Erfinder & Innovatoren – Forschungskooperationen
Gemeinsame Sache
Siemens startete im Jahr 2005 über 1 000 Kooperationsprojekte mit Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit. Von diesem Zusammenwirken profitieren beide Seiten. Beim Ausbau seines weltweiten Kooperationsnetzwerkes setzt Siemens auf unterschiedlichste Modelle bis hin zu strategischen Allianzen.
Die Früchte der Zusammenarbeit mit Siemens: Prof. Gustav Pomberger von der Johannes Kepler Universität Linz präsentiert das neue Navigationssystem für Fahrzeuge mit "erweiterter Realität"
Wer das Unmögliche verlangt, muss neue Wege eröffnen. "Erfinden Sie etwas, das einen hohen Innovationsgrad aufweist, visionär ist, vielen Menschen das Leben erleichtert und einen Spaßfaktor besitzt. Und konzentrieren Sie sich dabei auf das Massengeschäft." Mit dieser Zielvorgabe trat ein Siemens-Manager vor einigen Jahren an Gustav Pomberger heran, Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik / Software Engineering der Johannes Kepler Universität in Linz, Österreich. Damals hätten sie zunächst alle gelacht, sagt Pomberger, doch dann nahm er die Herausforderung an.
Nach mehreren Jahren der Zusammenarbeit mit Ingenieuren von Siemens Corporate Technology (CT) liegt das Ergebnis nun auf dem Tisch: ein völlig neuartiges Navigationssystem nach dem Prinzip der Augmented Reality (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005 Virtuelle Realität ergänzt Navigationssystem). Virtuelle Realität ergänzt NavigationssystemDer Nutzen der Kooperation für Siemens: das zugehörige Patent und die Aussicht auf ein Massengeschäft. Der Gewinn für Pomberger und sein Team: die seltene Chance, unkonventionelle Pfade der Forschung zu beschreiten. Denn sein Team habe aus lauter "bunten Hunden" bestanden – aus Informatikern, Mathematikern, Software-Ingenieuren, Philosophen, Psychologen, Soziologen, ja selbst Bildhauern und Medienkünstlern. "Dieser transdisziplinäre Ansatz ist an den Universitäten leider noch selten. Er hat unsere Kreativität aber unglaublich beflügelt", sagt Pomberger.
Die Zusammenarbeit mit der Universität Linz ist eine von weit über 1 000 Forschungskooperationen, die Siemens pro Jahr weltweit unterhält. Fast die Hälfte dieser Kontakte geht von CT aus, die andere Hälfte von den Siemens-Bereichen, insbesondere von Medical Solutions. Durch das weltumspannende Netzwerk gewinnt Siemens tiefe Einblicke in die neuesten Ergebnisse der internationalen Grundlagen- und Angewandten Forschung und knüpft Kontakte zu den jeweiligen Forschern, die potenzielle künftige Mitarbeiter sein können. Zugleich kann das Unternehmen so seine eigene F&E-Basis mit jenen Bereichen der universitären Partner verzahnen, in denen die eigenen Kompetenzen bisher noch schwach ausgeprägt sind – etwa auf dem Gebiet der Life Sciences und der Neurobiologie.
Dass auch die Universitäten an der Zusammenarbeit mit Siemens interessiert sind, hat gute Gründe: Für die Forscher und Ingenieure ist der Kontakt zur Industrie ein wichtiger Draht zur Wirtschaftswelt. Erstens erhalten sie auf diese Weise wertvolle Informationen über aktuelle und zukünftige Markttrends, und zweitens erschließen sich ihnen dadurch die Problembereiche der Industrie, wie auch Pomberger betont: "Die Zusammenarbeit mit Industriepartnern ist für uns ein wichtiger Prüfstein. Nur so haben wir die Gewähr, dass sich das, was wir in der Theorie und im Labor ausarbeiten, auch in ein neues Produkt oder eine neue Technologie umsetzen lässt." Auch bei seinen Studenten sei Praxisrelevanz eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl ihrer Forschungsthemen. "Unsere langjährige Kooperation mit Siemens ist inzwischen so bekannt, dass sie häufig mit der ausdrücklichen Bitte an uns herantreten, doch bei diesen Projekten mitmachen zu dürfen".
