Erfinder & Innovatoren – Generation21
Die Forscher von morgen
Mit dem weltweiten Bildungsprogramm Generation21 fördert Siemens den Nachwuchs im Bereich Naturwissenschaft und Technik – vom Kindergartenkind bis zum Studenten. Jungen Menschen Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln bedeutet, gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen und auch für die eigene Zukunft vorzusorgen.
Wasserkraftwerk en miniature: Die Mädchen des Gymnasiums Bad Nenndorf haben es zusammengebaut. Auch Kindergartenkinder lassen sich für Technik begeistern – dank der Forscherkiste von Siemens (unten)
Ein sommerlicher Julitag. Am Gymnasium Bad Nenndorf herrscht fast schon Ferienstimmung. Lehrer und Oberstufenschüler haben eine Umgebungsrallye für Fünft- und Sechstklässler organisiert. Das Thema: Wasser. "Iiiiih, wie ekelig", kreischen die zwölfjährigen Jungs, die Wasser mit Hilfe von Soßenbinder und Borat in grünen Schleim verwandelt haben. Die Mädchen stehen derweil vor einem Eimer Wasser, einem Haufen Plastikrohre und einem kleinen Schaufelrad. Kurz darauf haben sie ein provisorisches Wasserkraftwerk zusammengebastelt. Am Ende der Rallye wissen die Gymnasiasten eine Menge mehr, etwa wie ein Sandfilter schmutziges Wasser reinigt, welche Kraft im Wasserdampf steckt oder warum Seife in kalkhaltigem Wasser weniger schäumt als in destilliertem Wasser.
Insgesamt 80 Schulen, darunter auch das Gymnasium Bad Nenndorf, regte Siemens in diesem Jahr zu einem Wasser-Projekttag an und stellte dafür je 500 € sowie eine Mediensammlung zur Verfügung. Siemens ist eines der wichtigsten Fördermitglieder von MINT-EC (Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen e.V.). Ziel des Vereins ist, den Mitgliedsschulen Anregungen zu geben, wie sie die Begeisterung jüngerer Schüler für die Naturwissenschaften wecken und bis zum Ende der Schulzeit bewahren können. In Bad Nenndorf finden z.B. im Gegensatz zu vielen anderen Schulen regelmäßig Physik-Leistungskurse statt, manchmal sogar zwei pro Jahrgang, berichtet Schulleiterin Dr. Irmtraud Gratza-Lüthen. Wichtig dabei: "Die Lehrer führen die Experimente nicht mehr vor, sondern die Schüler machen das meiste selbst."
Die Förderung des Nachwuchses hat bei Siemens eine lange Tradition: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es erste Kooperationen mit Schulen. Mittlerweile umfasst das Bildungsprogramm, das seit 2005 unter dem Dachbegriff "Generation21" zusammengefasst ist, weltweite Aktivitäten von der Vorschule bis zur Universität. "Als wissensbasiertes Unternehmen haben wir einen hohen Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeitern, speziell auf naturwissenschaftlichem Gebiet", sagt Dr. Klaus Kleinfeld, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG. "Daher sehen wir in Bildungsthemen einen Schwerpunkt unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung." Wie umfassend die Aktivitäten von Generation21 sind, erläutert Maria Schumm-Tschauder, die bei Siemens Corporate Communications (CC) die Schul- und Vorschulprojekte koordiniert: "Wir wollen die Spitzenkräfte des 21. Jahrhunderts fördern, und damit beginnen wir so früh wie möglich."
