Erfinder & Innovatoren – Bernd Gombert
Siemens VDO, Regensburg
Der Paradigmenwechsler
Er ist, sagt Bernd Gombert von sich, ein talentierter Allrounder. Nicht der beste Techniker, nicht die beste Verkaufskanone, nicht der beste Buchhalter und nicht der beste Manager. Aber in allem gut – wie ein Zehnkämpfer. Derzeit tüftelt der Ingenieur an der elektronischen Keilbremse (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005, Der Wunderkeil). Fahrzeuge aller Art können damit schneller und sicherer gebremst werden und mit deutlich weniger Energie als mit den heutigen hydraulisch oder pneumatisch funktionierenden Bremsen.
Nun ist ein Rad mittels Keil abzubremsen nicht neu, das haben schon Pferdekutscher in früheren Zeiten getan. Doch wegen des Blockierens galt der Keil in der Welt der Bremsenkonstrukteure als nicht beherrschbar, und kein Ingenieur wollte daran etwas ändern. Gerade das spornt Gombert an: nochmals grundsätzlich neu zu denken. Einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, bereitet ihm diebische Freude. Deshalb lautet seine Maxime: "Wenn ein System lange genug auf dem Markt ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man es ersetzen kann". Bei der Keilbremse ist der Trick die elektronische Steuerung, die das Blockieren unterbindet.
"Nicht die Erfindung allein macht die Innovation", sagt der 46-Jährige, "sondern ihr wirtschaftlicher Erfolg". Dass er beides kann, bewies er bereits in jungen Jahren mit der Gründung mehrerer erfolgreicher Firmen. Gombert hält rund 150 Patente, allein 40 davon für die elektronische Keilbremstechnik. Der frühere wissenschaftliche Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt verfolgt das Projekt Keilbremse seit dem Jahr 2000, als er die Firma eStop gründete. Diese wurde 2005 von Siemens VDO (SV) übernommen. Seitdem leitet er bei SV in Regensburg als technischer Geschäftsführer die Geschäftseinheit Body & Chassis Electronics.
Um sein 100-köpfiges Entwicklungsteam in Regensburg beneiden ihn viele. Zu seinen Talenten gehört auch, die richtigen Leute zu finden und daraus ein Team zu schweißen. Das sei mühsam, aber es lohne sich. Diesen Job habe er nie delegiert. Gerade das mache auch seinen Erfolg aus. Und er lästert etwas über jene Projektmanager, die mit groß angelegten Meetings und Workshops Prozesse zu optimieren versuchen – in der Hoffnung, damit bessere Ergebnisse zu erzielen. "Es sind die Menschen, besondere Individuen und ihre Ideen, nicht die Prozesse, die eine Entwicklung voranbringen", hält Gombert dagegen. Siemens habe diese Innovatoren, man müsse sie nur suchen, finden und halten.
Am liebsten will er Studenten und Schüler für Technik begeistern. "Man muss sie ansprechen und ihnen Mut machen", sagt er. "Traut euch, macht mal", feuert er in Vorträgen sein junges Publikum an. Wer weiß, vielleicht ist ein weiterer Bernd Gombert darunter.
Rolf Sterbak
Wie entstehen Innovationen wirklich? Viele Management-Bücher konzentrieren sich auf die Theorie von Innovationsprozessen, -strategien und -methoden, doch inwieweit lässt sich die Entstehung von Innovationen wirklich in solche Theorien pressen? In Kurzporträts stellen wir Erfinder und Innovatoren und ihre authentischen Erfahrungen vor. Welche Charakterzüge haben sie und was leisteten sie, um Hürden aller Art zu überwinden? Letztlich zeigt sich: Einen Königsweg gibt es nicht. Manche Innovationen beruhen auf der Hartnäckigkeit von visionären Vor- und Querdenkern, andere auf konsequenter Beachtung von Meilensteinen, Analysen und kontinuierlichen Prozessverbesserungen, wieder andere auf der frühzeitigen Einbindung von Kunden – vor allem in den Regionen vor Ort – oder Kooperationen mit externen Partnern. Allen gemeinsam ist jedoch die Freiheit zum eigenständigen Denken sowie eine Kultur, die Fehler zulässt und die Kreativität der eigenen Mitarbeiter fördert. Und die vor allem eines tut: die Ideen nicht um ihrer selbst willen hervorbringt, sondern immer danach fragt, was dem Kunden nützt.