Gesundheit digital – Suzhou Municipal Hospital
Klinik für eine Million Patienten
Das Suzhou Municipal Hospital zeigt, dass sich Investitionen in moderne Technologien gerade für Krankenhäuser in China lohnen.
Doppelt so viele Patienten effizienter behandeln: Prof. Yu Kangmin (links unten), Han Wenguang und Prof. Xu Jianming (rechts unten) freuen sich über den Erfolg der Digitalisierung im Suzhou-Krankenhaus – unter anderem in der dortigen Kinderklinik (Bilder oben)
In der Eingangshalle des städtischen Krankenhauses in der südostchinesischen Stadt Suzhou geht es zu wie auf einem Bahnhof. Im Sekundentakt strömen Patienten durch die Drehtür. Vor den Schaltern warten lange Menschenschlangen, um Termine zu erfragen, Rechnungen zu bezahlen und Medikamente abzuholen. Weil die blauen Plastikschalensitze bis auf den letzten belegt sind, sitzen Patienten auch auf dem Boden. Eine Million Patienten kommt pro Jahr in die Ambulanzklinik des Suzhou Municipal Hospital (SMH). 28 000 werden stationär behandelt. Außerdem erblicken jedes Jahr 9 000 Kinder im SMH das Licht der Welt.
Große Zahlen, wie überall in China. Noch größer ist allerdings die anfallende Menge an Formularen, Rechnungen, Röntgenaufnahmen, Laborbefunden und Rezepten. "Allein unser Röntgen-Archiv füllt mehrere Räume", erklärt Chefradiologe Prof. Xu Jianming. "Sie können sich vorstellen, wie lange man suchen muss, um etwas Bestimmtes zu finden."
Wer große Probleme hat, braucht große Visionen. Deswegen hat sich das SMH als eine der ersten Kliniken in China auf den Weg in die digitale Zukunft gemacht. "Die Ressourcen chinesischer Kliniken sind sehr beschränkt," sagt Prof. Yu Kangmin, der das SMH über 20 Jahre geleitet hat. "Daher ist es umso wichtiger, dass wir durch moderne Technik Geld und Zeit sparen." 1,5 Mio. € investierte die Klinik, um den gesamten Bildverkehr zu digitalisieren. Herzstück ist das Bildarchivierungs- und Kommunikationssystem Sienet Sky von Siemens. Damit können sämtliche Bilder von Röntgen-, Computertomographie- und Magnetresonanzgeräten gespeichert, bearbeitet und auf allen Stationen zugänglich gemacht werden. Seit Juni 2004 ist das System voll in Betrieb. Es hat nicht nur die Arbeit der Ärzte erleichtert und die Wartezeiten für die Patienten verkürzt, sondern sich auch als gute Investition erwiesen.
Zwei Minuten statt vier Stunden. Die Einsparungen durch erhöhte Effizienz sind gewaltig. "Früher dauerte es vier Stunden, bis der Abzug eines Röntgenbilds dem Arzt zur Diagnose vorlag", sagt Radiologe Xu. "Heute sind es nur noch zwei Minuten." Die Anzahl der Untersuchungen ließ sich damit von 150 pro Tag auf 300 verdoppeln. Die Einnahmen der Radiologieabteilung haben sich sogar mehr als verdreifacht. Denn dank der besseren Technik und des schnelleren Services konnte die Klinik nach chinesischen Gebührenbestimmungen die Sätze anheben. Früher bekam sie pro Aufnahme umgerechnet 2,70 :€, heute 8 :€. Zusätzlich spart SMH Fotomaterial im Wert von 150 000 € pro Jahr. Denn intern werden Bilder nur noch digital archiviert; allerdings hat jeder Patient Anspruch auf einen Abzug.
Der finanzielle Erfolg könnte der Digitalisierung in China zum Durchbruch verhelfen, hofft Yu. 1999 installierte er am SMH für 300 000 € eines der ersten chinesischen Datenverarbeitungssysteme für Kliniken. Schon nach einem Jahr hatte er die Ausgaben wieder erwirtschaftet und finanziellen Spielraum für den Erwerb von Sienet gewonnen. "Sienet rechnet sich noch besser, als wir erwartet haben", freut sich Yu. "Es dauert nur zwei Jahre, bis sich unsere Investitionen amortisiert haben werden. Ab 2006 können wir die Profite dazu nutzen, unsere Technologie weiter zu verbessern." Obwohl Yu 2004 das Rentenalter erreichte, wird er die von ihm angestoßene Entwicklung weiter vorantreiben. Die Krankenhausleitung wollte auf den Digitalisierungsvisionär nicht verzichten und bat ihn, sich als Ehrenpräsident speziell um die technische Modernisierung zu kümmern.
Die Sienet-Implementierung erfolgte in zwei Phasen: Zwischen Dezember 2002 und August 2003 wurden die Radiologieabteilung vernetzt und bis Juni 2004 die einzelnen Stationen angeschlossen. Alle Benutzeroberflächen sind auf Chinesisch. Das von einem lokalen Anbieter stammende Registrierungsprogramm wurde von Siemens in Sienet integriert. Derzeit verarbeitet das System 70 000 Bilder pro Jahr, ist aber beliebig erweiterbar.
Zwar ist der Weg zu einer digitalen Klinik, in der alle Prozesse integriert sind, selbst am SMH noch lang. Doch die Vision ist keine Träumerei mehr, sondern "work in progress". Seit der Einführung von Sienet haben bereits Dutzende Delegationen aus ganz China das SMH besucht, um von den dortigen Erfahrungen zu lernen. "Ein großer Vorteil von Siemens ist, dass das Unternehmen nicht nur Software entwickelt und vertreibt, sondern auch viele medizinische Endgeräte. Dadurch versteht Siemens genau, wie sich Arbeitsabläufe vernetzen lassen," sagt Han Wenguang. Der 28-jährige Radiologe ist der Systemadministrator von Sienet. Zwei Wochen brauchte er, um das Programm mit Hilfe von zwei Siemens-Mitarbeitern zu installieren und sich einzuarbeiten. "Sienet ist sehr benutzerfreundlich. Unsere Ärzte brauchen in der Regel nur drei bis vier Tage, bis sie das System bedienen können."
Inzwischen kann Han das System ohne Hilfe von Siemens verwalten, und Siemens verlieh der Klinik für die erfolgreiche Installation und Benutzung von Sienet den Titel einer Referenzanlage. Und das SMH hat in der Tat bereits Nachahmer gefunden. An der Universitätsklinik der Provinz Guangxi wird derzeit ebenfalls Sienet Sky installiert. Deng Li, Siemens-Projektleiter von Sienet in China, denkt bereits weiter. Ende 2005 soll die chinesischsprachige Version der nächstgrößeren Sienet-Plattform, Sienet Cosmos, fertig sein. "Der Bedarf ist gewaltig", meint Deng, "und wir haben nun den Beweis, dass Siemens die genau passende Lösung bietet."
Bernhard Bartsch