Früh übt sich... Die Ingenieure und Forscher von übermorgen könnten etwa Emilia, Nikito, oder Luce heißen. Im Münchener Kindergarten "Kinderfreunde e.V." werden die Vierjährigen mit spannenden Phänomenen aus den Bereichen Elektrizität, Schall oder Wasser vertraut gemacht. Heute geht es um das Thema Farben. "Sind im Braun noch andere Farben versteckt?" fragt Erzieherin Stefanie Wellenhofer. Konzentriert beugt sich Emilia über ein rundes Stück Filterpapier und malt mit einem Filzstift braune Kringel darauf. Mit Hilfe der Erzieherin formt sie aus einem weiteren Stück Papier eine Rolle und steckt diese durch ein Loch in der Mitte ihres Werkes. Diese "Blume" stellt sie in ein Glas mit Wasser. Gebannt schauen die Kinder, was passiert. "Die Farbe geht weg", ruft Luce aufgeregt. Als das Wasser die braunen Kringel erreicht, wachsen plötzlich gelbe, rote und andere Strahlen hervor. Während Wellenhofer den Kindern die Sache mit den Grund- und den Mischfarben erklärt, suchen diese in einer hellen Holzkiste bereits andere Farbstifte für weitere Tests.
Insgesamt 500 dieser "Forscherkisten" – inklusive einer Fortbildung für je zwei Erziehungskräfte – verteilt Siemens seit Anfang 2006 an Kindergärten in ganz Deutschland. Die Kisten sind gefüllt mit allerlei Zubehör für einfache Experimente, vom Luftballon bis zur Glühbirne. Dass das Bildungsengagement von Siemens schon im Kindergarten ansetzt, hat einen einfachen Grund: "Kindergartenkinder haben von Natur aus eine große Neugier und Entdeckerfreude", sagt Dr. Barbara Filtzinger, Leiterin der Abteilung Corporate Citizenship bei Siemens CC. "Deshalb arbeiten wir bereits daran, dieses erfolgreiche Konzept auch für den internationalen Einsatz weiterzuentwickeln."
Wissenschaftliche Studien, z.B. von der renommierten Lernforscherin Karen Lind von der University of Louisville in Kentucky zeigen, dass Drei- bis Fünfjährige schon alt genug sind, um einen spielerischen Zugang zu naturwissenschaftlichen Phänomenen zu finden. Erst nach der Pubertät erlahmt das Interesse. Zusammen mit 39 anderen deutschen Unternehmen beteiligt sich Siemens auch an einem Projekt für Grundschulen im Rahmen der so genannten Wissensfabrik: "Damit wollen wir das Interesse der Kinder an naturwissenschaftlichen Phänomenen wach halten und weiter ausbauen", sagt Werner Busch von Siemens CC.
Weltweite Schulung. Weiterführende Schulen unterstützt der Konzern nicht nur durch das Engagement bei MINT-EC, sondern auch mit seinem Partnerschul-Programm. In Deutschland etwa nehmen daran etwa 155 Schulen teil, von denen einige sogar den Namen des Unternehmensgründers Werner von Siemens tragen. Die zentrale Steuerung des Programms erfolgt durch die Unternehmenszentrale in München, während Siemens-Mitarbeiter vor Ort die konkreten Projekte gemeinsam mit den Schulen organisieren und durchführen: etwa Projekttage, Betriebsbesichtigungen, Veranstaltungen zum Thema Bewerbung, Fortbildungen für Lehrer oder Schülerpraktika in Siemens-Werken. Das Konzept der Partnerschulen setzt Siemens in vielen Regionen der Welt um. In Brasilien, den Niederlanden, Großbritannien, Griechenland, Österreich und Dänemark gibt es bereits Partnerschaften mit örtlichen Schulen; weitere sollen folgen. In den USA veranstalten Siemens-Mitarbeiter regelmäßig einen Siemens Science Day an Schulen, um den Spaß an Mathematik und Naturwissenschaften zu wecken. Auch in China, Thailand, Chile, auf den Philippinen oder in der Türkei unterstützt Siemens Schulen.
