Intelligente Vernetzung – Fakten und Prognosen
Vernetzung im Verkehr boomt
Der durchschnittliche deutsche Autofahrer steht nach Berechnungen des Automobilclubs ADAC im Jahr etwa 65 Stunden im Stau. Das entspricht pro Tag einem Mehrverbrauch von fast 40 Millionen Liter Kraftstoff – allein in Deutschland. Insgesamt entsteht durch Staus ein volkswirtschaftlicher Schaden in Höhe von 100 bis 200 Mrd. €. Darüber hinaus ereignen sich in Europa nach EU-Angaben jährlich 1,4 Millionen Verkehrsunfälle mit 1,8 Millionen Verletzten und 50 000 Toten.
Lösungen der Verkehrstelematik können diese Schäden verringern, indem sie etwa helfen, Staus zu verhindern und Parkplätze zu finden: "Effiziente Leitsysteme in Städten vermeiden heute bereits 10 % Verkehr und verringern die Luftverschmutzung um bis zu 15 %", sagt Prof. Edward G. Krubasik, Siemens-Vorstand und Präsident des Zentralverbands der deutschen Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Auf Autobahnen könnte die Kapazität durch Telematik-Systeme etwa um 10 % erhöht werden.
Auch das Interesse der Autofahrer an telematischen Anwendungen wächst: Nach einer repräsentativen Studie von Frost & Sullivan (F&S) sind 88 % der europäischen Autobesitzer an Lösungen wie Notrufsystemen und Navigationshilfen interessiert. Lkw-Besitzern geht es darüber hinaus vor allem um Fahrzeugmanagementsysteme, die das Verhalten von Fahrer und Fahrzeug registrieren und Fuhrparkbetreiber mit wichtigen Daten zur logistischen Planung und technischen Überwachung versorgen.
In Europa waren im Jahr 2004 bereits 4,2 Millionen Autos mit Telematik- und Infotainmentsystemen ausgestattet – 35 % des Markts waren Navigationssysteme. Bis 2010 dürften nach der F&S-Studie über 14 Millionen Autos solche Systeme besitzen. Dann werden etwa GPS-Systeme in Premium-Fahrzeugen zur Standardausstattung gehören und auch in 80 % der kleineren Neuwagen eingebaut sein. Das europäische Marktvolumen für Telematik- und Infotainmentsysteme wird nach F&S von gut 3,7 Mrd. € in 2005 auf 5,8 Mrd. € in 2010 ansteigen.
Markt für Telematik- und Infotainment-Systeme wächst rapide
Zu diesem Marktwachstum werden vor allem Sicherheits- sowie integrierte Systeme beitragen. Erstere bieten Hilfe bei Notfällen oder ermöglichen eine Verfolgung bei Diebstahl. Integrierte Systeme kombinieren Infotainment-Eigenschaften wie Navigation, Entertainment oder digitales Radio mit Systemen wie Parkhilfe, Notrufanlage oder Fahrzeug-Ferndiagnose (siehe Remote Services – Fakten und Prognosen in Pictures of the Future, Frühjahr 2005). Besaßen 2004 erst 1,1 Millionen Autos integrierte Systeme, werden dies 2010 etwa 6,6 Millionen sein, so die F&S-Prognose.
Integrierte Systeme werden dann einen Marktanteil von 38,6 % haben. Die Marktforscher begründen ihre Prognose mit dem zunehmenden Wunsch der Autofahrer nach mehr Komfort, Sicherheit und Unterhaltung. Außerdem sind integrierte Systeme so flexibel, dass sie von den Autoherstellern kundenspezifisch an jedes Fahrzeugsegment angepasst werden können – je nach Luxus-Anspruch der Endkunden.
Manche Automobilhersteller wollen Telematiklösungen in Zukunft preiswerter anbieten. So arbeitet Fiat mit Microsoft an einer standardisierten Einsteiger-Telematik-Lösung für den Massenmarkt, die 2006 erhältlich sein soll. Einen weiteren Schub wird die Telematik durch die Einführung von Mautsystemen erhalten – wie die Lkw-Maut in Deutschland oder das Europass-System in Österreich. Bis 2010 rechnen die F&S-Marktexperten in jedem europäischen Land mit einem Mautsystem.
Der gesamte Weltmarkt für Verkehrstelematik liegt nach ZVEI-Angaben heute bei etwa 25 Mrd. € – mit jährlichen Wachstumsraten von 6 bis 7 %. In Zukunft werden vor allem politische Vorgaben, staatliche Investitionen sowie Initiativen von Verbänden und Industrie den Markt massiv wachsen lassen. Bis 2010 will die EU beispielsweise die Kosten für den Wirtschaftsverkehr um 25 %, Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr um 15 % und die Zahl der Unfalltoten um 50 % reduzieren.
Erreichen lassen sich solch ehrgeizige Ziele vor allem auch mit Telematiklösungen: So sollen in Deutschland für den Ausbau moderner Anlagen zur Verkehrsbeeinflussung auf Autobahnen in den nächsten zwei Jahren 200 Mio. € zur Verfügung gestellt werden. Der ZVEI hat zudem 2002 eine Verkehrstelematik-Initiative ins Leben gerufen, die den Aufbau eines nutzerfreundlichen elektronischen Reiseinformationssystems zum Ziel hat. "Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sollen alle aktuellen Verkehrsinformationen für die Anreise zu den zwölf Stadien per Mausklick verfügbar sein", sagt ZVEI-Präsident Krubasik. "Wir wollen letztlich die zahlreichen Inseln von Verkehrsinformationen bündeln, ausbauen und zugänglich machen. Dazu bedarf es allerdings der verstärkten Kooperation zwischen öffentlicher Hand und Industrie."
Sylvia Trage