Erfinder & Innovatoren – Dr. Robert Krieg
Siemens Medical Solutions, Erlangen
Revolution nach Plan
Workshops in einer ungewöhnlichen Umgebung mit professioneller Moderation fördern Ideen zutage, die man vorher nicht für möglich gehalten hat, weiß Robert Krieg. Die Vision, die der heutige Leiter für Molekulare Bildgebung bei Siemens Medical Solutions (Med) im Jahr 2001 auf der Burg Wernberg bei Amberg mit Entwicklern, Kunden und Zulieferern entwarf, hieß: "Wir bauen den besten Magnetresonanz-Tomographen der Welt."
Das war die Geburtsstunde von Total Imaging Matrix (TIM). Diese Technologie erlaubt es, bei Magnetresonanz-(MR)-Untersuchungen den ganzen Körper einer Person in weniger als einer Viertelstunde Schicht für Schicht mit einer Detailauflösung von unter einem Millimeter zu durchleuchten. Damit hat TIM die MR-Tomographie revolutioniert. Revolutionär war auch der Prozess, mit dem diese Technologie erdacht, entwickelt und zur Marktreife gebracht wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen, alles verlief nach einem genau ausgetüftelten Masterplan.
Und noch nie in der Entwicklung bildgebender Verfahren wurden Kundenwünsche so systematisch abgefragt und berücksichtigt. "Ich bin ein großer Fan von strukturiertem Vorgehen", verrät der 42-jährige Vater dreier Kinder, der an der Universität Erlangen theoretische Physik studierte und zunächst bei der Strategieabteilung von Med anheuerte, bevor er in die Entwicklung ging. Von der Geburt der TIM-Idee bis zum fertigen MR-Tomographen dauerte es drei Jahre. Zu lange, meinten vereinzelte Kritiker, die den Aufwand für die exakten Analysen und Planungen für überflüssig hielten. Für Krieg ist das Gegenteil richtig: "Letztlich haben wir durch die strukturierten Prozesse Zeit gespart." Wichtig sei, dass alle Entscheidungen dokumentiert würden. "Denn die Projektleiter und Mitarbeiter wechseln, und in ein paar Jahren weiß sonst niemand mehr, warum eine bestimmte Entscheidung so und nicht anders getroffen wurde", sagt Krieg.
Heraus kam der MR-Tomograph Magnetom Avanto mit bis zu 76 TIM-Spulen, und die TIM-Technologie wurde zur Plattform weiterer Magnetom-Systeme. Dank TIM lassen sich auch gleichzeitig mehrere Organe scannen, ohne die Spulen umsortieren zu müssen.
Siemens hat seinen technologischen Vorsprung bei MR-Tomographen auf mindestens zwei Jahre ausgebaut. Einer der Erfolgsfaktoren sei laut Krieg, hoch innovative Technologien im eigenen Haus zu entwickeln. Andere Hersteller, die möglichst viel Entwicklungsarbeit auslagern, hätten dagegen mit enormen Reibungsverlusten und längeren Entwicklungszeiten zu kämpfen.
Das Ziel, den besten MR-Tomographen der Welt zu bauen, haben die Workshop-Teilnehmer erreicht. Eine Liste mit Schwächen, wie sie bei den Modellen zuvor üblich war, gibt es bei der Avanto-Baureihe immer noch nicht.
Bernd Müller
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.