CT China
Innovation im Land des Drachen
China wird als Forschungsstandort immer wichtiger. Siemens Corporate Technology beschleunigt daher den Aufbau seiner Teams zur Entwicklung von Lösungen für China und den Weltmarkt.
Forschen für China und die Welt: Arding Hsu (links) und Mitarbeiter seines Teams in Peking
Tempo machen", lautet die Formel, die Dr. Arding Hsu immer wieder fallen lässt. Der Leiter von Corporate Technology (CT) in China bezieht sich dabei nicht nur auf das enorme chinesische Wirtschaftswachstum von etwa 9 % pro Jahr. Um die Marktnähe der Siemens-Forschung und die Zusammenarbeit mit Partnern zu verstärken, baut Hsu derzeit in rasantem Tempo ein neues Forschungszentrum auf. Der westlich orientierte, aber in China geborene Forscher ist dazu seit Ende 2004 in Peking. Hsu studierte in den USA, wo er 30 Jahre lang lebte und seit 21 Jahren für Siemens arbeitet – zuletzt fünf Jahre lang als Leiter des Siemens Technology-to-Business-Centers in Berkeley. Hier in Kalifornien kooperiert Siemens mit Start-up-Firmen und Universitäten, um Innovationen ohne Verzögerung in Produkte umzusetzen.
Arding Hsu ist überrascht, wie schnell chinesische Unternehmen derzeit globale Märkte erobern und weltweit Firmen kaufen und wie schnell es chinesische Forscher geschafft haben, auf Gebieten wie der Kommunikationstechnik, in der Biotechnologie und bei der Spiele-Entwicklung Weltklasse zu erreichen. Und noch eine Beobachtung machte Hsu seit seiner Ankunft in Peking: "Die chinesische Jugend ist stark vom dynamischen Unternehmertum geprägt. Unter guter Leitung werden sie schnell erstaunliche Ergebnisse erzielen".
Daher glaubt Hsu, dass er aus einem großen Pool von Talenten schöpfen kann. Ebenso ist er überzeugt, dass "wir daraus nicht nur für den chinesischen Markt Vorteile ziehen können, sondern auch für den Weltmarkt". Es gebe also nur eine Konsequenz: "Wir müssen hier in China noch viel mehr als an anderen Forschungsstandorten mit aufstrebenden Firmen zusammenarbeiten und Innovation als ein Vehikel für Win-Win-Strategien nutzen", sagt Hsu.
Für Siemens sind in China zur Zeit 22 000 Angestellte tätig. 2004 erwirtschafteten sie einen Umsatz von etwa 4 Mrd. €. In Peking arbeitet seit 1999 ein kleines, von Dr. Martin Scheurer aufgebautes Forscherteam. Seit 2004 wird CT in China nun deutlich ausgebaut. Derzeit forschen 120 Mitarbeiter in Peking und Shanghai; bis 2007 sollen es 300 sein. Medizintechnik ist einer der Schwerpunkte, weitere sind Kommunikations- und Automatisierungstechnik sowie Automobiltechnik – aber auch die anderen Siemens-Arbeitsgebiete will Hsu beackern. Zudem nimmt CT in Peking Aufgaben beim Patentschutz und für die Standardisierung wahr.
Wie Hsu kamen zahlreiche der Physiker, Computerwissenschaftler, Ingenieure und Manager des Teams aus den USA zurück, die meisten sind jedoch aus China. "Um Innovation zu stimulieren und sie in reales Geschäft münden zu lassen, ist das Wichtigste ein exzellentes und erfahrenes Managementteam, das jüngere Wissenschaftler rekrutiert und ihnen hartnäckig die richtigen Fragen stellt, um sie auf Weltklasse-Niveau zu bringen", erläutert Hsu den Weg. Die atemberaubende Wissens-Aufholjagd und Ausdauer der jungen chinesischen Kollegen sieht er mit echter Bewunderung.
Experten wie Roland Chin, Professor für Informatik und einer der Vizepräsidenten der Hongkong University of Science and Technology, schätzen, dass China in den nächsten fünf Jahren – nach den USA – zum zweitwichtigsten Forschungs- und Entwicklungszentrum internationaler Konzerne aufsteigen und damit an Deutschland, Großbritannien sowie Japan vorbeiziehen wird.
Mehrteilige Forschungsstrategie. Nach Hsus Planung sollen vorangetrieben werden:
? Spitzentechnologien wie für die vierte Mobilfunkgeneration, die noch höhere Datenraten als UMTS sowie Breitbandzugang zum mobilen Internet bieten wird. Hier ist CT mit einer Reihe chinesischer und deutscher Universitäten am Programm "FuTUR" im Rahmen der chinesischen Forschungsinitiative 863 sowie am EU-Projekt Wireless World Initiative New Radio (WINNER) beteiligt. Die CT-Forscher arbeiten daran, vorhandene Netze durch Mehrantennensysteme für Sender und Empfänger sowie das Übertragungsverfahren OFDM zu optimieren (siehe Pictures of the Future, Herbst 2004, "Internet überall").
? Effektive Technologien, die den chinesischen Markt besonders ansprechen. Dazu zählen für Hsu etwa Lösungen für kostengünstige Autos für die große Zielgruppe der Landbevölkerung, die ein Auto nur für den Transport und zum Überbrücken kurzer Distanzen braucht. •Alternative Technologien, die zunächst für China als Schwellenmarkt entwickelt werden, um sie dann auch auf dem Weltmarkt einzuführen. Dabei lautet Hsus Devise: "Aus den Bedürfnissen der Chinesen neue Herangehensweisen ableiten und Lösungen entwickeln, die zugleich kostengünstig, einfach zu handhaben und zu warten sind. Daraus könnte dann auch Neues für entwickelte Märkte entstehen."
Alternative Medizintechnik. Für alle drei Stoßrichtungen spielt die Zusammenführung von Technologiefeldern eine große Rolle. So denkt Hsu darüber nach, die Pekinger Forscher alternative Diagnosemethoden entwickeln zu lassen, also etwa eine Mischung aus traditioneller chinesischer Medizin kombiniert mit westlicher High-tech-Diagnose.
Auch wenn sich bei CT in China viele Projekte noch im Aufbau befinden, so ist bereits jetzt vielerorts der Boden für Innovationen bereitet. Dass alles schnell gehen muss, dafür gibt es für Arding Hsu noch einen weiteren Grund: China sei ein Land, in dem die Tradition von Siemens als "Good Corporate Citizen", also als sozial verantwortungsbewusstem Unternehmen, besonders wichtig sei.
"Nun wird aber der Graben zwischen Arm und Reich in China momentan immer größer", erläutert Hsu. Viele Menschen leben noch in armen Verhältnissen, verfügen nicht über sauberes Wasser und leiden unter Umweltverschmutzung. Deshalb will Hsu in Peking mit Beteiligung der Regierung, von Universitäten und von Kunden ein Forum als Think Tank etablieren, das Hilfe für diese Menschen organisieren soll. "Ein bis zwei Mal jährlich soll sich dieses Forum treffen und im Internet mit fruchtbaren Diskussionen fortgeführt werden. Eben Tempo machen", lacht Hsu.
Nikola Wohllaib