Intelligente Vernetzung – Europapark Rust
"Wow, damit will ich fahren!"
Der Europa-Park Rust ist eine Erfolgsstory. Siemens liefert die Automatisierung für alle Fahrgeschäfte und ermöglicht einen perfekten Ablauf bei höchster Sicherheit – seit 30 Jahren immer mit der neuesten Technik. Besonders fasziniert sind Kinder…
Action pur: Johlende Besucher in der Achterbahn (links), Piratenschiffe oder eine gigantische Wasserrutsche (oben rechts) – der Europa-Park Rust garantiert ein abwechslungsreiches Wochenende. Hinter den Kulissen werden alle Attraktionen von Siemens-Technik gesteuert (unten rechts) und vom Sicherheitsingenieur Walter Mitternacht überwacht (unten links)
Papa, du hast gelogen, der Europa-Park ist ja voll mini", kritisiert der sechsjährige Dominik. Gerade haben wir im Hotel in einem der weltgrößten Vergnügungsparks eingecheckt, und der Kleine stützt sein Urteil auf das Wenige, das er bislang gesehen hat – im Wesentlichen den Parkeingang und die Lobby. Zwei Tage und etliche Attraktionen später heißt es: "Papa, ich will noch nicht heim! Wir haben ja noch gar nicht alles gesehen." 2005 feiert der Europa-Park Rust bei Freiburg 30-jähriges Jubiläum. An der Erfolgsstory, die die Familie Mack seit 1975 schreibt, hat Siemens etliche Kapitel mitgeschrieben: Alle knapp 100 Fahrgeschäfte laufen mit Automatisierungs-, Schalt-, Steuerungs-, Antriebs- und Sicherheitstechnik des Unternehmens. Auch im Hotel Colosseo, einer spektakulären Kombination eines römischen Kolosseums mit italienischer Stadtarchitektur (siehe Kasten), ist die komplette elektrische Ausstattung von Siemens. "Wir verbinden Technik mit Emotionen", sagt Parkchef Roland Mack.
Von der Technik ist nicht viel zu sehen, als die vier Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren vor dem Frühstück aus dem Hotelfenster im achten Stock blicken. Vor Svenja (12), Lukas (9), Dominik (6) und Leonie (4) liegen die 70 ha des Parks, der bald voller Menschen sein wird. Pro Jahr kommen fast 3,8 Millionen Besucher. Auf Augenhöhe fährt die Wasserbahn Atlantica SuperSplash die morgendlichen Testläufe. Die Boote werden auf 32 m Höhe gezogen und rauschen dann in die Tiefe. "Wow!" entfährt es Svenja, "damit will ich fahren." Weiter hinten im Park rasen die Wagen des Silver Star über die größte und höchste Achterbahn Europas. Lukas schüttelt den Kopf: "Da kriegst du mich nicht rein!"
Blick hinter die Kulissen. Die Tour mit dem Sicherheitsingenieur Walter Mitternacht beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit des Parks, denn die unterirdische Bootstour durch die Zauberwelt der Piraten von Batavia gibt es schon seit 15 Jahren. Vorbei an der langen Warteschlange, eine schmale Treppe hinab, betreten wir den Bereich hinter den Kulissen. Mitternacht öffnet das Herz der Anlage, wo sämtliche Effekte mit höchster Präzision gesteuert werden: große Schränke, vollgestopft mit Kabeln, klickenden Relais und blinkenden Lichtern. "Das ist noch eine alte Steuerung", erklärt Reinhard Egner. Der frühere Siemens-Mitarbeiter ist Chef des Unternehmens SSG in Freiburg und enger Partner von Siemens. SSG baut die elektronischen Steuerungen der Fahrgeschäfte und setzt dafür immer die modernste Automatisierungstechnik ein.
Wenn die Fontäne zum Abschluss der abendlichen Wassershow in den Himmel schießt, spätestens dann glauben die Gäste, dass sie in Italien sind. Vom Innenhof fällt ihr Blick auf einen Nachbau des Kolosseums und das ovale Rund des Vier-Sterne-Hotels, das 2003 für 50 Mio. € errichtet wurde. Siemens hat die 1 450 Zimmer komplett mit elektrischer Installationstechnik ausgestattet. Energieversorgung und -verteilung, Kommunikation, Heizungs- und Klimasteuerung sowie Sicherheitstechnik – alles stammt von Siemens.