F&E-Kooperationen von Siemens CT
Neben der reinen Auftragsforschung zählen Diplom- und Doktorarbeiten zu den wichtigsten Kooperationsformen zwischen Siemens und den Hochschulen. Bei CT liegen die Verhältnisse derzeit so: Von den 7 bis 10 Mio. € (das sind etwa 3 bis 4 % des jährlichen F&E-Etats der zentralen Forschung), die pro Jahr in Kooperationen mit Hochschulen und – in geringerem Umfang – mit Forschungseinrichtungen wie der Fraunhofer Gesellschaft fließen, werden zu 28 % Diplomanden und Doktoranden finanziert, während rund 65 % der Auftragsforschung zufallen. Der Rest kommt Stipendiaten, Beratern und Gastwissenschaftlern zugute. Weitere 8 bis 18 Mio. € im Jahr investiert CT für Kooperationen im Rahmen öffentlich geförderter Forschungsprogramme, die in der Regel zu gleichen Teilen aus Industriegeldern und Mitteln der öffentlichen Hand finanziert sind.
Allerdings überwiegen bei den Kooperationen der Siemens AG derzeit noch die deutschlandweiten Kontakte. Daher setzt Prof. Dr. Klaus Wucherer, Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG, alles daran, die Verteilung besser zu internationalisieren: "Wir brauchen noch sehr viel mehr Kooperationen mit herausragenden Universitäten auf der ganzen Welt", sagte er auf einer Hochschultagung im Juli 2006. Dies bedeute jedoch nicht, dass künftig in Deutschland weniger getan werde.
Partner seit über 100 Jahren. Für das Anbahnen neuer Allianzen setzt Siemens auf verschiedene Strategien. Welches Kooperationsmodell bei welcher Universität in welchem Land zum Einsatz kommt, hängt in erster Linie von den gegenseitigen Erwartungen und Zielen der Partner ab. Die gängigste Form der Zusammenarbeit sind bilaterale Beziehungen zwischen Siemens und einzelnen Hochschulwissenschaftlern oder ihren Fakultäten und Departments. Rein informelle Kontakte fallen ebenso darunter wie die zahlreichen vertraglich geregelten Kooperationen. Solche von Fall zu Fall mehr oder weniger fest geknüpften Beziehungen haben bei Siemens eine über hundertjährige Tradition. Seit ihren Anfängen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die elektrotechnische Industrie immer eine forschungsintensive Branche, die von jeher enge und vielfältige Kontakte zu Hochschulen pflegte.
Eine frühe und noch heute übliche Spielart des Beziehungsgeflechts beruht auf dem Wechsel von Wissenschaftlern aus den Universitäten in die Industrie und umgekehrt. So verlustreich der Weggang von Forschern in personeller Hinsicht für beide Seiten jeweils ist, so ertragreich dürfte er im Hinblick auf den Ausbau eines Kooperationsnetzwerks sein. Denn in der Regel halten die "Weggänger" Verbindung zum alten Arbeitgeber. Eine andere Variante der Zusammenarbeit ist der Technologietransfer zwischen Industrie und Hochschule. In vielen Fällen unterstützte und unterstützt Siemens durch sein technisches Know-how wichtige Grundlagenforschungsprojekte der Universitäten. Den Physik-Nobelpreisträger Prof. Dr. Klaus von Klitzing versorgte die Siemens-Forschung etwa Ende der 1970er Jahre mit den notwendigen Halbleiter-Bausteinen, die er zur Messung des Quanten-Hall-Effektes benötigte.
Patenkind Universität. Anfang der 70er Jahre führte Siemens ein die Zusammenarbeit noch stärker unterstützendes und förderndes Kooperationsmodell ein: die Paten-Universität. "Patenschaften gehen wir nur mit Universitäten ein, mit denen wir uns dauerhafte Beziehungen wünschen", erläutert Prof. Dr. Hubertus von Dewitz, Leiter des zuständigen Zentralvorstands-Referats. Oberstes Auswahlkriterium ist in der Regel die wissenschaftliche Reputation des "Patenkindes", besonders in Technologiebereichen, die für Siemens von Interesse sind. Mittlerweile werden 33 Universitäten und drei Fachhochschulen von so genannten "Hochschul-Paten" aus der Leitungsebene von Siemens persönlich betreut. Deren Aufgabe ist es, möglichst viele strategische Formen der Zusammenarbeit zu initiieren und zu fördern; sei es durch persönliche Gespräche mit Professoren und Studenten oder die Vergabe von Auftragsarbeiten, Lehraufträgen und dergleichen mehr.
