Gesundheit digital – Interview
"E-Health spielt eine zentrale Rolle im Gesundheitswesen"
Interview mit Gérard Comyn
Dr. Gérard Comyn (59) ist geschäftsführender Direktor im Direktorat für "Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für Bürger und Unternehmen", das wiederum zur Generaldirektion "Informationsgesellschaft und Medien" der Europäischen Kommission gehört. Er ist zudem Leiter des Referats IKT für Gesundheit. Vor seiner Tätigkeit für die EU war er Direktor des European Computer Industry Research Centre in München sowie Professor an der Universität Lille. Comyn hat Angewandte Mathematik und Informatik studiert
Welche Rolle spielen Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen von morgen?
Comyn: Steigende Kosten und Zugang zu hochwertiger Versorgung im Gesundheitswesen gehören zu den größten Herausforderungen für Europa – und das Problem wird sich durch die gesundheitlichen Bedürfnisse einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung noch verschärfen. Damit wir auch morgen jedem Bürger eine hochwertige und bezahlbare Gesundheitsversorgung bieten können, müssen wir jetzt handeln. Die IKT spielen hierbei eine zentrale Rolle, denn sie erhöhen Sicherheit, Effizienz und Qualität der medizinischen Versorgung und ermöglichen zugleich innovative neue Produkte und Dienstleistungen, die zur Kostensenkung beitragen werden und enorme Chancen für die europäische Industrie in sich bergen.
Welche E-Health-Programme treibt die Europäische Kommission voran?
Comyn: Die Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien unterstützt schon seit mehr als 15 Jahren F&E-Projekte im Bereich E-Health mit einer Gesamtförderung von bisher mehr als 500 Millionen Euro. Hunderte Projekte wurden erfolgreich abgeschlossen. Durch unser im Jahr 2004 gestartetes eEurope-2005-Programm sind die Vorteile und Chancen, die IKT im Gesundheitssektor bieten, stärker ins Bewusstsein der Bürger und Regierungen gerückt. Nun planen wir im Rahmen der neuen i2010-Initiative, auf breiter Basis Modellvorhaben, Pilotprojekte sowie Aktivitäten mit Multiplikatoreffekt zu fördern.
Welche Vorteile bringen die IKT Ärzten, Patienten und Versicherungen?
Comyn: Ärzte können damit auf dem neuesten medizinischen Stand bleiben. Sie können effizienter, flexibler und mit weniger Papier arbeiten und sogar mobil den Zugang zu elektronischen Patientenakten nutzen – die Qualität steigt und Fehler werden reduziert. Patienten erhalten einen schnelleren Zugang zu verbesserten medizinischen Dienstleistungen, sie können zunehmend sich selbst versorgen oder individuell zu Hause betreut werden. Die Versicherungen können von Kosteneinsparungen sowie besserer Qualität und Geschwindigkeit profitieren. Außerdem können sie schneller neue Trends erkennen und entsprechend handeln.
Welche wirtschaftlichen Vorteile sehen Sie vor allem?
Comyn: Heute sind 9,3 Prozent aller Arbeitskräfte der EU im Gesundheitssektor beschäftigt, der mehr als 8,5 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Höhere Effizienz und bessere Versorgung können zu erheblichen qualitativen Verbesserungen und quantitativen Einsparungen führen. Allerdings sind wirtschaftliche Vorteile im Zusammenhang mit einer verbesserten Lebensqualität sehr schwer nachzuweisen. Deshalb unterstützen wir derzeit mehrere Kosten-Nutzen-Analysen von E-Health.
Welche neuen Technologien sind für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung am wichtigsten?
Comyn: Es entstehen derzeit viele neue Chancen: Biomedizinische Informatik, Simulation der menschlichen Physiologie, Datenextraktions- und Datenmanagement-Systeme, molekulare Bildgebung, tragbare Überwachungssysteme, Labors auf dem Chip, Breitband- und Mobilkommunikation, intelligente Sensoren, Entscheidungsunterstützung sowie Sicherheitssysteme sind einige der Schlüsseltechnologien von heute. Die erfolgreiche Integration vieler dieser Technologien wird uns helfen, die Vision der allgegenwärtigen, persönlichen medizinischen Versorgung zu verwirklichen.
Werden computergestützte Diagnosen und Therapien, die Ärzten bei der Bewältigung wachsender Datenmengen helfen, mit von der Partie sein?
Comyn: Zweifellos. In den letzten Jahren haben sich dem internationalen Open Clinical Bericht zufolge (www.openclinical.org) zwar das wissenschaftliche Verständnis von Krankheiten und deren Behandlung beispiellos entwickelt, jedoch noch nicht die Fähigkeit, dieses Wissen in der Praxis anzuwenden. Vermeidbare medizinische Fehler verursachen gemäß diesem Bericht mehr Todesfälle als jeweils Autounfälle, Brustkrebs oder AIDS. Die computergestützte Diagnose und Therapie ist in der Tat eine gute Möglichkeit, alle relevanten Kenntnisse, Informationen und Befunde am Ort der Behandlung verfügbar zu machen.
Wie könnte denn das Krankenhaus der Zukunft aussehen?
Comyn: Das Krankenhaus von morgen wird all das verwirklichen, was die IKT bieten können. Dabei wird es viel freundlicher aussehen. Viele Kabel und Instrumente werden verschwinden, der Patient wird durch drahtlose Miniatursensoren überwacht, die Ärzte werden unmittelbaren Zugriff auf Analysen zum Zustand des Patienten haben. Und schließlich wird das "Krankenhaus ohne Wände" weder durch seine geographische Lage noch durch seine physische Infrastruktur begrenzt sein. Vielmehr wird es über IKT-Netzwerke mit anderen Krankenhäusern, Kliniken, Praxen, Patienten in Pflegeeinrichtungen und Bürgern zu Hause verbunden sein. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit, unterstützt durch IKT, wird zwischen Krankenhäusern üblich sein. Auch dadurch erreicht man eine bessere Nutzung knapper Ressourcen und den Zugang zu einer qualitativ hochwertigeren Versorgung. Zudem wird die Patientenmobilität innerhalb Europas verbessert werden.
Wird es künftig auch eine europäische Gesundheitskarte geben, die Notfalldaten – etwa Blutgruppe oder Medikamentenunverträglichkeiten – oder sogar die komplette Patientenakte enthält?
Comyn: Seit 1. Juni 2004 gibt es die europäische Krankenversicherungskarte, und ab 2008 will Europa mit der Einführung einer elektronischen Version der Karte beginnen. Doch für eine europäische Gesundheitskarte gibt es derzeit keine konkreten Pläne, denn die Mitgliedsstaaten sind für ihre Gesundheitssysteme selbst verantwortlich.
Das Interview führte Ulrike Zechbauer
Die geäußerten Ansichten sind die Meinung Dr. Comyns und entsprechen daher nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt der Europäischen Kommission