Zwei strahlende Gewinner des Siemens Competition in Math, Science & Technology
Lehrkräften hilft Siemens durch kostenlose Mediensammlungen bei der Unterrichtsvorbereitung. So enthalten etwa CD-ROM zu Themen wie "Menschheitsprojekt Wasser", "Ohr, Hören und Schwerhörigkeit" oder "Einstein – Physiker des Lichts" neben Arbeitsblättern auch interaktive Tests und Animationen. Insgesamt 18 000 dieser Mediensammlungen sind bereits im Einsatz an Schulen. Besonders stolz sind die Siemens-Mitarbeiter auf die Verleihung der Erasmus-Euro-Media-Medaille für die Mediensammlung "Menschheitsprojekt Wasser" im Juni 2006. Diese Auszeichnung wird von der Europäischen Gesellschaft für Bildung und Kommunikation e.V. für pädagogisch, inhaltlich und gestalterisch besonders wertvolle eurokulturelle Bildungsmedien vergeben.
Motivation durch Wettbewerbe. Seit 1996 haben sich zudem 220 000 Schülerinnen und Schüler aus 37 Ländern, tatkräftig unterstützt durch 23 000 Lehrkräfte, an dem europäischen Schülerwettbewerb Join Multimedia von Siemens beteiligt. In diesem Wettbewerb setzten sich die Jugendlichen aktiv mit den neuen Medien und deren Einsatz in der Schule auseinander. Die Preisträger der zehnten und letztmaligen Preisverleihung stammten aus vielen Teilen Europas: aus Kroatien, Lettland, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Serbien und Montenegro, der tschechischen Republik und Weißrussland.
Zukünftig wird sich Siemens mit einem neuen Wettbewerb noch mehr auf die Identifizierung und Förderung besonders talentierter Schülerinnen und Schüler im Bereich der Naturwissenschaften und Technik konzentrieren. Vorbild dafür ist der Siemens Competition in Math, Science & Technology, der seit 1999 mit großem Erfolg in den USA durchgeführt wird. Ab Herbst 2006 wird der Wettbewerb nun auch in Deutschland, Russland und China stattfinden. Die eingereichten Arbeiten werden von Universitäts-Forschern begutachtet, die Gewinner erhalten Stipendien. "Es geht darum, Talente früh zu erkennen, zu fördern und Kontakte zwischen Schülern und Universitäten herzustellen", sagt Christa Mühlbauer von Siemens CC.
In Australien sollen Veranstaltungen wie das Siemens Science Experience Program Schülern Lust auf ein naturwissenschaftliches Studium machen. Insgesamt 40 000 australische Schüler nutzten 2005 die Gelegenheit, drei Tage in Hörsälen und Labors zu verbringen. Speziell an Mädchen richten sich das Technik-Abenteuer-Camp und das Siemens Science Camp. Diese Veranstaltungen in Deutschland sollen begabte Schülerinnen zu einem technischen oder naturwissenschaftlichen Studium ermutigen.
Erfahrung weitergeben. Frauen sind – vor allem in Deutschland – in den technischen Studiengängen stark unterrepräsentiert: Bei den Elektrotechnikern etwa sind nur sechs Prozent der Absolventen weiblich. "Durch Mentoring wollen wir die Studentinnen ermutigen, ihr Studium erfolgreich abzuschließen und die Karrierechancen technischer Berufe zu nutzen", sagt Susanne Kiefer, selbst Ingenieurin und bei Siemens Corporate Personnel Germany für zahlreiche Hochschulförderprojekte verantwortlich. Siemens bietet daher seit 2002 jährlich etwa 100 angehenden Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen eine psychologische Stütze: Im Mentoringprogramm YOLANTE, dem Young Ladies' Network of Technology, werden Studentinnen von erfahrenen Siemens-Mitarbeitern betreut. Dr. Eva-Maria Korbmacher, kaufmännische Leiterin des Corporate Chief Information Office bei Siemens, betreut beispielsweise seit zwei Jahren die Mathematik-Studentin Alana Kirchner. "Ich sehe meine Aufgabe unter anderem darin, ihr typisch männliche Berufsbilder nahe zu bringen. Gemeinsam setzen wir uns mit den Vor- und Nachteilen in einer auch heute noch überwiegend von männlichen Kollegen dominierten Berufswelt auseinander", sagt die Mentorin. "Für mich ist es sehr hilfreich, schon jetzt Unternehmenskontakte zu knüpfen und zu sehen, was ich später machen könnte", meint Alana Kirchner.
