Was treibt die Konvergenz voran? Stehen wir an der Schwelle neuer Wirtschaftsformen?
Reding: Jetzt, wo die Welt der IKT immer ausgereifter und globaler wird, geht die Informationsgesellschaft in die Phase der Massenanwendungen über. Die Konvergenz von digitalen Netzen, Inhalten und Geräten verändert den IKT-Bereich radikal, aber auch die Art, wie wir diese Technologien in unserer Gesellschaft und Wirtschaft einsetzen. Die Vorteile eines zunehmend "digitalen" Lebensstils sind dabei wesentlich davon abhängig, wie wir die Qualität und Zuverlässigkeit wichtiger Services verbessern können. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, wird die Konvergenz der Technologien eine nie da gewesene Veränderung des Marktes bewirken.
Achatz: Ich habe keinen Zweifel, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Art des Wirtschaftslebens stehen. Bis jetzt war der Computer der Inbegriff des Informationszugangs. Das wird sich ändern. Bald wird die Umgebung selbst – sei es ein Auto, ein Büro oder das eigene Zuhause – immer und überall Zugang zu Diensten bieten. Und das mit Hilfe von Geräten, die wir heute noch gar nicht mit Kommunikation in Verbindung bringen. Das können intelligente Rollstühle, Kühlschränke oder Autos sein, ausgestattet mit Mikroprozessoren. Jedes Gerät wird uns Zugang zu benutzerfreundlichen Informationsdiensten ermöglichen – mit dem Ziel, unser Leben einfacher zu machen. Mit NESSI werden die verschiedenen Geräte alle möglichen Dienste bereitstellen und Sensorinformationen an eine Software-Plattform übermitteln können.
Welche Veränderungen bringt der Einsatz einer gemeinsamen Technologie-Plattform?
Reding: Ziel der Informationsgesellschaft ist es, die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen, wo NESSI nützlich sein kann: Innovative öffentliche Dienste wie die Online-Beschaffung können helfen, die Bürokratie zu verringern und administrative Vorgänge zu vereinfachen. Wenn wir einen Anteil der Online-Beschaffung von 50 % erreichen, ließen sich in Europa 40 Mrd. € jährlich einsparen. Neue Technologien können auch das Gesundheitswesen effizienter machen und gleichzeitig den steigenden Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen in einer immer älter werdenden Gesellschaft decken.
Achatz:NESSI wird den Einsatz direkterer Kommunikationsformen erleichtern. So kann etwa ein Rollstuhl einem behinderten Menschen dabei helfen, Rampen und Aufzüge zu finden. Oder wenn wir in der Küche das Wort "Zitronenkuchen" aussprechen, könnte daraufhin ein Online-Rezept aufgerufen und automatisch eine Einkaufsliste mit den nicht im Haushalt vorhandenen Zutaten erstellt werden. Oder es könnten nahtlos in die Alltagsumgebung integrierte Sensoren dank der eingebauten Intelligenz Notsituationen erkennen und einen Notruf senden.
Wie wird sich Europa in zehn Jahren gewandelt haben, nachdem NESSI erfolgreich implementiert wurde?
Reding: Ich hoffe, dass die europäische Industrie mithilfe von NESSI eine Führungsposition bei fortschrittlicher Software, Netzwerken und E-Services einnehmen wird. Im Wirtschaftsleben geht es immer mehr um Dienstleistungen, allgegenwärtige Software und IT-Services – hier kann NESSI Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette und alle innovativen Wirtschaftsbranchen haben. Europa braucht eine dynamische Industrie und einen Markt, der den Konsumenten viel Auswahl bietet. Nur so werden wir Wachstum erzielen und neue Arbeitsplätze schaffen. Ich bin mir sicher, dass NESSI – und Siemens – uns bei der Umsetzung dieser Vision helfen werden.
Achatz: Ich erwarte, dass die Vision von NESSI innerhalb der nächsten zehn Jahre für uns alle Wirklichkeit sein wird. Das heißt integrierte Services, die einfach zugänglich sind für Menschen aller Altersklassen, unabhängig von Einkommen, Sprache, Kultur oder Gesundheitszustand. Unsere intelligente Umgebung wird unsere Bedürfnisse erkennen und automatisch in geeignete Dienste übersetzen. Die Service-Plattform wird sich einfach und intuitiv handhaben lassen. Kurz gesagt, unsere Umgebung wird die Schnittstelle sein.
Das Interview führte Arthur F. Pease
Für mehr Informationen: www.nessi-europe.com