Erfinder & Innovatoren – Innovationsresultate
Innovation@Siemens – Aufwand und Ergebnisse
Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) sind Investitionen in die Zukunft eines Unternehmens. Dieser Leitsatz gilt für jede Firma, vor allem jedoch gilt er für ein High-tech-Unternehmen wie Siemens, das sich zum Ziel gesetzt hat, doppelt so schnell zu wachsen wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt und auf allen Feldern führende Marktpositionen und eine nachhaltige Profitabilität zu erreichen. Siemens orientiert sich dabei insbesondere an den weltweiten Megatrends Urbanisierung und demographischer Wandel und den daraus resultierenden Anforderungen für Energie und Umwelt, Gesundheit, Automatisierung sowie für die industriellen und öffentlichen Infrastrukturen. Innovationen haben die Entwicklung von Siemens seit fast 160 Jahren geprägt. Daher ist die Innovationsstrategie, die am besten zur Geschäftsstrategie und der Siemens-Historie passt, die eines Trendsetters (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005, Interview mit Prof. Weyrich): Das bedeutet, durch Technologieführerschaft, globale Präsenz und ein umfassendes Patentportfolio die wesentlichen Trends bei Produkten, Systemen und Dienstleistungen mitzubestimmen und den Kunden einen wichtigen Mehrwert zu bieten.
Im Geschäftsjahr 2005 investierte Siemens insgesamt 5,2 Milliarden Euro in F&E – mehr als die jährlichen Forschungsausgaben der Europäischen Union. Siemens liegt mit diesen F&E-Aufwendungen weltweit an der Spitze der Unternehmen der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (siehe Grafik). Im Ranking aller 1000 Firmen mit den höchsten F&E-Aufwendungen, das die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton (BAH) im Jahr 2005 durchführte ( Interview Steven Veldhoen), befindet sich Siemens auf Platz 7. Relativ zum Umsatz des Unternehmens liegen die F&E-Aufwendungen seit Jahren zwischen 6,7 und 6,9 % – nur in den Jahren vor 2001 lagen sie noch höher, als die F&E-intensive Halbleitersparte noch zu Siemens gehörte (inzwischen firmiert sie unter dem Namen Infineon Technologies AG).
Mit einem Durchschnittswert der F&E-Aufwendungen von 6,8 % vom Umsatz liegt Siemens mit seinem breiten Portfolio gut in den Bändern, die die BAH-Studie ermittelt hat: So geben Firmen mit Industriegütern etwa 2,3 %, Unternehmen der Computer- und Elektronik-Industrie 7,6 % und Software- und Internet-Firmen 12,7 % ihres Umsatzes für F&E aus. Auch der direkte Vergleich mit Wettbewerbern in den Arbeitsgebieten (siehe Grafiken) zeigt, dass die F&E-Aufwendungen von Siemens meist in einer soliden Mittelfeldposition liegen. Sie sind für die jeweiligen Branchen weder deutlich zu niedrig noch zu hoch – beides könnte nach den Resultaten der BAH-Studie schädlich sein: Investiert eine Firma sehr viel in F&E, besteht die Gefahr einer Verschwendung von Mitteln, denn hohe F&E-Ausgaben sind keine Gewähr für einen hohen Return-on-Investment. Zu niedrig sollten die Werte jedoch auch nicht sein, denn dann gefährdet eine Firma ihre Zukunftsfähigkeit.
