Intelligente Vernetzung – Experten-Interview
"Vernetzung bietet den entscheidenden Mehrwert"
Interview mit Friedemann Mattern
Friedemann Mattern (50) ist Professor an der ETH Zürich und leitet dort das Fachgebiet Verteilte Systeme. Der Informatiker entwickelt Visionen für eine Zukunft, in der alle Dinge miteinander vernetzt sind
In Ihrem neuen Buch "Das Internet der Dinge" beschreiben Sie eine Welt, in der fast jeder Gegenstand intelligent und mit anderen Gegenständen vernetzt ist. Was macht Sie so sicher, dass diese Vision Realität wird?
Mattern: Ganz einfach, weil es technisch geht! Bei den großen Technologietrends – Mikroelektronik, drahtlose Kommunikation, Sensortechnik, neue Materialien – ist kein Ende des Fortschritts absehbar. Wenn diese Technologien verschmelzen, führt das fast automatisch zu Smart Objects. Diese nehmen ihre Umwelt wahr, verarbeiten Daten und kommunizieren mit anderen Objekten – die Informatisierung unserer Welt wird rapide zunehmen. Das wird uns wie unsichtbare Magie vorkommen, von Intelligenz würde ich dennoch nicht sprechen. Dazu fehlt den Objekten das Weltwissen und die Fähigkeit zur Interpretation, wie wir Menschen sie haben – und das wird wohl auch die nächsten 20 Jahre so bleiben.
Das klingt so, als wären alle technischen Probleme lösbar. Oder sehen Sie irgendwo Hindernisse?
Mattern: Wenn es um die reine Technik geht, bin ich tatsächlich optimistisch – mit einer Ausnahme: Bei der Lösung des Energieproblems, also geringer Stromverbrauch und lange Batterielaufzeit, kommt man nicht so schnell voran, wie ich mir das wünsche. Wenn man etwa winzige autonome Sensoren aus dem Flugzeug abwerfen will, um die Umwelt zu beobachten, können wir hinterher kaum deren Batterien wechseln. Ungeklärt ist auch, wie die Infrastruktur aussehen wird, etwa welche Funkstandards geeignet sind. Man wird versuchen, Sensoren über Ad-hoc-Netze wie Bluetooth zu verbinden, zum Beispiel einen Rasensprinkler mit einem Sensor, der die Feuchtigkeit im Boden misst. Ein schlauer Sprinkler wird jedoch, um Wasser zu sparen, noch den Wetterbericht aus dem Internet holen müssen. Dafür muss er aber ein Netz benutzen, das Geld kostet.
Auch ist nicht alles, was technisch machbar ist, auch wirklich nützlich...
Mattern: Das stimmt! Bisher hat niemand intelligente und vernetzte Gegenstände vermisst, wir können ohne sie leben. Andererseits beginnen wir uns daran zu gewöhnen, dass wir das Auto mit einem drahtlosen Chip im Schlüsselanhänger aufschließen und starten können. Unser Streben nach Sicherheit, Status, Komfort und Unterhaltung führt dazu, dass sich viele solcher Anwendungen durchsetzen werden.
Beim Surfen im Internet entscheidet man selbst, ob man vernetzt sein will oder nicht. In einer Welt intelligenter Objekte agieren diese unbemerkt. Werden die Nutzer das akzeptieren?
Mattern: Tatsächlich verwischt das Internet der Dinge die Grenzen zwischen online und offline. Es wird Bereiche geben, wo die Akzeptanz kritisch ist. Das sind vor allem solche Anwendungen, wo man Gegenstände – und deren Besitzer – lokalisieren und verfolgen kann. Das ist toll, wenn man seinen Schlüssel verloren hat, aber weniger gut, wenn der Ehepartner damit etwaigen Seitensprüngen auf die Schliche kommt oder der Staat die Bürger überwachen will.
Werden wir uns auf intelligente Gegenstände blind verlassen können?
Mattern: Wenn Dinge schlauer und autonomer werden, verhalten sie sich nicht immer so, wie wir das erwarten – das ist normal. Mit zunehmender Vernetzung könnten sich jedoch Fehler sogar weltweit auswirken. Manche Leute fordern daher, dass die "Intelligenz" von Gegenständen abschaltbar sein sollte – so wie man in manchen Autos ESP abschalten kann. Das ist aber leichter gesagt als getan und in einer stark vernetzten Welt, wo alles voneinander abhängt, nicht immer möglich oder sinnvoll. Denn gerade die Vernetzung bietet den entscheidenden Mehrwert – so wie ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Körperzellen. Durch eine Gestaltung, die Fehler toleriert, und ein behutsames Einführen intelligenter Systeme müssen wir dafür sorgen, dass Ausnahmesituationen beherrschbar bleiben. Grundsätzlich sollte unsere Umwelt immer noch ohne Hilfe intelligenter Objekte funktionieren.
Ob sich das Internet der Dinge durchsetzt, hängt auch davon ab, ob man damit Geld verdienen kann. Zeichnen sich schon Geschäftsmodelle ab?
Mattern: In Kooperation mit der Universität St. Gallen arbeiten wir mit einigen großen Firmen daran, solche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei interessiert uns nicht nur die technische Umsetzung, sondern auch Fragen der Sicherheit und Privatsphäre. Ein Trend wird sicher "Pay per Use" sein. Statt eine Pauschale zu verlangen, könnten künftig Nutzungsgebühren erhoben werden, wie wir das vom Telefonieren kennen. Ein Beispiel: Wenn ein Auto meldet, wie viele Kilometer und wie schnell es gefahren wird und wo es nachts abgestellt wird, kann die Versicherung Haftpflicht und Kasko individuell berechnen. Das kann sich für viele Kunden lohnen. Allerdings herrscht momentan eher eine Flatrate-Mentalität, nicht nur beim Internet, auch im Urlaub wird oft "all inclusive" gebucht. Welche Geschäftsmodelle mit smarten Objekten sich durchsetzen werden, darauf bin ich selbst sehr gespannt!
Das Interview führte Bernd Müller