Intelligente Vernetzung – T-Com-Haus
Wunderland des Wohnens
Die Zukunft des Wohnens hat schon begonnen. Zumindest in Berlin, im T-Com-Haus am Potsdamer Platz. Dort sorgt ausgefeilte Siemens-Technik für ein Wohngefühl à la "Star Trek".
Das Haus der Zukunft wirkt von außen wenig futuristisch. Und zwischen den glitzernden Glasfassaden der Berliner Büro- und Einkaufsadressen obendrein deplaziert: Ein konservatives Einfamilienhaus, eingerahmt von akkurat gestutztem Rasen, passt nun mal eher in einen Vorort als in das moderne Herz einer Weltstadt. Doch nur auf den ersten Blick.
"Die Zukunft steckt hinter den Kulissen", sagt Falk Rämisch vom Siemens Smart-Home-Team. "Fast alle Geräte, vom Fernseher bis zur Waschmaschine, sind vernetzt und können miteinander kommunizieren." Ein vergleichbar vernetztes Haus, schwärmt Rämisch, gebe es bislang nirgendwo auf der Welt. Im März 2005 hat Siemens zusammen mit dem Betreiber, der Deutschen Telekom, sowie dem Fertighausfabrikanten WeberHaus und der Firma Neckermann das T-Com-Haus eingeweiht. Seitdem können sich Interessenten für einen Aufenthalt im Smart Home bewerben und mit etwas Losglück ein Wochenende lang die Technik ausprobieren. Im Frühjahr 2006 schließt das T-Com-Haus seine Pforten wieder, danach wird die 240 m&2sup; große Hightech-Spielwiese abgebaut. "Bis dahin wollen wir demonstrieren, was in einem vernetzten Heim alles möglich ist", sagt der Siemens-Experte. "Also fühlen Sie sich einfach wie zu Hause."
Das fällt im T-Com-Haus nicht schwer – die Einrichtung ist modern, aber nicht außergewöhnlich. Einzig die neun großen Plasma-Bildschirme an den Wänden vermitteln einen Hauch Science-fiction. Die Zukunft des Wohnens erlebt der Bewohner erst, wenn er selbst aktiv wird – wie Smart-Home-Testerin Siluad Hammad, die vergeblich die TV-Fernbedienung sucht. "Der Fernseher lässt sich über WLAN mit diesem PDA regulieren", erklärt Rämisch und gibt der Testerin ein kleines Mobilgerät. "Damit knipsen Sie auch das Licht an, kontrollieren die Hausgeräte, die Jalousien, Klima- und Alarmsysteme sowie die Türanlage. Alternativ können Sie auch das Gigaset-Schnurlostelefon von Siemens verwenden." Siluad fährt mit dem Stift übers Display. Wie von Geisterhand dimmt sich die Beleuchtung, gleichzeitig fährt der Rolladen herunter. Ein weiteres Tippen und der Plasma-TV schaltet sich ein. Nun hat sie die Qual der Wahl – neben den üblichen TV-Programmen kann sie über das Siemens Surpass Home Entertainment System auf ein fast unerschöpfliches Angebot an Filmen und Musik im Internet zugreifen, Videotelefonate über den Fernseher führen oder sich mit Online-Spielen vergnügen.
"Und stellen Sie sich vor, Sie haben nebenbei die Waschmaschine laufen", sagt Rämisch. "Normalerweise müssten Sie nun aufstehen, um zu überprüfen, ob die Wäsche fertig ist. Hier erledigt das Ihr digitaler Butler." Siluad blickt auf den PDA und berührt kurz das Haushaltsgeräte-Symbol: "Waschmaschine ist in zehn Minuten fertig" meldet das Display. "Ebenso können Sie checken, ob die Eisfachtür offen steht", ergänzt der Siemens-Experte. Künftig könnte der Nutzer so etwas sogar außer Haus erledigen – dazu benötigt er nur seinen PDA, einen WLAN-Hot-Spot und ein Passwort, über das er sich ins Smart-Home-Netz einloggen kann. "Damit wäre die alte Urlaubsfrage beantwortet, ob man die Haustür offen oder den Herd angelassen hat", meint Rämisch.
Komfortabler wohnen im Smart Home: Mit einem PDA hat die Bewohnerin alles im Griff – die elektronische Zeitung in der Küche ebenso wie die Steuerung der Waschmaschine (Bilder oben). Für Sauberkeit sorgt ein Roboter, für die richtige Stimmung der Würfel des "Mood-Managers". Am Family Whiteboard (unten) können Besucher Videobotschaften hinterlassen
Auch um die richtige Stimmung müssen sich die Hightech-Heim-Bewohner nicht selbst kümmern. Dafür sorgt der "Mood-Manager" – ein kleiner Würfel mit verschiedenfarbigen Seiten: Grün soll etwa Meditationsstimmung verbreiten, gelb zum Arbeiten motivieren. Siluad dreht die rote Seite nach oben, daraufhin arrangiert der Stimmungsmacher Party-Atmosphäre: Auf dem Plasma-TV tanzen bunte Animationsbilder und aus den Lautsprechern ertönt dazu passende Musik. Beleuchtung und Jalousien passen sich dem Spektakel automatisch an. "Im Würfel sind RFID-Tags verborgen, die seine aktuelle Lage angeben", erklärt Rämisch. "Die Information wird an den Zentralrechner übertragen und von dort ins hauseigene Ethernet geschickt. Jedes Gerät, das mit diesem Signal etwas anzufangen weiß, reagiert entsprechend."
