Argentinien im Jahr 2015. Maria-Laura, Sensor-Expertin aus Buenos Aires, macht Urlaub auf einem abgelegenen Weingut. Doch auch hier begegnen der Ingenieurin Sensoren auf Schritt und Tritt.
Sensoren sind in Zukunft allgegenwärtig wie die Ingenieurin Maria-Laura und der technikbegeisterte Winzer Pedro feststellen, während sie mitten in den Weinbergen Argentiniens einen edlen Tropfen probieren. In der Umgebung der beiden arbeiten unterdessen verschiedenste winzige Sensoren: versteckt zwischen den Rebstöcken, verborgen im Autoreifen, integriert ins Handy und sogar der Wandfarbe des Weinkellers beigemischt. 1) Mini-Sensoren im Handy messen Alkohol- und Stickoxidgehalt in der Atemluft.2) Ein Sensornetz im Weinberg überwacht Temperatur, Nährstoffe und Luftfeuchtigkeit.3) Winzige Sensoren an der Wand sorgen für optimale Bedingungen im Weinkeller.4) Sensoren im Autoreifen überwachen Reifendruck und Laufeigenschaften
Maria-Laura holt tief Atem. So klare und reine Luft hat sie schon lange nicht mehr genossen. Kein Wunder, denn die Ingenieurin kommt aus Argentiniens Millionenmetropole Buenos Aires. Hier, mitten in den Weinbergen der Provinz Mendoza am Fuß der Anden, versucht sie für ein paar Tage dem Großstadtchaos zu entkommen. Seit einer Stunde spaziert Maria-Laura nun schon durch das Weingut, auf dem sie ihren Kurzurlaub verbringt. Bislang ist ihr noch kein Mensch begegnet. Nur ein paar Ernteroboter stören die Ruhe mit eintönigem Gerassel.
"Hola!" ertönt es da aus dem grünen Gewirr der Rebstöcke. Aus dem Dickicht kriecht ein braungebrannter Mann, an dessen Gürtel ein hochmoderner PDA hängt. Um seinen Hals baumelt eine alte Gartenschere. "Ich bin Pedro, mir gehört hier der Weinberg", erklärt er stolz und grinst. "Wenn Sie wollen, weihe ich Sie in die Geheimnisse meiner Spitzenweine ein." "Si, claro", freut sich Maria-Laura, denn sie weiß einen edlen Tropfen durchaus zu schätzen. Die beiden tauchen im Blättergewirr unter und wandern ein Stück den Berg hinauf. Plötzlich dudelt Pedros PDA den Beatles-Klassiker "Yellow Submarine". "Hmm, diese Rebstöcke hier bekommen zu wenig Feuchtigkeit", brummt der Winzer, nachdem er einen kurzen Blick auf sein Gerät geworfen hat. "Da leckt wohl die Bewässerungsleitung." "Woher wissen Sie das?" wundert sich Maria-Laura und versucht vergeblich, diese Aussage des Winzers mit den vollen Trauben in Einklang zu bringen.
"Dort, sehen Sie?" Pedro deutet auf ein gelbes Gerät in der Größe einer Streichholzschachtel, das neben den Reben in der Erde steckt. "Das ist ein Sensor. Er ist Teil eines Funknetzes, das meine ganzen Weinberge durchzieht. Die kleinen Spürnasen organisieren sich selbst, messen ständig Temperatur, Wasser- und Nährstoffgehalt des Bodens und funken die Daten auf meinen PDA."
Er tätschelt den Sensor wie einen kleinen Hund. "Dank dieser winzigen Winzer bin ich immer über den Zustand meiner Weinstöcke im Bilde, brauche kaum Dünger und kenne den optimalen Erntezeitpunkt." Pedro drückt eine Taste auf seinem PDA. "Ich sende jetzt die Daten an José, meinen Assistenten. Er weiß dann exakt, wo die Bewässerung kaputt ist und kann den Schaden sofort reparieren. Vorausgesetzt, er hat sein Handy ausnahmsweise mal eingeschaltet, der Faulpelz."