Die Stromverteilung wurde mit dem Planungstool Simaris design angepasst, hinter der Fassade steckt modernste Instabus-Technik mit 220 km Kabel, und die Gebäudesteuerung arbeitet mit dem Desigo-System, mit dem das Hotel vom Computer aus gesteuert werden kann – etwa die Spannung für die 4 500 Steckdosen. Hinzu kommen die Telefonanlage und die Medientechnik für alle neun Konferenzräume. Beteiligt waren die Bereiche Automation and Drives, Power Transmission and Distribution, Building Technologies und Communications.
"Und wo sind die Piraten?" fragt die kleine Leonie. Der Sicherheitschef öffnet amüsiert eine Metalltür, und plötzlich stehen wir dort, wo die Besucher in die Boote strömen. Mehr als 500 bewegliche Tier- und Menschenpuppen sind in der riesigen Halle kunstvoll angeordnet und beleuchtet. Wilde Kerle trinken aus Humpen, andere jagen Kaufleute aus ihren Läden, Gefangene wollen einem Affen die Schlüssel fürs Verließ entlocken. Viel zu schnell ist das Boot wieder zurück. "Fahren wir nochmal?" fragt Dominik. "Ich möchte euch was anderes zeigen", sagt Walter Mitternacht.
Schon von weitem hört man die Schreie. Eine Mischung aus Angst und Vergnügen. Direkt unter einem 73 m hohen Aufbau, in einem kleinen Raum, ist die Steuerung des Silver Star untergebracht, der 2002 in Betrieb ging. In einer Glaskabine sitzt der Betriebsführer und beobachtet an mehreren Monitoren den Ablauf. "Wir haben eigentlich drei Steuerungen", erklärt Reinhard Egner. "Eine Simatic S7 300 steuert, die zweite überwacht die erste, und die dritte, eine Simatic S7 200, steuert auch, aber mit einem anderen Programm, so dass ein Ausfall der Anlage praktisch ausgeschlossen ist." Derart ermutigt will Svenja eine Fahrt wagen. Walter Mitternacht empfiehlt, alle Taschen zu leeren. "Warum?", fragt Lukas. "Weil sonst alles rausfällt. Wir finden ständig Münzen, Schlüssel und sogar Handys."
Drei Minuten dauert die Fahrt. Hinter uns johlen einige, während der Wagen nach oben gezogen wird. Die Spitze naht, und dann stürzen wir mit 140 km/h in die Tiefe. Mit zusammengepresstem Mund, eingekrallt und vom Fahrtwind umtost, rasen wir auf die erste Kuppe zu – und heben ab. Alle 36 Personen im Wagen schweben für Sekundenbruchteile und werden nur von Sicherheitsbügeln am Davonfliegen gehindert. "Ich bin ein Astronaut!" schreit der Fotograf ausgelassen. Nach der Fahrt haben alle weiche Knie, sind sich aber einig, dass sie wieder einsteigen würden. "Das gehört zu unserer Philosophie", sagt Walter Mitternacht. "Technisch wären noch spektakulärere Achterbahnen machbar, dann sagen die Leute aber "Nie wieder!" statt "Nochmal!" Dass die Achterbahn höchsten Sicherheitsanforderungen genügt, versteht sich von selbst. Etwa 300 Sensoren sind an der 1 800 m langen Strecke angebracht. "Falls das System eine Unregelmäßigkeit feststellt, wird alles sofort unterbrochen", erklärt Mitternacht.
Wartung aus der Ferne. Die neueste Attraktion, die Wasserbahn Atlantica SuperSplash, liegt in einem 4 000 m² großen See, in den spritzend die Boote rauschen. Wieder erreichen wir den Leitstand über die Hintertür. Lukas darf per Knopfdruck ein paar Gefährte auf die Reise schicken. "Hier auf dem Display sehen wir exakt, wo sie sind", sagt Mitternacht. Jedes Boot wird durch einen gelben Balken repräsentiert. Zahlreiche Sensoren und eine ausgeklügelte Technik verhindern, dass sich in einem Abschnitt der Bahn zur selben Zeit zwei Boote befinden. Die Steuerung ist erstaunlich klein – nur ein handlicher Kasten, eine Simatic S7 300F. "Das ist der Fortschritt. Die Technik ist so ausgereift, dass heutige Vorschriften den Einsatz nur einer einzigen, fehlersicheren Steuerung erlauben", sagt SSG-Chef Egner. "Falls eine Störung auftritt, können die Leute hier unsere Experten per Modem zuschalten. Über Remote Services kann dann der diensthabende Techniker über sein Notebook Hilfestellung geben – selbst am Wochenende."
