Erfinder & Innovatoren – Dr. Raymond Liao
Technology-to-Business-Center, Berkeley, USA
Auf der Jagd nach Ideen
So wie Raymond Liao käme wohl jeder gern zu seinem ersten Job. "Fünf Jahre hatte ich an der Columbia University in New York geforscht, den Doktortitel so gut wie in der Tasche. Und dann rief, wie aus dem Nichts, ein Unbekannter an und fragte, ob ich für Siemens arbeiten möchte." Liao sagte ja – denn so bekam er die Chance, seine Forschungsergebnisse zur Übertragungsqualität in Funknetzen in ein Produkt münden zu lassen.
Doch mit dem Zusammenbruch der New Economy sanken ab dem Jahr 2000 die Investitionen der Netzanbieter drastisch und damit auch die Chancen einer Anwendung in der Telekommunikationsindustrie. Also suchte Liao fieberhaft nach anderen Einsatzgebieten und wurde fündig: Im boomenden Bereich der In- dustrieautomation gab es großen Bedarf an ver-lässlichen WLAN-Lösungen für Fabriken und Fertigungsstraßen. Wenn die Datenpakete zur Steuerung und Überwachung von Maschinen als Radiowellen durch die Luft wandern, können sich die Fabrikbetreiber teure Spezial-Kabelverbindungen sparen, vor allem in staubigen, schmutzigen oder feuchten Zonen, wie etwa in Lackierereien. Und für rotierende Maschinenteile sind Kabel schlicht ungeeignet – zudem macht Funk die Fabriken wesentlich flexibler.
Handelsübliche WLAN-Lösungen konnten allerdings die Laufzeit der Datenpakete nicht auf Millisekunden genau garantieren. Doch erst diese exakte Laufzeitprognose macht eine zuverlässige Steuerung der präzisen Industriemaschinen möglich. Brauchen die Steuerungsbefehle zu lange, kann dies im schlimmsten Fall zum Stopp der gesamten Fertigung führen und damit zu einem teuren Produktionsausfall.
"Mit den Kollegen des Siemens-Bereichs Automation and Drives in Karlsruhe und Nürnberg sowie Marketing- und Vertriebsleuten hatten wir daraufhin klar definiert, was die Kunden wollen: Wenn unser Industrial WLAN (I-WLAN) die Laufzeiten garantieren kann, dann haben wir ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb", schwärmt der 36-Jährige. Ein halbes Jahr nach dem Startschuss war der Prototyp fertig, wieder ein halbes Jahr später das erste Produkt am Markt (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005, Industrienetze). "Im Premiumsegment für I-WLAN sind wir aktuell dem Wettbewerb weit voraus und realisieren jährliche Umsatzsteigerungen von 200 bis 300 %", erklärt Liao.
Mittlerweile ist er einer der Directors of Venture Technology am Technology-to-Business-Center in Berkeley und selbst auf der Jagd nach innovativen Ideen herausragender Jungforscher. "Das ist Detektivarbeit. Aber genau diese Aufgabe, Anwendungen für Innovationen zu finden, macht mir an meinem Job am meisten Spaß. Haben wir etwas Interessantes entdeckt, sprechen wir die Leute direkt an. Und inzwischen sind wir so bekannt, dass uns auch viele Exposés unaufgefordert zugesandt werden." Liao ist in dieser Aufgabe wie ein Goldsucher, der den Schlamm sieben muss. Seine Nuggets sind Ideen. Und manchmal ist er nun selbst der Unbekannte, der einen talentierten Studenten anruft und ihm einen Job anbietet.
Andreas Kleinschmidt
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.