Erfinder & Innovatoren – Interview
"Geld ist nicht alles"
Interview mit Steven Veldhoen
Steven Veldhoen (42) arbeitet seit 18 Jahren als Unternehmensberater bei Booz Allen Hamilton (BAH) in Europa, USA und Asien – schwerpunktmäßig im Bereich der Automobilindustrie. Derzeit ist er in Tokio einer der Leiter der BAH-Technologie- und Strategieberatung für Japan und Korea und spielt eine wichtige Rolle beim weltweiten "Innovation Team" von BAH, das Firmen hilft, ihre Innovationskraft zu stärken. Veldhoen studierte Betriebswirtschaft in den Niederlanden und in Spanien. Bevor er bei BAH einstieg, hat er für die ABN Amro Bank in den Niederlanden und in den USA gearbeitet.
Was war das Ziel Ihrer Studie Global Innovation 1000?
Veldhoen: Wir wollten mit harten Fakten belegen, wie wichtig Innovationen für den Unternehmenserfolg sind, denn bei der Beratungsarbeit mit unseren Kunden haben wir gemerkt, dass sie dem Thema seit zehn Jahren einen immer höheren Stellenwert beimessen. Es gab aber kaum belastbares Zahlenmaterial, um den wahren Einfluss von Innovationen auf die Geschäftsergebnisse zu verstehen. Daher haben wir zunächst die Top-1000-Unternehmen weltweit anhand ihrer veröffentlichten F&E-Ausgaben identifiziert. Dann haben wir für die vergangenen sechs Jahre die wichtigsten Kennzahlen, etwa Umsatz und Profitabilität, analysiert und mit den F&E-Ausgaben gespiegelt.
Mit welchem Ergebnis?
Veldhoen: Schockierend für uns war, dass es keine Korrelation zwischen hohen F&E-Ausgaben und dem Unternehmenserfolg gibt. Die weit verbreitete Überzeugung 'Viel hilft viel' müssen wir über Bord werfen, denn die Performance der Top-Ten-Unternehmen ist nicht überdurchschnittlich besser als die des Mittelfeldes, das weniger für F&E ausgibt. Dennoch gilt auf der anderen Seite: ‚Geiz rächt sich’, weil jene zehn Prozent der untersuchten Unternehmen, die am wenigsten für F&E aufwenden, beim Gewinn deutlich hinter den Wettbewerbern liegen. Zu viel ausgeben nützt nichts, aber zu wenig ausgeben schadet – so könnte man dies zusammenfassen. Ein weiteres Resultat: Je größer die Firma ist, desto weniger muss sie für F&E aufwenden. Die Hebelwirkung von F&E ist hier stärker – bei einem Global Player wirkt sich eine gute Innovation einfach mehr auf Umsatz und Ertrag aus als in einer kleineren Firma. Dies gilt für neun der zehn von uns untersuchten Industriezweige.
Wie kann ein Unternehmen das Optimum für seine F&E-Aufwendungen herausfinden?
Veldhoen: Das ist sehr schwer. Man findet in der Studie kein Optimum, wenn man die Daten etwa nach Branchen oder geographischer Lage analysiert. Der Sache näher kommt man, wenn man sich Firmen anschaut, die innerhalb einer Branche mit ähnlichen Produkten vergleichbar erfolgreich sind. Doch auch dann bleibt die Schlussfolgerung schwierig. Sollte sich etwa zeigen, dass es optimal wäre, 9,3 % des Umsatzes in F&E zu investieren, weiß man noch lange nicht, wofür das Geld ausgegeben werden sollte und wie sich damit der höchste Ertrag erzielen lässt.
Worin unterscheiden sich Ihre Ergebnisse von ähnlichen Studien, etwa derjenigen der Boston Consulting Group (BCG)?
Veldhoen: Untersuchungen, die spezifische Datensätze anschauen, kommen durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen. Vor einigen Jahren etwa gab es eine Studie mit Firmen, die an der Londoner Börse notiert waren: Danach garantierten hohe F&E-Ausgaben, zumindest für eine kurze Zeit, eine gute Unternehmensperformance. Unsere breiter angelegte Studie kann dies auf globaler Basis nicht bestätigen.
In Bezug auf die Studie der BCG widersprechen sich unsere Resultate nicht. Auch BCG stellt fest, dass Firmen mit einer guten Innovationskultur florieren können. Unsere Studie zeigt aber, dass die Antwort nicht darin liegen kann, sich Performance durch höhere F&E-Ausgaben erkaufen zu wollen. Ein Beispiel: BMW hat ein sehr effizientes F&E-Management. Trotz einer großen Modelloffensive liegt BMW mit seinen F&E-Ausgaben nur knapp über dem Branchendurchschnitt, übertrifft aber bei Wachstum und Ertrag die meisten Wettbewerber.
Muss ein Technologieführer nicht mehr ausgeben als seine direkten Wettbewerber?