"Und jetzt zu den Rennautos!" Dominik zupft Walter Mitternacht am Ärmel und zieht ihn zur nächsten Attraktion, gefolgt vom Alpenexpress, einem Rafting und dem Autoscooter, wo sogar Leonie alleine fahren kann. Zum Abschied sagt Lukas zu Mitternacht: "Das ist cool, wenn man den Schlüssel für alle Karussels hat und immer durch die Hintertür in die erste Reihe kommt!" "Ja, das finde ich auch", lacht der Sicherheitschef, "aber manchmal wird’s selbst mir zu viel. Als wir vor drei Jahren den Silver Star eingeweiht haben, bin ich so oft gefahren, dass ich nachts davon geträumt habe."
Norbert Aschenbrenner
Interview mit Roland Mack
Der gelernte Maschinenbauingenieur Roland Mack (56) ist geschäftsführender Gesellschafter des Europa-Parks in Rust und einer der drei Gesellschafter des Familienunternehmens Mack Rides, einem der weltgrößten Hersteller von Fahrgeschäften
Die Anlagen und Bauten im Europa-Park sowie die Hotels haben eine auffallend hohe Wertigkeit und Qualität. Lohnen sich die Ausgaben?
Mack: Selbstverständlich! Wir verkaufen Emotionen. Wenn wir versuchen würden, dies billig zu machen, dann funktioniert es nicht. Der Erfolg gibt uns Recht: Von 100 Besuchern sind 78 schon mal da gewesen. Das ist bei 3,8 Millionen Gästen im Jahr eine sagenhafte Quote.
Sie haben 2004 ein neues Hotel eingeweiht, 2005 eine riesige Wasserachterbahn, was planen Sie noch?
Mack: Wir wollen mehr Kurzurlauber anlocken und dazu unser Angebot so erweitern, dass es praktisch gar nicht mehr reicht, nur einen Tag hier zu verbringen. Wir denken beispielsweise an ein Hotel mit einer Badelandschaft.
Was bringt Ihnen die enge Kooperation mit Siemens?
Mack: Diese besondere Partnerschaft tut beiden Seiten gut. Wir betreiben ja nicht nur den Park, sondern verkaufen auch weltweit mobile und fest installierte Fahrgeschäfte. Wenn wir den Namen Siemens erwähnen, wächst das Vertrauen unserer Kunden. Außerdem ist die Verfügbarkeit der Anlagen entscheidend. Wenn beim Oktoberfest in München eine Anlage einen Tag lang ausfällt, fehlen 150.000 Euro in der Kasse. Mit den Siemens-Komponenten erreichen wir eine sehr hohe Verfügbarkeit. Und auch Siemens hat ein ideales Schaufenster für seine Produkte, bei denen wir Technik mit Emotionen verbinden.
Was kann Siemens noch für den Europa-Park tun?
Mack: Wenn alle deutschen Siemens-Mitarbeiter mit ihren Familien kommen, steigt unser Umsatz um 10 % (lacht). Nein, im Ernst: Worüber wir nachdenken, ist etwa ein Besucherinformationssystem, damit sie zu Spitzenzeiten in weniger frequentierte Bereiche geleitet werden und Wartezeiten vermeiden können. Auch könnte eine vernetzte Technik helfen, Fehler noch schneller zu erkennen und Stillstände zu vermeiden. Je größer wir werden, umso mehr profitieren wir von einer systematischen und vorbeugenden Wartung – auch als Remote Services aus der Ferne (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2005, Remote Services, Anm. d. Red.).
Wenn Sie 20 Jahre in die Zukunft blicken, wie sieht dann der Park aus?
Mack: So ein Park muss sich kontinuierlich, aber nicht zu extrem entwickeln. Wir werden sicherlich deutlich mehr Hotelbetten haben und noch die eine oder andere spektakuläre Bahn bauen. Insgesamt müssen wir aber die Waage halten zwischen Neuem und Bewährtem. Damit die Besucher auf die Frage, was ihnen am Besten gefallen hat, in 20 Jahren dasselbe sagen wie heute: "Alles!"
Interview: Norbert Aschenbrenner