Firmen für die Vergleichsbänder waren: für Information and Communications: Alcatel, Cisco, Motorola, Ericsson, Nokia, Nortel u.a., für Automation and Control: ABB, Honeywell, Emerson, GE, Schneider Electric, Tyco u.a., für Transportation: Alstom, Bombardier, Bosch, Denso, Delphi, GE, u.a., für Power: ABB, Alstom, GE, Mitsubishi Heavy u.a., für Medical: GE, Hitachi, Philips, Toshiba u.a., für Lighting: GE, Philips, Nichia, Ushio u.a. Es wurden jeweils die den Siemens-Arbeitsgebieten entsprechenden Aktivitäten der Wettbewerber analysiert, soweit Zahlen ermittelbar waren. Die große Spreizung der Vergleichsbänder bei I&C und Transportation liegt an deren Zusammensetzung: So gehört zu I&C auch das Servicegeschäft mit sehr geringem F&E-Aufwand, und Transportation umfasst das Bahngeschäft mit geringeren, aber auch die Automobil-Zulieferbranche mit relativ hohen F&E-Investitionen
Quellen: Siemens AG, Wettbewerber-Angaben und -analysen
Bei Siemens entfielen im Geschäftsjahr 2005 etwa 30 % der F&E-Aufwendungen auf das Arbeitsgebiet Information and Communications (I&C), 21 % auf Transportation, 19 % auf Automation and Control (A&C), 14 % auf Medical, 9 % auf Power, 4 % auf Lighting und der Rest auf spezifische, regionale Aktivitäten sowie Corporate Technology (CT). Die zentrale Forschungsabteilung umfasst 4 bis 5 % der gesamten F&E-Aufwendungen von Siemens, wobei aber etwa zwei Drittel des F&E-Budgets von CT durch Projekte im Auftrag der Geschäftsbereiche akquiriert werden.
In den vergangenen Jahren sank der relative Anteil von I&C deutlich – vor allem wegen der Ausgliederungen von Infineon wie auch der des Mobiltelefon-Geschäfts und anderer Anpassungen. Künftig wird ein Großteil der verbleibenden F&E-Arbeiten von I&C im Joint-venture Nokia Siemens Networks stattfinden. Zugleich stieg der relative Anteil der Arbeitsgebiete Medical, Transportation und A&C – bedingt auch durch Ausbau und Zukäufe auf diesen Gebieten.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch im zeitlichen Verlauf der Mitarbeiterzahlen wider (siehe Grafiken unten). Im Jahr 2005 arbeiteten weltweit etwa 47 200 F&E-Mitarbeiter bei Siemens – d.h., mehr als jeder zehnte Siemens-Mitarbeiter ist in F&E tätig. Mit der Entwicklung von Software beschäftigen sich etwa 30 000 Mitarbeiter – mehr als bei den meisten großen Software-Firmen. Betrachtet man die weltweite Verteilung der Forscher und Entwickler, so zeigt sich das Unternehmen schon seit langem als Global Player: Fast 53 % der F&E-Mitarbeiter sind außerhalb Deutschlands tätig – insgesamt an etwa 150 Standorten in mehr als 38 Ländern, von China bis Spanien, von Frankreich bis Indien, von USA bis Israel, von Russland bis Brasilien.
Die Gründe dafür sind einfach: Ein Unternehmen muss auch in Forschung und Entwicklung dort präsent sein, wo die Märkte am stärksten wachsen und wo das Innovationsgeschehen am dynamischsten ist, um regionale Anforderungen schnell in neue Lösungen umsetzen zu können. Zudem sucht Siemens stets hochqualifizierte Nachwuchskräfte: Derzeit beschäftigt das Unternehmen über 103 000 Hochschulabsolventen mit einer Ausbildung in Naturwissenschaften, Informatik oder Ingenieurwesen – und jedes Jahr werden mehr als 10 000 neu eingestellt. Da sind gute Kontakte zu den weltweiten Spitzenuniversitäten entscheidend: Dazu tragen auch die ungefähr 1000 Forschungskooperationen bei, die Siemens jedes Jahr mit Universitäten und Instituten eingeht ( Forschungskooperationen).
Nicht zu unterschätzen ist auch die Unterstützung von Start-up-Firmen in aller Welt durch Risikokapital. Siemens Venture Capital hat bisher etwa 700 Mio. € in über 100 Unternehmen und 30 Risikokapital-Fonds investiert – vor allem in USA, Europa und Israel, aber zunehmend auch in China und Indien. Auch durch diese Start-up-Firmen entstehen wertvolle Kooperationen auf High-tech-Feldern, die wiederum Innovationen in Siemens-Bereichen vorantreiben.