Das süße Leben im Smart Home kann träge machen – wer fürchtet, dass unter dem technischen Komfort die Fitness zu kurz kommt, nutzt das Laufband im ersten Stock. Auf dem Weg dorthin stolpert Siluad fast über einen kleinen Roboter. "Das ist der Siemens SensorCruiser, ein automatischer Staubsauger", stellt Rämisch vor. "Normalerweise weicht er allen Hindernissen aus." Unermüdlich saugend umfährt der Putzassistent die beiden und verschwindet im Nebenzimmer. Siluads Batterie ist dagegen schon nach 40 Minuten zu Ende: Ihre Jogging-Runde hat sie quer durch Berlin geführt – ohne dass sie dazu das Band verlassen musste: Davor hängt ein Plasma-TV, der eine virtuelle Fitnesstour durch die Hauptstadt präsentiert. Die Bilder bewegen sich genau im Lauftempo und bleiben am Ende mit ihr stehen. "Leider ist das Band nicht mit der Waage im Badezimmer vernetzt", scherzt Siluad. "Noch nicht", lacht Rämisch.
Kaufen kann man das T-Com-Haus mit seiner Vernetzungstechnik nicht – es ist noch ein Labor, in dem die Probebewohner zusammen mit den Betreibern das Haus auf Alltagstauglichkeit und Benutzerfreundlichkeit testen. Eine erste Smart-Home-Plattform will Siemens ab Mitte 2006 für Netzbetreiber vermarkten, später sollen Lösungen für Bauträger folgen. Die Endgeräte und Anwendungen, die Siemens und andere Firmen im T-Com-Haus zeigen, sind dagegen schon heute auf dem Markt erhältlich. Neu ist die komplette Vernetzung: Herzstück des Smart Home ist die so genannte Home Automation Platform (HAP). Sie dient als zentrale Kommunikationsschnittstelle – mit ihr sind über Ethernet fast alle Hausautomations- und Haushaltsgeräte verbunden. Damit nun etwa die Küchengeräte über HAP kommunizieren können, müssen sie sich erst einmal verstehen. "Deshalb haben wir die Geräte mit UPnP-Schnittstellen ausgestattet. Das verleiht allen Komponenten eine gemeinsame Sprache", sagt Klaus Jürgen Schmitt von Siemens Corporate Technology (CT). "Über diesen Universal-Plug-and-Play-Standard lassen sich alle Geräte einheitlich ansprechen" (siehe Pictures of the Future, Herbst 2004, Effizienz-Revolution). Im Smart-Home-Alltag sieht das etwa so aus: Hat der Nutzer versehentlich die Kühlschranktür offen gelassen, sendet der Kühlschrank ein Signal als so genanntes UPnP-Event an die HAP. Diese übermittelt die Information über WLAN an die PDAs der Nutzer – schließen müssen sie die Tür jedoch noch selbst. Künftig soll das Leben im Smart Home noch einfacher werden: "Der nächste Schritt", sagt Markus Wischy von CT, "ist eine universelle Plattform für neue Dienste – etwa für personalisierte Informationen oder die Telemedizin."
Auch ein Tag im T-Com-Haus neigt sich dem Ende zu. Bevor Siluad ins Taxi steigt und die Zukunft des Wohnens wieder mit der Gegenwart vertauscht, überprüft sie noch, ob Nachrichten für sie hinterlassen wurden. Dazu wendet sie sich an das Familiy White Board, eine Art interaktive Pinnwand im Eingangsbereich. Dort können die Bewohner Videobotschaften hinterlegen oder selbst Nachrichten entgegennehmen. Siluad identifiziert sich über eine kleine RFID-Karte und steuert mit den Fingerspitzen über den Touchscreen: "Keine e-Mails, SMS oder MMS eingetroffen", meldet das System. Dafür unterbricht ein Läuten die Stille im Hightech-Heim. Die Kamera neben dem Hauseingang überträgt das Bild eines Mannes – der Taxifahrer. Ein kurzes Tippen auf den Schirm und die Tür öffnet sich. "Scottie, beam mich auf die Erde zurück", sagt die Smart Home-Testerin lächelnd zum Fahrer und steigt ins Auto.
Florian Martini