Editorial
Europa und Siemens: Innovation ist der Schlüssel
Johannes Feldmayer
ist im Zentralvorstand der Siemens AG zuständig für die Wirtschaftsregion Europa sowie für verschiedene Siemens-Bereiche und Zentralstellen (L&A, SBT, CIO, GPL)
In den vergangenen Monaten hat Europa wichtige Weichen gestellt: Mit der Erweiterung der Europäischen Union entstand im Mai 2004 der weltgrößte Binnenmarkt, an Wirtschaftskraft gleichauf mit den USA, doch mit mehr Einwohnern als Amerika und Japan zusammen. Im Juni wurde das Europäische Parlament neu gewählt, und kurz darauf gelang ein Durchbruch bei der künftigen EU-Verfassung. All dies bringt Europa dem erklärten Ziel, der dynamischste Wirtschaftsraum der Welt zu werden, einen wichtigen Schritt näher – wenngleich noch konsequent an Reformen gearbeitet werden muss.
Für Unternehmen wie Siemens ist das neue Europa eine große Chance. Hier erzielen wir 57 % unseres Umsatzes und beschäftigen zwei Drittel unserer Mitarbeiter. Auch konnten wir seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs schnell wieder an über hundertjährige Beziehungen anknüpfen: Heute beschäftigt Siemens in Mittel- und Osteuropa etwa 25 000 Mitarbeiter. Wir sind damit näher an Kunden, die viele Infrastrukturleistungen nachfragen, und gewinnen qualifizierte Mitarbeiter zu Arbeitskosten, die teils nur ein Sechstel derjenigen in Deutschland betragen.
Doch im reinen Kostenvergleich werden weder Deutschland noch Europa gegen andere Standorte, etwa in Asien, gewinnen können. Die Stärken der EU liegen woanders: in sozial stabilen Volkswirtschaften und vor allem in einer hohen Kreativität der Menschen, dank derer wir Innovationsführerschaft als wichtigen Schlüssel für unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit anstreben können. Dieses Ziel hat sich auch Siemens gesetzt: Wir wollen bei all unseren Aktivitäten Trendsetter sein.
Wir haben daher das Thema Innovation neben Kundenorientierung und globaler Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus unseres Business Excellence Programms top+ gestellt. Wichtig sind dabei vor allem Synergien zwischen den Siemens-Bereichen. Darunter fällt beispielsweise die Entwicklung von Plattformen, etwa eine einheitliche Architektur für Leitsysteme aller Art oder auch Wireless LAN, vom Handy bis zur Datenübertragung in der Fabrik (siehe Beitrag Echtzeit). Gut durchdachte Plattformen helfen nicht nur Kosten zu sparen, sondern sie erlauben dank wieder verwendbarer Module auch mehr Flexibilität und höhere Qualität – und damit höheren Kundennutzen. Ein weiterer Schwerpunkt des Innovationsprogramms sind siemensübergreifende Felder, auf denen wir Trends setzen wollen – ob bei der Entwicklung zum mobilen Büro (Mobiles Büro), zum intelligenten Haus (Immer auf Draht) oder zum Echtzeit-Unternehmen (Echtzeit).
Auch zeigt diese Ausgabe von Pictures of the Future, wie groß der Anteil von Querschnittstechnologien bei Siemens ist – dies gilt für die Sensorik (Beiträge zur Sensortechnik) ebenso wie für die Software (siehe Szenario Software): So liegt der Großteil der Wertschöpfung in fast all unseren Arbeitsfeldern heute in der Software begründet, selbst wenn sie in den Produkten nicht sichtbar ist. Mit etwa 30 000 Software-Entwicklern – mehr als viele führende Software-Häuser – sind wir im Grunde genommen eine der größten "Software-Firmen" der Welt.
Siemens ist, davon bin ich überzeugt, auf gutem Weg zu einer umfassenden Innovationsführerschaft und hohen Wettbewerbsfähigkeit – doch wohin bewegt sich Europa bis 2020? Auch diese spannende Frage haben wir vor kurzem mit TNS Infratest in einer Studie untersucht – der Artikel Die Bühne der Zukunft berichtet über dieses Zukunftsszenario, das wir unter dem Namen Horizons2020 der Öffentlichkeit vorstellen wollen.