Erfinder & Innovatoren – Dr. Manfred Wangler
Siemens Medical Solutions, Erlangen
Universalsprache für die Medizintechnik
Informatik war schon immer das Steckenpferd von Manfred Wangler. Der 59-Jährige war maßgeblich an der Entwicklung von syngo beteiligt, jener Software von Siemens Medical Solutions (Med), mit der das Krankenhauspersonal medizintechnische Geräte wie Computer- oder Magnetresonanz-Tomographen oder Ultraschall-Scanner über eine einheitliche Oberfläche bedienen kann. Mit dem "Windows für Medizintechnik" lassen sich auch Patientendaten und -bilder bearbeiten und Arztberichte erstellen. Per Mausklick kann der Nutzer zwischen verschiedenen Funktionen wechseln, ohne die Programme vorher beenden zu müssen. Der promovierte Physiker sieht sich jedoch nicht als eigentlicher Innovator: "Es haben noch so viele andere Leute an syngo entscheidend mitgearbeitet. Ich bin eher der Facilitator, der dazu beigetragen hat, die Sache zu ermöglichen."
Wanglers Laufbahn begann 1978 bei Siemens in München beim Bereich "Private Nebenstellen-Technik". 1983 wechselte er zur Medizintechnik nach Erlangen. Dort arbeitete er im Geschäftsgebiet Magnetresonanz-Tomographie als Software-Entwickler für Datenerfassung und Bildberechnung. Schon bald forderte das Management, durch Synergien die Entwicklungskosten für die Software zu senken. Also kreierten die Entwickler eine gemeinsame Middleware – sozusagen den Software-Bauch – für Computer- (CT) und Magnetresonanz-Tomographen (MR), was die Entwicklungskosten halbierte. Zudem vereinheitlichten sie die Bedienoberfläche von MR und CT und entwickelten eine grafische Bedienoberfläche mit Mauszeiger. Vorher hatte der Anwender alle Parameter mühsam per Tastatur eingeben und sich durch ein langes Menü arbeiten müssen. Nachfragen von Kunden brachten Wangler auf die Idee, die Bedienoberfläche auch auf andere bildgebende Verfahren wie Ultraschall auszudehnen. Einheitliche Applikationen für alle Systeme, so die Idee, würden die Entwicklungskosten weiter senken. Wangler: "Das war der Durchbruch – der Weg zu syngo." Der begeisterte Tüftler musste manche Hürde überwinden. So zeichnete sich Anfang der 90er Jahre ab, dass der Microsoft-PC mit dem Betriebssystem Windows eine große Zukunft haben und die Preise massiv fallen würden. Doch Wangler blitzte beim Management zunächst ab. Unix sei das System der Wahl. Er gab nicht auf und konnte die Entscheider 1995 pro PC überzeugen – mit dem Kostenargument und der Flexibilität von Windows NT, das mit vielen verschiedenen Prozessoren arbeiten kann. Die Entwicklung von syngo auf PC-Basis konnte weitergehen.
Auch Rückschläge entmutigten den Forscher nicht. Als 1997 ständig die Entwickler-Kollegen in Indien abgeworben wurden, und sein Team mit dem Zeitplan in Rückstand geriet, holte er die indischen Mitarbeiter kurz entschlossen nach Erlangen, gewährte ihnen Auslandszuschläge, organisierte Busfahrten und Wochenendausflüge. Nach sechs Monaten war der Rückstand aufgeholt.
Der Vater von vier Kindern liebt Transparenz, vor allem, wenn es Probleme gibt. "Zunächst werden sie eindeutig und messerscharf artikuliert." Und dann wird der Schuldige gesucht. "Nicht um ihn zu hängen. Wir wollen verstehen, was die Ursache des Problems ist, um es dann auszumerzen."
Die Mühen haben sich gelohnt: 1999 kam syngo auf den Markt; mit neuem nutzerfreundlichen Look-and-Feel bei allen Geräten. Damit hat sich Med nicht nur den Nimbus eines Innovationstreibers erworben. Mit der Reduzierung auf eine einheitliche Software-Plattform hat Med kumulativ zudem etwa 150 Mio. € Entwicklungs-Ausgaben netto eingespart.
Wangler ist bei Med Chef einer weltweiten Entwicklertruppe mit 650 Mitarbeitern. Auf die Frage, welche Eigenschaft ihn wohl am meisten auszeichnet, antwortet er: "Das ist meine Hartnäckigkeit. Mich von einer Idee abzubringen ist so ziemlich unmöglich."
Tim Schröder
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.