Erfinder & Innovatoren – Franz-Josef Bierbrauer
Osram, München
Vom Autoscheinwerfer ins Wohnzimmer
Ausgerechnet am Messestand des Wettbewerbers General Electric (GE) machte es vor rund 25 Jahren bei Franz-Josef Bierbrauer "klick". Der damals 30-jährige Produktmanager für Halogenlampen bei Osram sah eine große, schwere Spotlampe, die wenig Licht gab. "Das mache ich mit Halogen besser", war er sich sicher. "Warum nicht die Vorteile von viel hellem Licht auf kleiner Abmessung fürs Wohnzimmer, für Verkaufsräume oder Schaufenster nutzen?"
Bierbrauer sah einen Massenmarkt für die Halogenlampe voraus, die bei Osram bis dato nur als H4-Lampe in Autoscheinwerfern oder in Dia- und Schmalfilmprojektoren zum Einsatz kam. Doch nicht jeder teilte damals die Begeisterung des jungen Elektrotechnikers. "Viel zu teuer, viel zu kompliziert in der Herstellung. Wer soll das denn kaufen, wir haben so viele andere Produkte", hörte er aus Entwicklungsabteilung und Vertrieb.
Doch er ließ sich nicht davon abbringen. Ermutigend waren die Reaktionen der mittelständischen Kunden. Etliche Leuchtenhersteller erkannten die herausragenden lichttechnischen Merkmale der Halogenlampen – Bierbrauer schrieb seinen ersten Businessplan für die Kaltlichtlampe. Dieser enthielt einen prognostizierten Verkauf von 50 000 Stück im fünften Jahr. "Ich wollte die Lampen unbedingt auf dem Markt haben und hätte die Zahlen in jedem Fall so gemacht, dass es sich gerechnet hätte", freut sich der heute 55-Jährige noch immer über seine damalige Dreistigkeit. "Wäre mein Businessplan nicht aufgegangen und die Halogenlampe nicht geflogen, hätte ich eben etwas anderes gemacht", sagt Bierbrauer. Sein Motto: "Das ganze Leben ist ein Risiko."
Manchmal braucht man allerdings auch Geduld. Mühsam ging es etwa mit den Versuchsreihen zur Kaltlichtlampe voran. "21 verschiedene Schichten mussten auf den Glasreflektor auf-gedampft werden", erinnert er sich. Das dauerte Monate und immer wieder gab es Rückschläge, weil "wir eine Menge Grundlagenuntersuchungen machen mussten". "Zwischendurch müssen daher unbedingt kleine Erfolgserlebnisse her", betont der drahtige Osram-Manager, der heute als Spartenchef für Allgemeinbeleuchtung einen Umsatz von 2,15 Mrd. € verantwortet.
20 Mannjahre Entwicklungszeit stecken hinter Bierbrauers Erfindungen, der Superspot- und der Kaltlichtlampe. "Über die Jahre hinweg haben wir ein paar hundert Millionen Euro investiert", rechnet Bierbrauer vor. Dabei seien die eigentlichen Entwicklungskosten noch das Geringste. Die vollautomatisierten Fertigungslinien im Osram-Werk Eichstätt schlagen weit mehr zu Buche. Eine kostet allein 20 Mio. €.
Doch das Geschäft rund um Halogen ist bei Osram heute jährlich 300 Mio. € schwer und sehr profitabel. 1,2 Milliarden Halogenlampen werden weltweit pro Jahr verkauft, mit einem Wachstum von jährlich 7 %. Osram ist hier Weltmarktführer. Der Geschäftserfolg ist es jedoch nicht allein, der für den Osram-Spartenchef zählt. Stolz ist Bierbrauer auch darauf, dass er seit den 80ern einen ganzen Markt geprägt hat. Unsere Erfindungen ernähren "ein dreiviertel Werk mit 500 Mitarbeitern in Eichstätt". Dazu kommen 500 weitere in China. Auch die gesamte Zulieferkette für die Reflektoren und die Fassungen profitiere davon sowie die eigentlichen Leuchtenhersteller – und auch Installateure, Planer und Architekten.
Der vielgereiste Manager könnte sich längst zurücklehnen. Doch das liegt ihm nicht. Stolz führt er sein neuestes Baby vor: "Eine solch helle LED-Leuchte gibt es noch nicht auf dem Markt." Der Lampenkörper ist gleichzeitig die Kühlung, die Stromzufuhr kommt aus der Autoindustrie.
Genauso beharrlich und leidenschaftlich wie er sich damals für die Halogenlampe eingesetzt hat, kämpft Bierbrauer seit drei Jahren für Leuchtdioden: "Auch wenn es eine Halbleitertechnologie ist, ist es unbestreitbar Licht und gehört zur Allgemeinbeleuchtung." LED könnten dank ihrer hohen Effizienz, Kleinheit und langen Lebensdauer in einer Vielzahl von Anwendungen herkömmliche Lichtquellen ersetzen – und damit auch sein heutiges Geschäft gefährden, das ist ihm klar. Aber eines hat er gelernt: Das für den Kunden Bessere wird sich durchsetzen. Deswegen lautet sein Motto: "Lieber selbst den Markt gestalten als ihn Wettbewerbern überlassen."
Nikola Wohllaib
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.