Globale Software-Entwicklung hat spezielle Herausforderungen - das zeigen die Siemens-Projekte für eine neue Krankenhaus-Software und eine Multimediaplattform für Handys.
Das Krankenhaus-Informationssystem Soarian: Entwickler in den USA arbeiteten ebenso daran wie Entwickler in Indien
Teenager telefonieren gern. Demnächst können sie das mit all ihren Freunden gleichzeitig tun vom Handy aus, mit einem Tastendruck. Und sie werden chatten, spielen, Filme empfangen. Auch können Krankenhäuser schon bald die Zeit, die sie brauchen, um einen Krankenbericht zu schreiben, von etwa zwei Tagen auf 15 Minuten senken wodurch dem Pflegepersonal bis zu 50 % mehr Zeit für die Patienten bleibt.
Was diese Lösungen gemeinsam haben? Sie sind das Ergebnis weltumspannender Software-Entwicklungsprojekte. Das eine, Soarian, ein mächtiges Informationssystem für Krankenhäuser, ist bereits im Einsatz. Es wurde in einem Kraftakt (mit 3 500 Mannjahren) von Teams in den USA, Schweden, Indien und Deutschland entwickelt. Im zweiten Projekt arbeiteten sogar Entwickler aus elf Ländern zusammen: von Deutschland bis Kroatien, von Frankreich bis Griechenland, Finnland und Indien. Ziel war ein neues Software-System, mit dem Mobilgeräte zur Multimediaplattform werden: das IP (Internet Protocol) Based Multimedia Subsystem, kurz IMS.
Soarian ist eines der größten Software-Projekte, das je von Siemens Medical Solutions (Med) durchgeführt wurde. Soarian hält die klinischen und betriebswirtschaftlichen Daten eines Patienten von seiner Aufnahme im Krankenhaus bis zur Entlassung auf dem neuesten Stand. Autorisierte Personen können die Informationen im gesamten Krankenhaus abrufen. Soarian addressiere als erstes Internet-basiertes Informationssystem für den Gesundheitsbereich "einen potenziellen Markt zwischen 4 und 5 Mrd. US-$", sagt Dr. Siegfried Bocionek, Chief Operating Officer bei Siemens Health Services und Vice President von Soarian Enterprise. Soarian wird zur Zeit an etwa 20 Kliniken in den USA und Deutschland getestet.
Handy als Medienzentrale. Am zweiten Projekt IMS arbeiteten 250 Software-Entwickler mehrere Jahre lang. Jetzt wird IMS von Telekom-Unternehmen in der ganzen Welt getestet, 2005 soll es mit den ersten IMS/SIP-fähigen Handys auf den Markt kommen. SIP, das Session Initiation Protocol, ist ein wichtiger De-facto-Standard, der definiert, wie Internetkommunikation initiiert und beendet wird. Im Prinzip ist IMS eine Service-Control-Infrastruktur für jede Art der Kommunikation. "Damit wird die Internet-Technologie in drahtgebundenen und drahtlosen Netzen etabliert", erklärt Dr. Edward Scheiterer, Leiter des IMS Business Line Managements bei Siemens Communications (Com). "IMS wird z.B. einen Session-Broker einführen, mit dem verschiedene Medien vermischt und deren Daten bearbeitet werden können." Johannes Schinko, Vice President Core Networks bei der Programm- und Systementwicklung (PSE), dem bereichsunabhängigen Software-Haus von Siemens in Wien, ergänzt: "Mit IMS wird Mobilkommunikation genauso facettenreich wie die direkte menschliche Kommunikation."
IMS und Soarian sind gute Beispiele dafür, wie riesige Software-Projekte heute organisiert und abgewickelt werden. "Ein Projekt wie IMS aufzuteilen, ist immer eine Herausforderung", berichtet Schinko. "Natürlich wäre es einfacher, wenn sich alle Mitarbeiter an einem Ort befänden und kostengünstiger, wenn alle in Indien oder China wären. Aber für die Entscheidung, wie die Arbeit aufgeteilt wird, sind vor allem zwei Dinge wichtig: die Systemarchitektur und die Erfahrung, die verschiedene Standorte besitzen." Zum Beispiel wurde ein Schlüsselbaustein von IMS, die Media Gateway Control Function, von zwei Siemens-Teams in München konzipiert. "Aber", erklärt Schinko, "das Know-how für die Komponente lag vor allem bei Siemens in Griechenland. Daher war es logisch, große Teile der Software dort zu entwickeln."
