Das mitdenkende Auto – Szenario 2020
Clevere Beifahrer
Oktober 2020. Mit einem neuen Auto fährt Robert seine Großmutter nach Hause. Dabei erklärt er ihr voller Stolz die eingebauten High-tech-Systeme – von modernster Fahrerassistenz bis zum Multimedia-Infotainment.
Im Auto des Jahres 2020: Robert fährt seine Großmutter nach Hause. Das Auto besitzt Fahrerassistenzsysteme wie Nachtsichtgerät, Spurwechselassistent oder Notbremsautomatik. Wichtige Informationen werden im Head-up-Display angezeigt – die Systeme lassen sich per Sprache steuern. Die Displays auf der Beifahrerseite dienen der Verbindung zu anderen Systemen, etwa zum Smart Home oder dem Internet
Willst du Großmutter heimfahren?" fragt Roberts Vater nach dem Abendessen. "Du darfst den neuen Wagen nehmen." Robert strahlt. Erst vor zwei Monaten hat er den Führerschein gemacht, und nun gibt ihm sein Vater zum ersten Mal sein neues Auto. "Traust du dich denn mit mir mitzufahren, Oma?" fragt er. "Ich hab’ schon andere Höllenfahrten überstanden", gibt die 82-Jährige zurück.
"So, dann schnall dich mal an", sagt Robert später im Wagen. Seine Großmutter sitzt neben ihm und blickt verwundert auf die schimmernde Fläche vor ihr im Cockpit. "Das ist ein OLED-Display", erklärt der Enkel. "Leuchtendes Plastik. Wenn du willst, kannst du dir während der Fahrt einen Film ansehen. Oder im Internet surfen." Robert startet den Hybrid-Motor mit einem Knopfdruck. "Ich hör’ gar nichts", sagt die Großmutter. "Kannst du auch nicht. Der Verbrennungsmotor schaltet sich bei den Elektro-Hybriden erst später zu. Dieser Wagen fährt übrigens mit GTL-Diesel, das ist Flüssiggas, du weißt schon, dieser besonders saubere Designer-Treibstoff."
Robert startet das Navigationssystem und erklärt weiter: "Das neue System erkennt mehr als 100 000 Wörter. Auch wenn ich laute Musik höre, versteht es mich, weil es dank einer kleinen Kamera sogar von den Lippen lesen kann." Er gibt das Ziel mit einigen Sprachbefehlen ein. Natürlich wählt er nicht die kürzere Route durch die Stadt, obwohl die Maut auf der Strecke um diese Zeit sogar billiger wäre. Robert will über die Autobahn fahren. "Wo ist denn der Seitenspiegel?" will Oma wissen. "Gibt’s nicht mehr. Dafür habe ich Kameras. Die zeigen mir das Bild seitlich und hinter dem Auto hier auf dem Frontdisplay. Völlig ohne tote Winkel." Robert hat die Siedlung nun verlassen und fährt auf den Autobahnzubringer.
"Das hier ist so ziemlich das modernste Auto, das du dir vorstellen kannst! Mit dem Wagen einen Unfall zu bauen ist praktisch ausgeschlossen." "Na, na, Junge. Nimm mal den Mund nicht zu voll", meint die alte Dame. "Doch, ehrlich! Schau, er hat mehrere Kameras sowie Sensoren mit Radar, Laser und Infrarot, die beobachten ständig die Umgebung. Die Software ist inzwischen so intelligent, die merkt sofort, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Wenn ich abbiegen und dazu die Spur wechseln will, dann vibriert die Lenksäule, wenn nahe hinter mir ein Auto ist, das ich nicht bemerkt habe. Und wenn ich eine rote Ampel übersehen sollte, warnt mich das System und bremst sogar ab, wenn ich nicht reagiere. Und im schlimmsten Fall, wenn ein Baum direkt vor uns auf die Straße fällt, dann blasen sich hier eine Handvoll Airbags auf, so schnell kannst du nicht mal blinzeln." "Als ich so alt war wie du, gab’s nicht mal Sicherheitsgurte", brummt die Oma.