Output-Indikatoren. Während Forschung nach einem bekannten Sprichwort zunächst einmal "Geld zu Wissen" verwandelt, sind das Ziel aller F&E-Investitionen letztlich Innovationen: Neue Produkte, Systeme, Fertigungsprozesse oder Dienstleistungen, die wiederum "Wissen zu Geld" machen – weil sie sich auf dem Markt in Geschäftserfolge umsetzen lassen. Den Erfolg von F&E-Investitionen zu messen, ist allerdings nicht einfach. Dies liegt daran, dass sich F&E-Ausgaben erst spät amortisieren, oft nach Jahren intensiver und risikoreicher Arbeiten an neuen Technologien und Produkten. Auf diesem Weg kann viel schief gehen, was mit Forschung und Entwicklung gar nichts zu tun hat: Wenn die Produktionsprozesse zu teuer oder zu unflexibel sind, wenn der Vertrieb nicht effizient genug arbeitet oder das Marketing die Kunden falsch adressiert oder wenn alle Beteiligten nicht ständig miteinander kommunizieren und voneinander lernen – dann kann auch das beste F&E-Ergebnis am Markt in einen Flop münden.
Dennoch gibt es einige Indikatoren für gute F&E-Arbeit. Zwei nahe liegende sind die Anzahl und der Wert der Patente, die dabei entstehen. Seit Beginn der 90er Jahre und vor allem seit der ersten Patentinitiative von Siemens (ab 1993) hat sich die Zahl der Erfindungs- und Patentanmeldungen verdoppelt bis verdreifacht (siehe Grafiken): Im Geschäftsjahr 2005 haben Siemens-Forscher 8 800 Erfindungen gemacht – etwa 40 an jedem Arbeitstag. Zwei Drittel davon wurden zum Patent angemeldet. Im jährlich veröffentlichten Ranking der Patentämter nimmt Siemens seit Jahren immer Spitzenwerte ein: Im Jahr 2005 lag Siemens in Deutschland auf Platz 1, beim Europäischen Patentamt hinter Philips (das seine Erstanmeldungen direkt beim Europäischen Patentamt und nicht in den Niederlanden macht) auf Platz 2 und in den USA auf Nummer 9 – drei Plätze vor dem Wettbewerber General Electric. GE und Philips starteten einige Jahre nach Siemens ebenfalls Patentinitiativen, dennoch liegt Siemens bei den Patenterstveröffentlichungen nach wie vor deutlich vor den Konkurrenten.
Nachdem die Anzahl der Erfindungsmeldungen bei Siemens inzwischen einen gleichbleibend hohen Wert erreicht hat, stehen nun die Qualität der Patente und die Entwicklung von strategisch bedeutsamen Schlüsselpatenten im Vordergrund, die den Zugang zu wichtigen Technologien oder weltweiten Standards bestimmen. Mit 53 000 aktiven Patenten und Patentgruppen verfügt Siemens über ein sehr umfangreiches und wertvolles Portfolio – was sich insbesondere auch in Lizenzaustauschverträgen mit anderen Firmen zeigt. Lizenzabkommen schützen vor Patentangriffen; hätte man diesen Schutz nicht, müsste im Allgemeinen ein gewisser Prozentsatz des Umsatzes an Lizenzkosten gezahlt werden. Schon daraus ergibt sich eine gute Rendite des geistigen Eigentums von Siemens.
Der hohe Wert, den Siemens seinen Patenten beimisst, zeigt sich auch in der Auszeichnung Erfinder des Jahres, mit der jedes Jahr etwa ein Dutzend erfolgreicher Erfinder ausgezeichnet werden. Auch die externen Anerkennungen bleiben nicht aus: So erhielten Siemens-Mitarbeiter zwei Jahre in Folge aus der Hand des Bundespräsidenten den mit 250 000 € dotierten Deutschen Zukunftspreis: im Jahr 2004 zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie und Infineon für ein "Bio-Labor auf dem Chip" und im Jahr 2005 zusammen mit der Robert Bosch GmbH für "Piezoinjektoren bei Diesel- und Benzinmotoren". Die Medizintechnik von Siemens wurde ebenfalls ausgezeichnet: Für eine revolutionäre Aufnahmetechnik in der Magnetresonanz-Tomographie (Tim-Technologie) erhielten Siemens-Entwickler den Innovationspreis der deutschen Wirtschaft 2005. Und auch die Energietechnik kam nicht zu kurz: So verlieh der Präsident des Rats der Russischen Föderation im Sommer 2005 Prof. Klaus Riedle für die unter seiner Führung entwickelten hocheffizienten Siemens-Gasturbinen den mit 1 Mio. US-$ dotierten "Global Energy International Prize" – eine Art Nobelpreis für Energietechnik. Riedle teilt sich das Preisgeld mit dem russischen Nobelpreisträger Schores Alfjorow ( Innovatoren 11 – Riedle).