Roke Manor Research ein Siemens-Forschungsinstitut in Romsey, Großbritannien wurde einbezogen, weil dort Spezialisten für die SIP-Datenkompression arbeiten. Und so weiter. Nur ein Teil des Mammutprojektes wurde extern vergeben: nämlich die Entwicklung bestimmter Funktionalitäten für das Mobiltelefon-Betriebssystem Symbian. "Das machte Digia aus Finnland", erzählt Schinko. "Sie hatten dafür spezielles Know-how. Aber Schlüsseltechnologien werden natürlich nie von externen Firmen entwickelt."
Bei IMS vereinfachten viele bereits existierende Kommunikationsstandards und -protokolle die Arbeit. Im Gegensatz dazu wurde Soarian praktisch aus dem Nichts entwickelt. An Soarian arbeiteten etwa 900 Siemens-Entwickler in den USA sowie 350 Mitarbeiter in Indien und 50 in Schweden. "Wir hatten im indischen Bangalore bereits Erfahrung mit der Entwicklung von Teilen der Software-Plattform syngo für bildgebende Verfahren gesammelt", erläutert Siegfried Bocionek, der auch das syngo-Projekt leitete. "In Spezialbereichen, in denen Siemens Med noch keine Erfahrung hatte, halfen uns unsere Kollegen bei der damaligen Siemens Nixdorf in Schweden."
Chatten, Spiele, Communities die IMS-Multimedia-Plattform für Handys wurde von Software-Entwicklern an 13 Standorten in elf Ländern Europas und Asiens entwickelt
Technik und Psychologie. Bei der Soarian-Entwicklung hatten die Fachleute, die größtenteils in Malvern, Pennsylvania, und in Bangalore saßen, mit technischen Problemen zu kämpfen. "Wenn wir über Nacht Programmcode von Indien in die USA schickten, war die Leitung oft überlastet und ist zusammengebrochen", erinnert sich Bocionek. "Außerdem wurden Besprechungen durch die Zeitunterschiede behindert: Die eine Gruppe war nach einem arbeitsreichen Tag erschöpft, während die andere noch nicht richtig wach war." Natürlich war es auch nicht leicht, die unterschiedlichen Teams über mehrere Jahre hinweg zu koordinieren. "Die Menschen müssen sich die Zeit nehmen, ihre Partner im anderen Kulturkreis zu verstehen. Vor allem müssen die Gruppenleiter starke persönliche Beziehungen untereinander entwickeln und fähig sein, ihren Teams komplexe Ideen zu vermitteln." Auch die schiere Größe eines Projekts kann zum Hindernis werden: "Die einzelnen F&E-Gruppen dürfen nicht zu groß sein. Wenn man mehr als 150 Mitarbeiter an einem Ort beschäftigt, braucht man wieder eine zusätzliche Managementebene, die Zeit kostet."
Für Edward Scheiterer vom IMS-Projekt sind die Software-Architektur, die Prozesse und das Projektmanagement die Eckpfeiler des Erfolgs. "Aber eine gute Kommunikation und definierte Verantwortungsbereiche für jeden Mitarbeiter sind die Grundvoraussetzung für alles andere", fügt er hinzu. "Und letztlich sind die gemeinsame Vision und die gemeinsamen Ziele entscheidend."
Ohne eine gute Software-Architektur nützt aber auch das beste Team nichts. Doch wie muss die aussehen? "Ein internationales Entwicklungsprojekt braucht eine Architektur, die, soweit möglich, funktionale Blöcke trennt, so dass sie unabhängig voneinander entwickelt werden können. Das hilft, Missverständnisse zu vermeiden, und ist die Basis für eine gute Motivation der Teams", sagt Johannes Schinko. Edward Scheiterer fügt hinzu: "Eine gute Architektur minimiert die Überschneidungen und verbessert gleichzeitig die Gesamtfunktionalität und die Qualität des Systems."
Ohne Fehler ist jedoch selten etwas. "Der Schritt von der logischen Struktur zur technischen Lösung kann sehr groß sein", warnt Bocionek und weist darauf hin, dass sich gerne Überschneidungen einschleichen. "Es gibt fast immer Projektteile, die nicht in sich geschlossen sind und auch an anderen Stellen gebraucht werden. Das liegt in der Natur der Dinge. Letztlich sollte eine gute Architektur die reale Welt logisch beschreiben und die ist auch nie perfekt."
Arthur F. Pease