Editorial
Plädoyer für eine neue Spezies
Hermann Requardt
Prof. Dr. Hermann Requardt ist Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG und Leiter von Corporate Technology
Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal". Sätze wie dieser sind heute Allgemeingut – ob in Talkshow-Runden oder den Leitartikeln der Zeitungen. Doch falsch sind sie deshalb noch lange nicht. In der Tat entzündet sich der globale Wettbewerb zunehmend an rauchenden Köpfen statt an rauchenden Schornsteinen.
Neu ist diese Erkenntnis allerdings nicht: Vor über 20 Jahren hat schon der damalige Forschungschef von Siemens, Karl Heinz Beckurts, Innovationsstärke als Schlüssel zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit ausgemacht, als er feststellte, "dass wir die Hälfte aller Produkte, die wir in fünf Jahren verkaufen wollen, erst entwickeln müssen". Heute, wo dieser Prozentsatz noch weit höher ist, stellt sich umso drängender die Frage: Wie verwandelt man die rauchenden Köpfe in feurige Innovatoren?
Ein solcher Innovator – und gleichermaßen die Innovatorin – denkt, anders als ein traditioneller Forscher und Entwickler, ganzheitlich, interdisziplinär, weltoffen und marktorientiert. Nicht so sehr das detailverliebte Fach- oder Prozesswissen zeichnen ihn aus, sondern der klare Blick auf das zu lösende Problem: Wie kann ich eine Sache besser machen? Und was muss ich tun, um selbst besser zu werden?
In Firmen mit ausgeprägter Innovationskultur wird quer gedacht, unkonventionell und kritisch im Umgang mit Traditionen. Kompetenz, Teamfähigkeit und problemlösendes Denken sind die herausragenden Tugenden. Und es gilt "1 % Inspiration, 99 % Transpiration" – ein Lieblingszitat meines Vorgängers Claus Weyrich. Fehler sind erlaubt und gewollt, aber bitte nicht wiederholt. Risikobereitschaft und Mut zum Flop gehören ebenso dazu wie die Fähigkeit, folgenschwere Fehleinschätzungen zu korrigieren. Der Innovator ist ein bekennender Unternehmer seiner eigenen Ideen und handelt auch so.
Mehr als ein Dutzend Beispiele dieser besonderen Spezies Mensch stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe von Pictures of the Future vor – sie haben, etwa mit der Piezotechnologie, der Halogen-Beleuchtung, der Industrieautomatisierung oder mit intuitiven Bedienoberflächen ganze Branchen revolutioniert, neue Fabrikationsprozesse eingeführt, neue Märkte erschlossen und nicht selten Milliardenumsätze generiert.
Bahnbrechende Innovationen gedeihen vor allem dort, wo sich Welten treffen: Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, Großindustrie und deren Kunden aus unterschiedlichsten Branchen. Der Blick über den Horizont und Anregungen aus anderen Disziplinen sind häufig Kondensationskeime für Neuerungen. Es braucht also – ganz im Sinne von Sir Karl Popper – die vernetzten Strukturen einer offenen Gesellschaft.
Die Besten finden – die Besten für sich gewinnen. Das ist die Zauberformel für Unternehmen, die in der Weltliga der Innovationen mitspielen wollen. Dafür muss auch die Firma etwas bieten: leistungsgerechte Bezahlung, internationale Netzwerke und Karrieremöglichkeiten, sei es im Management oder auf Expertenebene. Die Spezies des Innovators ist eine sensible Kreatur, die ihren Marktwert kennt und gerne Tacheles redet. Chef und Personalreferent müssen umdenken: Der Innovator will nicht verwaltet werden, sondern mischt sich ein. Konstruktiv, wohlgemerkt.
Ob Internet, Automatisierung, Bio- oder Medizintechnik, überall, wo sich ganze Branchen massiv verändern, ist die Handschrift der neuen Innovatoren erkennbar. Unorthodoxe Geister setzen sich über etablierte Paradigmen hinweg und schaffen neue Produkte, Prozesse, Geschäftsmodelle oder Dienstleistungen – oder zwingen die Etablierten zu neuen Ansätzen. Neue Technologien entstehen, die ihrerseits wieder neue Blickwinkel öffnen.
80 % aller jemals existierenden Wissenschaftler und vermutlich 95 % aller Innovatoren leben heute auf unserem Planeten. Sie finden eine faszinierende Palette von Betätigungsmöglichkeiten und Forschungsgebieten. Mitmachen lohnt sich und macht Spaß; wer außen vor bleibt, verpasst eine Riesenchance. Für uns alle.