Auf der Stadtautobahn ist dichter Verkehr. Robert ruft die Informationen des Verkehrsmanagements ab. Obwohl das System konstant 70 km/h empfiehlt, staut sich der Verkehr immer wieder kurzzeitig. "Da sind viele noch nicht an den zentralen Server angebunden", schimpft Robert und bremst etwas zu scharf ab. Schließlich schaltet er sein ACC-System ein, das selbst in Kurven immer den Abstand zum Vordermann einhält und auch bremsen und Gas geben übernimmt. "Bequem, was?" sagt er zu seiner Beifahrerin, die inzwischen an dem berührungsempfindlichen Display herumgedrückt hat. "Wie finde ich denn die Abendnachrichten? Ich will wissen, wie das Wetter wird." "Kein Problem", sagt Robert. Mit einem kurzen Sprachbefehl holt er die Internetseite des Wetter-Webs auf das Beifahrer-Display. "Hier, da kannst du dir eine Vorhersage für drei Tage geben lassen." Oma nickt und ist schon dabei, angesichts der Temperaturvorhersagen ihre Home Automation Platform anzurufen, um ihre Heizungseinstellung zu überprüfen.
Nachdem Robert die Stadtautobahn verlassen hat, beruhigt sich der Verkehr. Endlich kann er die Dynamik des Motors ausprobieren. Er steigt aufs Gaspedal und beschleunigt. "Der geht aber ab", murmelt er bewundernd. Zum Verbrennungsmotor schaltet sich der Booster des Elektromotors zu und liefert zusätzliche Energie. Die Straße führt nun durch den Wald. "Fährst du nicht ein wenig schnell?" fragt die Großmutter und zeigt auf die Windschutzscheibe. Dort blinkt in Rot die derzeitige Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h auf; darunter steht das aktuelle Tempo: 105. "Da reagiert wohl deine Automatik nicht", sagt Oma provozierend. "Naja", meint Robert und geht ein wenig vom Gas. "Es ist schon so, dass der Fahrer nach wie vor die Verantwortung hat. Damit sich am Ende keiner rausreden und behaupten kann, die Elektronik habe versagt und ihm den Unfall eingebrockt. Und das wäre ja noch schöner, wenn ich nicht mal mehr richtig auf die Tube drücken dürfte!"
Ruckartig steigt Robert auf die Bremse. "Und was ist jetzt?" fragt Oma. "Da vorne steht ein Reh am Straßenrand." "Ich seh’ nichts", meint die Oma. "Das kannst du auch nicht. Hier, das Nachtsichtgerät zeigt’s mir an. Das Reh ist aber noch rund 150 m weg." Als das Auto näher kommt, trollt sich das Tier in den Wald. Robert beschleunigt wieder. "Schade, dass kein Nebel ist", meint er. "Da könnte ich dir das Nachtsichtsystem so richtig vorführen."
Plötzlich holpert das Fahrzeug, und eine Warnleuchte geht an. Robert hält an, steigt aus und flucht: "So ein Mist, da steckt ein Metallteil im Reifen. Warum hat Papa nicht die neuen Reifen mit Nanoschaum genommen, die hätten das weggesteckt! Der ist hin!" Die Großmutter ist inzwischen auch ausgestiegen. "Und, was nun?" "Unser Remote Service-Vertrag hilft hier nichts, das ist kein Software-Problem", sagt der Enkel. "Wir müssen jemanden anhalten, der uns den Reifen wechselt. Oh Mann, um diese Zeit!" Oma geht zum Kofferraum. "Gibt es hier einen Ersatzreifen?" "Klar, aber ich hab das noch nie gemacht", seufzt Robert. "Das kriege ich schon hin", schmunzelt die alte Dame . "Gib mir mal den Wagenheber…"
Norbert Aschenbrenner
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