Im Siemens Science Camp werden technikbegabte Mädchen gezielt gefördert
Frühen Kontakt zu Siemens bekommen die Stipendiaten des seit 1997 bestehenden Siemens Masters Program. Studierende aus Asien sowie Mittel- und Osteuropa mit einem herausragenden Bachelor-Abschluss in einem technischen Fach können ein Stipendium für ein internationales Masterstudium an einer von elf ausgewählten deutschen Hochschulen erhalten. "Zwischen der Universität und der Industrie liegen Welten. Deshalb ist es wichtig, dass die Studenten etwa durch Praktika schon früh einen Einblick in das Wirtschaftsleben bekommen", sagt Dr. Frank Stefan Becker von Siemens CC. Der Konzern prämiert exzellente Abschlussarbeiten mit dem "Werner von Siemens Excellence Award" und vergibt Promotionsstipendien an zahlreiche Doktoranden. Als besondere Auszeichnung lud Siemens dieses Jahr erstmals 14 Studierende und Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland, Russland, China, den USA und Indien nach Lindau zum Treffen der Nobelpreisträger ein.
Das Unternehmen sieht all diese Förderprogramme, deren finanzieller Umfang in Euro weltweit pro Jahr im zweistelligen Millionenbereich liegt, nicht unbedingt als Rekrutierungsmaßnahme. Maria Schumm-Tschauder betont: "Es ist uns auch recht, wenn die jungen Leute später unsere Kunden werden oder irgendwo anders an Entscheidungspositionen gelangen. Hauptsache, sie haben Siemens als sympathisches, attraktives und sozial engagiertes Unternehmen kennen gelernt."
Ute Kehse
Siemens bildet weltweit kontinuierlich etwa 10 000 junge Menschen in 30 technischen, kaufmännischen und IT-Berufen aus – in Deutschland, aber ebenso auch in Österreich, der Schweiz, Portugal, Indonesien, China, Indien, Pakistan oder Mexiko. Allein in Deutschland hat das Unternehmen mehr als 7 000 Auszubildende; zusätzlich bildet Siemens hier gemeinsam mit externen Firmen fast 3 000 junge Leute aus. Im technischen Bereich können Schulabgänger Elektro-, Metall- oder IT-Berufe erlernen, etwa Elektroniker für Automatisierungstechnik, Industriemechaniker oder Fachinformatiker. Hoch im Kurs stehen auch die "Abiturientenberufe" (Fachberaterberufe oder die so genannte Stammhauslehre). An den Siemens-Technik-Akademien in Berlin, Erlangen und München werden Abiturienten innerhalb von zwei Jahren praxisorientiert zum Industrietechnologen ausgebildet – einem gesuchten Technik-Experten mit unterschiedlichen Schwerpunkten von der Informationstechnologie über Mechatronik bis zur Automatisierung. In Kooperation mit Hochschulen weitet Siemens sein Angebot an kaufmännischen und technischen Bachelor-Studiengängen ständig aus. Berufsbegleitende Studiengänge in Kooperation mit der Steinbeis-Hochschule Berlin zum Bachelor oder Master komplettieren das Angebot. Ob mit oder ohne Hochschule: Praxisbezug, aktuelles Fachwissen, Projektarbeit und die Vermittlung sozialer Kompetenzen stehen bei allen Ausbildungs- und Studiengängen im Vordergrund. Für die gelungene Einbindung persönlichkeitsbildender Maßnahmen in die Ausbildung erhielt Siemens 2002 den Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung.