Michael Cusumano (50) ist Professor an der Sloan School of Management am Massachusetts Institute for Technology in Cambridge (USA), weltbekannter Experte für das Management von Software und Autor von Büchern wie Microsoft Secrets, Competing on Internet Time und The Business of Software.
Ärgern Sie sich auch über zu komplizierte Benutzeroberflächen bei Computern?
Cusumano: Ein Computer ist kein Toaster. Um ein Video herunterzuladen oder sich in ein Local Area Network einzuloggen, braucht man einfach mehr Funktionen. Doch es ist schon richtig: Vor zehn Jahren, bei der Einführung der grafischen Oberflächen, hatte Benutzerfreundlichkeit höhere Priorität als heute. Entwickler sollten mehr darauf achten.
Was sollten Software-Firmen konkret tun?
Cusumano: Software-Entwickler sind spezielle Nutzer mit hohem technischen Wissen. Firmen brauchen Usability Labs, wo Teams mit Leuten von der Straße versuchen, sich in den normalen Nutzer hineinzuversetzen. Beim Auto war es in den USA erst die Automatikschaltung, die den Pkw für Massen zugänglich machte. Wir brauchen daher so etwas wie eine Automatikschaltung in der Software-Branche.
Immer mehr Software steckt in Geräten wie Handys oder MP3-Spielern. Brauchen da Entwickler nicht neue Konzepte?
Cusumano: Da solche Geräte meist keine Tastaturen und wenig Speicher haben, müssen sie autonom funktionieren. Aber man braucht für diese embedded Software nicht unbedingt neue Konzepte. Beispiel Spracherkennung: Manche Handys verstehen Sprache. Dennoch sind Spracherkennungsprogramme für PCs entwickelt und verbessert worden.
Wann werden Geräte wirklich intelligent?
Cusumano: Wir werden wohl hundert Jahre brauchen, um einen Computer halbwegs so intelligent wie unser Gehirn zu machen. Alles, was ich bisher an so genannter intelligenter Software gesehen habe, hat mich nicht beeindruckt. Computer brauchen sehr viel Speicher und Rechenleistung, um nur einfache Muster zu erkennen auch bei Neuronalen Netzen geht es nicht ohne große Datenbasen. Hundert Jahre sind vielleicht zu lang aber anderseits glauben manche Kollegen, dass wir das Gehirn nie nachahmen können.
Liegt vielleicht für manche Probleme die Lösung in autonomer Software?
Cusumano: Faszinierend fand ich unlängst nur ein Programm zur Selbstdiagnose, das die Ursachen für den Zusammenbruch eines Computers herausfand. Natürlich gibt es auch intelligente Agenten, die auf autonomer Software beruhen. Aber nichts kommt mir wirklich revolutionär vor.
Brauchen wir denn Revolutionen?
Cusumano: Nun, wir hatten gerade erst eine Revolution, das Internet. Und manche sprechen von drahtloser Technik, von Funknetzen, als einer Revolution oder von Peer-to-Peer-Computing. Auch Tauschbörsen könnten eine kleine Revolution auslösen.
In "The Business of Software" schreiben Sie: Weniger die Technik, sondern das Geschäft treibt die Software voran. Besteht nicht die Gefahr eines Software-Monopols?
Cusumano: Das Microsoft-Monopol hat immerhin PC für Millionen von Menschen billiger und zugänglicher gemacht. Trotzdem: Ein Monopol ist meist nur die zweitbeste Lösung. Doch wir sind auf Microsoft angewiesen - wegen der vielen Anwendungen.
Sie schreiben, dass Software in Europa als Wissenschaft, in Japan als Fertigung und in den USA als Geschäft angesehen wird
Cusumano: In den USA haben wir einen riesigen Markt, der die Entwicklung vorantreibt. Doch inzwischen ist Software-Entwicklung ein globales Geschäft, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Man muss nur die Software modular planen und die Entwicklung weltweit synchronisieren. IBM hat schon in den 60er Jahren ein Betriebssystem an acht verschiedenen Standorten der Welt entwickeln lassen. Damals hat man Kopien von Bändern mit Flugzeugen transportiert. Das Internet macht den Austausch heute leichter.
Ein Grund für die Pannen des elektronischen Mautsystems in Deutschland war, dass so viele Softwarefirmen beteiligt waren. Am Ende war es wohl zu kompliziert, die Module zusammenzufügen.
Cusumano: Das könnte ein Synchronisations-, aber auch ein Architekturproblem gewesen sein. Natürlich ist ein System, das an verschiedenen Orten entsteht, nie ganz so gut wie eines, das von einem einzigen Team an einem Ort entwickelt wird. Software-Entwicklung ist immer ein Zielkonflikt zwischen Kosten und Manpower sowie Qualität und Schnelligkeit.
Das Interview führte Jeanne Rubner