Always-on-Gesellschaft – Zuhause und Freizeit
Immer auf Draht
Jederzeit und überall online – Breitbandanschlüsse und neue Mobilfunktechnologien ändern die Art und Weise wie wir fernsehen, telefonieren und wohnen. Alle dazu nötigen Technologien entwickelt Siemens im eigenen Hause. So sollen Fernseher künftig einen Rückkanal für die Beteiligung der Zuschauer besitzen, und Handys sollen TV-Signale empfangen sowie im Chat-Modus Texte und Bilder verschicken können.
Rund um die Uhr Kontakt zum Internet: Die Siemens Surpass Home Entertainment Solution bietet Videos per Breitband-Internet, interaktives TV, Online-Spiele und e-Shopping
Ein karges Büro, Pappkisten am Boden, im Nebenraum sitzen die Kollegen dicht an dicht. Dass hier Visionen für einen Weltkonzern ersonnen werden, vermutet niemand. Die erste kritzelt Stefan Jenzowsky, Leiter eines kleinen Strategie-Teams, das für Siemens Communications (Com) über neue Geschäftsfelder nachdenkt, auf ein Blatt Papier: zunächst einen Kreis, der gleich zwei Querstrichen zum Opfer fällt. "Stellen Sie sich einen Videorekorder vor, der weder Festplatte noch DVD-Brenner enthält", sagt Jenzowsky und deutet auf den durchgestrichenen Kreis. Doch wo würden im digitalen Heim der Zukunft denn dann die Filme gespeichert? Eine weitere Linie nach außen beantwortet diese Frage: Internet-Dienstleister saugen die Videos aus den Haushalten via DSL-Leitung ab und horten sie in riesigen Speicherschränken. "Das ist viel billiger, weil der Nutzer immer nur soviel Speicher bezahlt, wie er braucht", rechnet Jenzowsky vor.
Das klingt visionär, ist aber in einem Demonstrationsraum in München bereits real. Dort kann man die schicke Box mit der orange leuchtenden Frontblende vom Ledersofa aus ausprobieren (Bild oben). Dabei bekommt man einen Eindruck, wohin die viel beschworene Konvergenz von Kommunikationstechnik und Unterhaltungselektronik führt und wie es sich anfühlt, immer online zu sein. Neben der Taste für den Netz-Videorekorder gibt es auf der Fernbedienung unter anderem noch einen Phone-Knopf, mit dem sich eine Videotelefonverbindung aufbauen lässt.
Die flache Kiste mit dem etwas sperrigen Namen Surpass Home Entertainment Solution hält rund um die Uhr Kontakt zum Internet. Solche Always-on-Geräte, da ist sich die Kommunikationswissenschaftlerin Heidi Anders aus Jenzowskys Team sicher, werden unser Leben verändern: "Umfragen zeigen, dass die Kunden das wollen." Der Boom der Breitband-Internetzugänge (Fakten und Prognosen) schaffe beste Voraussetzungen. Dem Branchenverband Bitkom zufolge besitzen derzeit in Deutschland 15 von 100 Haushalten einen DSL-Anschluss, in zwei Jahren werden es 21 sein – damit ist Deutschland weltweit in der Spitzengruppe. Über DSL können die Nutzer schon heute Videos online anschauen, wenn die Daten komprimiert übermittelt werden.
Die größte belgische Telefongesellschaft Belgacom beginnt im November 2004 mit einem Pilotprojekt in rund 1 000 Haushalten. Belgacom bietet neben dem digitalen Videorekorder einen elektronischen Programmführer, Video on Demand, Spiele, e-Shopping und Surfen im Internet. Auch in Deutschland startet im Herbst ein ähnlicher Test mit 600 Haushalten unter der Regie der Deutschen Telekom. Für die Netzbetreiber eröffnet die Siemens-Entwicklung die Chance, ihre DSL-Netze besser auszulasten und neue Geschäftsfelder zu erschließen, indem sie zum Beispiel Speicherplatz im Netz vermieten oder einen Rückkanal fürs interaktive Fernsehen zur Verfügung stellen. TV ist damit keine Einbahnstraße mehr, der Zuschauer hat rund um die Uhr einen direkten Draht zu den Sendern. Jenzowskys Think Tank brütet sogar passende Sendeformate aus, etwa eine neue Gameshow, die an Wim Thoelkes legendäres Quiz "Der Große Preis" erinnert. Die Kandidaten sitzen allerdings nicht in kitschigen Plexiglaskugeln, sondern zu Hause vor dem Fernseher. Per Videotelefonie werden sie ins Studio und auf die Fernsehschirme geschaltet.