Veldhoen: Nein, Toyota ist beispielsweise bei den F&E-Ausgaben weltweit nur die Nummer drei der Autobranche, für viele jedoch ein Benchmark. Toyota hat seine Prozess- und Produktstrategie so gut im Griff, dass der Konzern es innerhalb kürzester Zeit geschafft hat, Weltmarktführer bei der Hybrid-Technologie zu werden. Oder nehmen Sie Apple: Apple hat eine exzellente Portfoliostrategie, investiert jedoch im Branchenvergleich relativ wenig in F&E. Nach 1996 hat Steve Jobs viele Forschungsprojekte über Bord geworfen und sich auf drei bis vier Produkte konzentriert. Das ist sicher ein wagemutiges Unterfangen, aber dabei entstanden der iMac, das iBook, der iPod und iTunes, und diese bringen Apple heute den Ruf ein, eines der innovativsten Unternehmen weltweit zu sein.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?
Veldhoen: Wir haben vier Faktoren für erfolgreiche Innovationen ausgemacht. Erstens muss die Firma die Innovationsstrategie an der Unternehmensstrategie ausrichten – was keineswegs selbstverständlich ist, denn viele tun dies nicht. Zweitens muss eine stringente Portfoliostrategie auf die richtigen Produkte und Tätigkeitsfelder abzielen. Drittens managen erfolgreiche Firmen ihre Innovationsprozesse schnell und effizient, innerhalb der Budget- und Zeitvorgaben – sie haben also ihre F&E-Pipeline gut im Griff. Und viertens geht es nicht ohne eine gesunde, stimulierende Innovationskultur auf allen Ebenen des Unternehmens.
Welche Rolle spielt die Vernetzung mit externen Experten?
Veldhoen: Diese Art Ökosystem für Innovationen ist extrem wichtig. Es umfasst gute Beziehungen zu Universitäten ebenso wie die zu Zulieferern und Kunden. Alle müssen das Gefühl haben, in der Firma auf offene Ohren zu stoßen. Toyota, Bosch, Siemens oder Honda etwa sind Firmen, die eine anerkannte Geschichte rund um Innovationen haben. Daher sind sie auch weltweit für die besten Ingenieure attraktiv.
Wie kann man die Qualität seiner Mitarbeiter in einem F&E-Benchmarking bewerten?
Veldhoen: Man kann sich etwa anschauen, wie der Ausbildungsstand der F&E-Mannschaft ist und wie viele Jahre sie an Erfahrung mitbringt. Zweifellos ist das Entwicklungsteam einer der wichtigsten Faktoren für erfolgreiche Innovationen überhaupt. Aus diesem Grund suchen auch viele Firmen weltweit nach Talenten und neuen Ideen und eröffnen F&E-Center etwa in China oder Indien. Neben den niedrigeren Gehältern dort geht es vor allem auch darum, interessante neue Märkte zu erschließen und die besten Entwickler rund um den Globus zu finden.
Kann man den wirtschaftlichen Erfolg einer Investition, also den Return on Innovation Investment, exakt messen?
Veldhoen: Das geht nur ansatzweise, wenn eine bestimmte Technologie ausgereift und bereits am Markt erhältlich ist. Dabei schaut man aber nicht nur auf Umsatz und Gewinn, sondern auch auf weitere Kriterien, etwa, wie wichtig eine Technologie für die bedeutendste Kundengruppe des Unternehmens ist, oder darauf, ob die Wettbewerber diese spezielle Technologie ebenfalls in ihrem Portfolio haben oder ob sie sie gar nicht entwickeln können, weil man selbst beispielsweise alle wesentlichen Patente hält.
Interview: Das Interview führte Nikola Wohllaib
Die BAH-Studie Global Innovation 1000 ist ein Ranking der 1000 Unternehmen mit den höchsten F&E-Ausgaben. Im Jahr 2004 investierten sie zusammen 384 Mrd. US-$ in F&E. Seit 1999 stiegen diese Investitionen jährlich um etwa 6,5 %, zwischen 2002 und 2004 sogar um 11 % jährlich. Unter den Top 10 befinden sich DaimlerChrysler auf Platz 4 und Siemens auf Platz 7. Knapp 97 % der Unternehmen haben ihren Firmensitz in den USA, Europa oder Japan. Firmen mit Sitz in Schwellenländern wie China oder Indien wenden im Schnitt nur 1 % ihres Umsatzes für F&E auf (allerdings mit jährlichen Wachstumsraten von über 20 %) – nordamerikanische Firmen 4,9 %, europäische 4 %, japanische 3,8 %. Durchschnittlich investierten die "Global Innovation 1000"-Unternehmen 4,2 % ihres Umsatzes in F&E – ein Wert, der über die letzten fünf Jahre relativ stabil blieb. Die IT- und Elektronik-Industrie ist mit einem Anteil von 25 % (96 Mrd. US-$) an den F&E-Gesamtausgaben der Spitzenreiter, gefolgt von der Gesundheitsbranche (20 %) und der Automobilindustrie (18 %).