Intelligente Vernetzung – Home Entertainment
Interaktiv fernsehen via Internet
Produkte der amerikanischen Software-Hersteller Myrio und Verimatrix verwandeln den Fernseher in eine Unterhaltungs- und Kommunikationszentrale, die aus dem Internet versorgt wird. Siemens ist an beiden Firmen beteiligt – Myrio wurde Anfang 2005 von Siemens ganz übernommen.
Was beim PC schon lange üblich ist, wird nun auch für den Fernseher möglich. Internet-Netzbetreiber können schnelle Breitbandverbindungen wie DSL dafür nutzen, TV-Geräte mit einem direkten Rückkanal zum Sender zu versehen und eine Vielzahl von Dienstleistungen anzubieten: Audio, Video- und Spiele-on-Demand sowie Internet- und Kommunikationsdienste wie E-Mail, Videotelefonie, SMS und MMS.
Siemens als Marktführer bietet mit dem Surpass-Home-Entertainment-System bereits ein komplettes Internet-TV-Paket an. Wesentliche Bausteine daraus kommen von den beiden US-Firmen Myrio und Verimatrix. Myrio mit 75 Mitarbeitern und Sitz in Seattle liefert die Software für die nötigen Set-top-Boxen sowie die passende Steuerungs-Infrastruktur für die Anbieter. Ein Modul bietet dem Nutzer etwa digitales Fernsehen mit Pause- und Aufzeichnungs-Funktion, Video-on-Demand mit Pay-per-View, digitale Musikübertragung, Internet-Zugang für den Fernseher und eine Kindersicherung. Die Anbieter wiederum können damit ihre Abonnenten verwalten, Gebühren abrechnen und die Inhalte managen. "Drei Jahre lang haben wir das neue Marktsegment Home Entertainment analysiert", sagt Gerd Goette, Investment Partner bei Siemens Venture Capital (SVC), die Myrio im Jahr 2003 Risikokapital zur Verfügung stellten. "Dabei haben wir schnell gemerkt, dass Myrio mit dieser Komplettlösung einzigartig aufgestellt ist." Außerdem hatte die Firma schon bei über 65 Kunden weltweit ihre Leistungsfähigkeit bewiesen. "Daher", so Goette, "hat Siemens im Frühjahr 2005 Myrio in den Konzern übernommen."
Digitale Wasserzeichen. Doch die Kehrseite bei digitalen Filmen ist, dass sie ähnlich MP3-Dateien ohne Qualitätsverlust kopiert, bearbeitet und illegal verbreitet werden können. "Internet-TV kann nur erfolgreich sein, wenn es interessante Inhalte gibt. Dafür müssen aber die Urheberrechte der Filmstudios geschützt werden können", sagt Steve Oetegenn, Vertriebschef von Verimatrix Inc., einem Hersteller für Sicherheits-Software in San Diego.
Die Verimatrix-Lösung verschlüsselt die digitalen Videosignale zwischen Settop-Box und Videoserver des Anbieters. Die Settop-Box und auch alle anderen Komponenten des Übertragungsnetzwerks fordern nach einer Identifizierung den Schlüssel beim Videoserver an und dekodieren damit die Daten. Da im Laufe eines Films die Schlüssel mehrere tausend Mal geändert werden, kann sofort festgestellt werden, wenn sich ein Unberechtigter in die Übertragung einklinken sollte.
Als einziger Software-Anbieter versieht Verimatrix die Daten zudem mit mehreren digitalen Wasserzeichen. Das sind kleine, in die Filme eingefügte Datenpakete, die die Identifizierung von Ausgangsserver, Knotenpunkten und Empfänger ermöglichen. Damit kann die vollständige "Geschichte" der Mediendatei nachvollzogen werden. Die Verimatrix-Server überprüfen im Internet kursierende Mediendateien auf diese Wasserzeichen und identifizieren so Raubkopien und deren Urheber. Die unsichtbaren Wasserzeichen lassen sich nicht von den Videoinhalten trennen und können daher nicht aus der digitalen Datei entfernt werden.
Verimatrix kooperiert eng mit Myrio. "Unsere Zusammenarbeit mit Verimatrix hat sich weltweit als sehr erfolgreich herausgestellt, und wir sind sehr froh, dass wir jetzt mit einer kompletten Sicherheitslösung unser Angebot erweitern können", sagt Ryan Petty, Vizepräsident Produktmanagement bei Myrio. Im Januar 2005 hat SVC auch in Verimatrix investiert und damit sein Portfolio für Home-Entertainment-Lösungen vervollständigt.
Drei große Telekommunikationsfirmen setzen die Technik von Myrio und Verimatrix bereits ein oder planen es: die belgische Belgacom, die holländische KPN und ADC aus Thailand. Belgacom begann seine Tests im Herbst 2004 mit etwa tausend Teilnehmern in drei Städten, seit Mitte 2005 läuft das Internet-TV im ganzen Land (siehe In aller Kürze). Belgacom glaubt, bald eine Million Kunden gewinnen zu können. Auch Goette ist optimistisch: "Das Geschäft entwickelt sich weit positiver als erwartet. Mit Myrio und Verimatrix haben wir die idealen Partner für ein weiteres schnelles Wachstum in diesem jungen Markt."
Bernhard Gerl
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