Intelligente Vernetzung – IT im ewigen Eis
High-Speed-Internet für die Inuit
Grönland bekommt bis Ende 2005 schnelles Internet und Mobilfunk. Bei oft widrigstem Wetter brachten Techniker von Siemens und Tele Greenland die Geräte per Schiff oder Helikopter in die Fjorde.
Mit der Welt verbunden: Modernste Funktechnik hilft den Menschen auch in abgelegensten Gebieten Grönlands, ihren Alltag besser zu meistern
Raues Klima, kein Straßennetz, kaum Autos, stattdessen Schiffe und Hubschrauber als Transportmittel: Das ist Grönland. Fast 85 % der weltgrößten Insel sind mit einer Kilometer dicken Eiskappe bedeckt. Nur die Küsten im Westen, Süden und teils im Osten sind dünn besiedelt und im Sommer eisfrei.
Mehr als anderswo sind die 57 000 Bewohner, fast nur Inuit, daher auf ein leistungsfähiges Kommunikationsnetz angewiesen. Es gibt jedoch kaum Kupferkabel unter der Erde, die die Orte verbinden. Anfang der 90er Jahre wurde eine 1 500 km lange Richtfunkstrecke zwischen der zentral gelegenen Stadt Uummannaq über die Hauptstadt Nuuk bis Nanortalik im Süden errichtet. Alle 70 km stehen Masten mit Parabolschüsseln. Zudem versorgt der Satellit Intelsat die Knotenpunkte Aasiaat und Qaqortoq und das zentrale Netz von Tele Greenland in Nuuk mit Übertragungsraten von 32 Mbit/s in Empfangs- und 10 Mbit/s in Senderichtung, die sich alle gleichzeitigen Nutzer teilen.
Über den Satelliten läuft auch der Mobilfunk, den es bis vor kurzem nur in 16 Orten gab. Außerdem konnten die Bewohner über Modem und ein von der Richtfunk-Basisstation zu den Häusern reichendes Kupferkabel mit 56 kBit/s online gehen. "Das ist aber viel zu langsam, um einen neuen Traktor zu bestellen und vorher übers Internet Preis- und Qualitätsvergleiche anzustellen oder Online-Unterricht in entlegene Dörfer zu bringen", klagt Ellen K. Frederiksen. Die 45-jährige Direktorin der Schule von Qassiarsuk, einem Dorf im Süden mit 110 Einwohnern und 16 Schülern, wartet sehnlich auf schnelleres Internet. Es geht um e-Mail und Chatten, aber vor allem auch um bessere Bildungs- und Berufschancen, ärztliche Versorgung via Telemedizin, e-Business und schlichtweg um Sicherheit per Handy beim Fischen. Garnelen, Dorsch und Heilbutt sind Grönlands einzige Exportartikel.
Die Techniker von Siemens und Tele Greenland brachten während des kurzen Sommers 2005 per Schiff tonnenschweres Equipment in 46 entlegene Siedlungen – bei jedem Wetter. An Bord waren auch ein Kran und ein geländegängiges Fahrzeug, das Steigungen bis 45 ° bewältigt. Damit wurden das ADSL-Equipment sowie die GSM-Basisstationen in gut isolierte Containerhäuschen gebracht, in denen bisher nur ein Bett, ein Tisch und eine Küche für Wartungstechniker waren. Dazu kamen Aggregate, die den Wärmeaustausch regeln, um bei Temperaturen zwischen -20 °C und +20 °C die Technik vor Kälte sowie Überhitzung zu schützen. Und es wurden die GSM-Antennen an die Richtfunk-Masten montiert. "Jetzt haben alle Dörfer ab 70 Einwohnern GSM-Empfang und GPRS für Datendienste und alle Grönländer ab Dezember 2005 eine schnelle Internetleitung mit bis zu 512 kBit/s", sagt Frank Gabriel, Technikchef bei Tele Greenland. Er hat die gesamte Ausrüstung bei Siemens in Dänemark bestellt. Für den 43-jährigen Dänen war klar, dass nur das neue Übertragungsverfahren ADSL2+ infrage kam, das Datenraten bis 25 Mbit/s und eine größere Reichweite bietet. Vorerst kann Gabriel seinen Kunden wegen der auf 2 Mbit/s begrenzten Kapazität der Richtfunkstrecke nur 512 kBit/s in Empfangs- und 256 kBit/s in Senderichtung bieten. Wird die Richtfunkstrecke 2006 weiter ausgebaut, will der Technikchef dann mit ADSL2+ auch Fernsehen, schnelles Internet und Telefonie aus einer Hand anbieten. Entscheidend für ihn war jedoch der Preis: "Das Equipment ist günstiger als die handelsübliche DSL-Ausrüstung und verbraucht weniger Strom".
Ohne Richtfunkstrecke müssen der Norden und Osten Grönlands auskommen. Um die teure Satellitenkapazität möglichst gut auszunutzen, lieferte Siemens Basisstationen, die mit je 2,7 kg die kleinsten der Welt sind. Sie laufen auf Internetbasis und können je sieben Gespräche simultan abwickeln. Nur die Signalisierung der Gespräche läuft noch über den Satelliten. Basis ist eine besondere Vermittlungstechnik, Local Switching genannt. "Dadurch lassen sich Gespräche von Handy zu Handy direkt übergeben, ohne Umweg zum Satellit", sagt Bjarne Roed, Leiter des Bereichs Communications bei Siemens Dänemark. So werde auch die störende Sprachverzögerung ausgeschaltet, die beim Satellitengespräch auftritt. Ein weiterer Vorteil für die Inuit im dünn besiedelten Norden: Ihre Mobilfunkgespräche werden billiger.
Nikola Wohllaib