Die gesetzliche Regelung des Patentrechts ist von Land zu Land unterschiedlich. Grundsätzlich strebt Siemens bei seinen F&E-Aufträgen an, mit den betreffenden Einrichtungen Rahmenvereinbarungen oder auf die jeweilige Universität zugeschnittene Mustervereinbarungen zu treffen. Diese regeln, dass die Rechte von Erfindungen, die im Rahmen von Forschungsaufträgen entstehen, die das Unternehmen finanziert, der Siemens AG zustehen. Die Hochschulerfinder erhalten für jede übertragene Erfindung eine freiwillig von Siemens gezahlte Motivationsprämie. In Deutschland wurde 2002 das deutsche Arbeitnehmererfindungsgesetz in den für Auftragsentwicklung und -forschung an deutschen Hochschulen wesentlichen Vorschriften deutlich geändert. Bis dahin konnten Hochschullehrer, Dozenten und wissenschaftliche Assistenten bei F&E-Aufträgen frei über ihre Erfindungen verfügen und diese direkt auf den Auftraggeber übertragen. Seit der Abschaffung dieses so genannten "Hochschullehrerprivilegs" sind die Hochschulen angehalten, auf die Erfindungen ihrer Mitarbeiter zuzugreifen, um diese selbst zu verwerten. Dabei sind häufig Patentverwertungsgesellschaften involviert.
Auf dem Muster der Paten-Universität aufbauend, aber weitaus differenzierter organisiert, ist das vor wenigen Jahren eingeführte Modell des "Center for Knowledge Interchange", kurz CKI. "Es ist unsere engste Beziehungsform mit Universitäten. CKI liegen uns besonders am Herzen – sie sind der direkte Weg zur Innovation", sagt von Dewitz. Jedes CKI hat sein eigenes Organisationsbüro als offizielle Schnittstelle zwischen industrieller und universitärer Welt. Dort treffen sich regelmäßig Vertreter der Siemens-Bereiche mit Repräsentanten der Universität. Moderiert wird der systematische Wissensaustausch durch CKI-Referenten, deren Aufgabe es ist, die Bedürfnisse von Siemens mit den Angeboten der Universitäten abzugleichen und dabei möglichst viele Kooperationsverträge in die Wege zu leiten. Für das CKI an der Technischen Universität München gab Siemens 2003 etwa die Richtgröße vor, bis zum Jahr 2008 für Gemeinschaftsprojekte 8 Mio. € umzusetzen. "Dieses Soll haben wir jetzt schon erreicht", bilanziert Martin Zißler, Referent des Präsidenten der TU München sowie des dortigen CKI. "105 Kooperationsverträge wurden bereits abgeschlossen." Bis Ende 2007 sollen aus den heutigen vier CKI bereits zwölf geworden sein. "Das ist aber nicht unsere obere Grenze. Wir möchten mit allen Hochschulen, die uns besonders wichtig erscheinen, insbesondere in China, Indien und den USA, ein aktives Kooperationsverhältnis eingehen", sagt von Dewitz.
Dabei geht es auch um Ausbildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ( Generation 21). Hochschulen bilden eine wichtige Rekrutierungsbasis für künftige Mitarbeiter. Von den 461 000 Mitarbeitern, die Siemens weltweit beschäftigt, haben 34 % einen akademischen Abschluss (26 % als Ingenieure, Naturwissenschaftler, Informatiker). Allein in Deutschland und Österreich nehmen über 200 Führungskräfte von Siemens einen Lehrauftrag an Universitäten oder Fachhochschulen wahr. Damit Studierende, Hochschulen und Siemens gleichermaßen von der Lehre profitieren, stimmt etwa Privatdozent Dr. Michael Hofmeister von CT seine Lehrangebote sorgfältig mit den Hochschulen ab. "So lässt sich das anwendungsorientierte Lehrprofil der Universitäten sinnvoll erweitern, während wir die Möglichkeit erhalten, über praxisrelevante Inhalte die Studenten passgenau auszubilden". Für Hofmeister ist Lehre eine Investition, die sich mehrfach auszahlt: Durch motivierte, hochqualifizierte neue Mitarbeiter, durch Wissenstransfer und durch die Sichtbarkeit von Siemens an den Hochschulen. Doch hat das Engagement auch seinen Preis: Bis zu einem Monat seiner jährlichen Arbeitszeit investiert Hofmeister in Vorlesungen, Workshops und Stipendienprogramme. Gemessen am Ertrag sei das aber nicht viel, sagt er, und beruft sich auf ein Zitat von Derek Bok, ehemals Präsident der Harvard University, USA: "If you think education is expensive, try ignorance".
Luitgard Marschall