Die beiden gehen weiter und stehen unvermittelt auf einer staubigen Straße. "Dort ist mein Auto", sagt Pedro. Er holt aus dem Wagen zwei Gläser und eine Flasche Rotwein. "Ein erstklassiger Malbec. Probieren Sie mal", sagt er und reicht ihr erwartungsvoll ein Glas. Maria-Laura nippt an ihrem Wein und kann sich eine Bemerkung nicht verkneifen: "Wussten Sie eigentlich, dass auch in Ihrem Wagen rund 150 Sensoren eingebaut sind?"
Pedro nimmt verwundert einen tiefen Schluck. "So viele? Wozu denn?" Die Ingenieurin lächelt und erklärt: "Sie sorgen beispielsweise dafür, dass Ihr Auto die strengen Abgasnormen erfüllt. Diese Sensoren sind nur wenige Millimeter groß und sitzen in den Glühkerzen mitten im Motor bei Temperaturen von über 900 °C. Dort optimieren sie den Verbrennungsvorgang und reduzieren so Verbrauch und Schadstoffausstoß." Pedros Mund formt ein großes "O", in das er schnell einen weiteren Schluck verschwinden lässt. "Oder schauen Sie sich die Autoreifen an", fährt Maria-Laura fort, "Sie enthalten ebenfalls winzige Sensoren: Die kleinen Fühler entdecken Defekte im Reifen, messen Profilhöhe, Bodenhaftung und Luftdruck."
Maria-Laura deutet auf ihr Weinglas: "Aber Ihr Wein ist auch nicht von schlechten Eltern. Dafür braucht man wohl mehr Erfahrung als Technik." "Ja und nein", erwidert Pedro geschmeichelt. "Sehen Sie das Gebäude am Ende der Straße? Das ist mein Weinkeller. Oberflächlich betrachtet wirkt das Gewölbe eher traditionell, aber es steckt voller verborgener Technik." "Und die wäre?" fragt die Ingenieurin interessiert. "Mein Keller ist gespickt mit millimeterkleinen Funksensoren", raunt Pedro geheimnisvoll. "Hab ich mir extra aus USA schicken lassen. Die Geräte sind so winzig, dass ich sie der Wandfarbe beimischen konnte. Dort messen sie unsichtbar Luftfeuchtigkeit und Temperatur und sorgen auf diese Weise für beste Reifebedingungen. Davon haben Sie wohl noch nichts gehört", konstatiert Pedro und belohnt sich mit einer weiteren Probe seiner Winzerkünste.
Maria-Laura lässt sich von Pedros selbstsicherem Gehabe nicht beeindrucken und kontert, ohne mit der Wimper zu zucken: "Faszinierend, aber ich habe hier etwas frisch aus unseren Labors in Buenos Aires, das Sie auch noch nicht kennen dürften." Sie zückt ihr Mobiltelefon und hält es Pedro unter die leicht gerötete Nase. "In diesem Handy sind mehrere Chemosensoren integriert. Man spricht einfach hinein und die Sensoren ermitteln in Sekundenschnelle den Stickoxidgehalt der Atemluft." "Wozu soll das gut sein?" fragt der Winzer. "Ich bin Asthmatikerin. Etwa zwei Tage vor einem Anfall steigt die Stickoxidkonzentration im Atem an. Mit dem Sensor-Handy kann ich schnell die Werte checken und lange vor einem Anfall meine Medikamente einnehmen. Doch es kann noch mehr ", schmunzelt Maria-Laura.
Sie drückt eine Taste und reicht Pedro ihr Handy: "Sagen Sie mal etwas", fordert sie ihn auf. Pedro macht große Augen, nimmt das Gerät an den Mund und haucht "in vino veritas" hinein. Maria-Laura blickt auf das Display und lacht. "Sie haben nicht unrecht, amigo. Sehen Sie selbst." "Madre de dios!" entfährt es Pedro: Das farbige Display zeigt den Alkoholwert seiner Atemluft an. "Ihr Wein ist nicht nur gut, sondern auch wirkungsvoll", neckt sie ihn. Der Winzer blickt ihr schuldbewusst in die Augen. "Wollen Sie etwas essen?" fragt er verlegen. "Ich nehme Sie in meinem Wagen mit zurück." "Muchas gracias" sagt Maria-Laura charmant und nimmt ihm den Autoschlüssel aus der Hand. "Aber ich fahre."
Florian Martini