Kriterium Markterfolg. Letztlich misst sich aber der Wert einer Innovation am Markterfolg, denn "eine Neuerung ist nicht etwa dann eine Innovation, wenn die Techniker entzückt sind, sondern erst, wenn der Markt Hurra schreit" – wie es einmal ein Siemens-Vorstand formulierte. Dementsprechend hohe Bedeutung messen Geschäftsverantwortliche auch dem Instrument des Lead Customer Feedbacks bei, bei dem Kunden detailliert um ihre Einschätzung der Vor- und Nachteile von Siemens-Produkten gebeten werden. Auch hier schnitten etwa Geschäftsgebiete wie die Magnetresonanz-Tomographie hervorragend ab – befragt wurden in diesem Fall weltweit führende und selbst hoch innovative Kliniken und Institute, die Geräte von Siemens oder Wettbewerbern einsetzen.
Das Beispiel der MR-Tomographie zeigt auch, dass die erfolgreiche Einführung einer Innovation den Markt verändern kann. Lag Siemens in den Jahren vor 2003 bei den verkauften Stückzahlen noch deutlich hinter General Electric, so gelang es bald nach der Markteinführung der revolutionären Tim-Technologie erstmals, mit GE gleichzuziehen und in der Folge sogar, die Marktführerschaft zu übernehmen. Ähnlich erfolgreich und innovativ agiert das Geschäftsgebiet der Computertomographie, was sich auch in der Zahl der Arbeitsplätze niederschlägt: Sie stieg bei beiden Geschäftsgebieten in nur zweieinhalb Jahren um 20 %.
Auch andere Felder wie die Industrieautomatisierung melden ähnliche Entwicklungen: Dank innovativer Produkte ist das Geschäftsgebiet Industrial Automation Systems schon lange Weltmarktführer, wobei es in den vergangenen zehn Jahren sogar gelang, den Marktanteil nochmals zu steigern und den Umsatz etwa zu verdoppeln. Auch hier wuchsen die Mitarbeiterzahlen deutlich: um fast 30 % in zweieinhalb Jahren. Bei den Renditen sind alle drei beschriebenen Geschäftsgebiete wichtige Ergebnisträger für Siemens.
Die Einführung der Piezoeinspritzung bei Dieselfahrzeugen schuf sogar einen völlig neuen Markt – bei den Firmen Siemens und Bosch und den Zulieferern arbeiten inzwischen mehr als 17 000 Mitarbeiter auf diesem Gebiet. Ein weiteres Beispiel aus dem Feld der Energieerzeugung: In den letzten 20 Jahren stiegen die Aufträge für innovative Siemens-Gasturbinen deutlich an. So fertigte das Werk in Berlin in den 80er Jahren etwa zehn Gasturbinen pro Jahr, heute sind es zwischen 45 und 55. Zwar nahm hier die Anzahl der dort beschäftigten Mitarbeiter in absoluten Zahlen nur unwesentlich zu, weil viele Arbeiten an Zulieferer ausgelagert werden können. Aber der Anteil der hochqualifizierten Fachkräfte hat sich deutlich geändert: Von 1 000 gewerblichen Mitarbeitern des Gasturbinenwerks sind heute 80 % hochqualifizierte Fachkräfte, vor zehn Jahren waren es 65 %. Auch dies trägt zur Sicherung des Innovationsstandorts Deutschland bei.
Insgesamt zeigen die Analysen einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Technologieposition eines Geschäftsgebiets, seiner Marktposition, der Rendite sowie der Sicherung und dem Aufbau von Arbeitsplätzen. Geschäftsgebiete von Siemens, die eine hervorragende Technologieposition – also eine hohe Innovationskraft – mit einer guten Weltmarktposition (Nummer 1 oder 2) verbinden, erreichen im Allgemeinen auch sehr gute Renditen und sichere Arbeitsplätze.
Harald Hassenmüller