Das vollvernetzte digitale Heim. Die Surpass Home Entertainment Solution ist nur ein Mosaikstein in einem Mix von Geräten, die rund um die Uhr untereinander und mit dem Internet verbunden sind. Wie das im Detail aussehen kann, erfährt man von Walter Reithmayer. In der Abteilung Konzernstrategie von Fujitsu Siemens Computers klickt er seine Vorstellungen vom digitalen Heim der Zukunft auf den Bildschirm. Erst erscheint ein PC, dann ein LCD-Fernseher mit digitaler Videoaufnahmestation, später ein Musik-Center, Spielekonsolen, Telefon, Hausgeräte und und und – alles miteinander vernetzt. Was er zeigt, ist für Reithmayer zum großen Teil Realität, weil er vieles schon zu Hause hat. "Von meinen 25 Fernbedienungen ist meine Frau allerdings weniger begeistert", schmunzelt der gelernte Kaufmann. "Eine für jeden von uns würde genügen."
Auch in Reithmayers Präsentation spielen die Linien, die aus dem digitalen Heim nach draußen führen, eine wichtige Rolle. Eine hält ständig Verbindung zum Internet (vorzugsweise DSL), die andere zum Kabelanschluss oder zur Satellitenschüssel. Intern werden Musik und Videos über drahtloses Wireless LAN oder schnelle Ethernetkabel in jedes Zimmer verteilt. Demnächst könnte sogar das TV-Signal drahtlos über WLAN zum Fernseher im Wintergarten oder zum Notebook im Arbeitszimmer gelangen – ein so genannter TV-Feeder macht es möglich. Wann dieses Kästchen auf den Markt komme, sei allerdings noch nicht entschieden, sagt Reithmayer. Die eierlegende Wollmilchsau – ein Gerät, das Fernseher, Stereoanlage und PC zugleich ist und am besten noch Kaffee kocht – gibt es in Reithmayers Szenario nicht. "Auch in Zukunft wird noch eine Vielzahl von Endgeräten im Haus stehen", glaubt auch Paul O’Donovan vom Marktforschungsinstitut Gartner. Allerdings seien die komplett digital und vernetzt – beispielsweise über den Standard UPnP (Universal Plug & Play).
Der Boom der digitalen Unterhaltungselektronik lockt auch die Hersteller von PC-Hardware und -Software an. Anfang 2004 stellte Microsoft den Media Center Extender vor – eine Box, die den PC drahtlos mit Fernseher und Stereoanlage vernetzt. Der PC bunkert große Mengen digitaler Musik- und Video-Dateien, die er unter anderem aus dem Internet holt. "Der PC könnte sogar das ganze Haus steuern", glaubt Andreas Schönberger, Produktmanager für WindowsXP. Ein solches Szenario hält auch Lutz Gärtner von Siemens Com für durchaus realistisch. Unter seiner Leitung hat ein interdisziplinäres Team eine Architektur für das intelligente Wohnen der Zukunft entworfen, in der die komplette Steuerung von Entertainment, Telefonie, sowie Licht, Hausgeräte und Gebäudesicherheit über ein integriertes, einheitliches User-Interface erfolgt. Auf dieses webbasierte User-Interface greift der Bewohner über mehrere Geräte im Haus zu, zum Beispiel über den Fernseher, den portablen Tablet-PC, den Personal Digital Assistant (PDA) oder auch über das Schnurlostelefon (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2004, Beitrag SmartHome).
Vernetzte Küche, Push-and-Talk: Hausgeräte und Entertainmentsysteme können über ein Gerät bedient werden. Handys bekommen eine Chat-Funktion
Gärtner sieht neuerdings Bewegung im Markt: Telekom- und Wohnungsbaugesellschaften interessieren sich zunehmend für Dienstleistungen, die durch Vernetzung im Haus möglich werden. Für eine monatliche Gebühr könnten Dienste, etwa für Entertainment, Sicherheit oder Energiemanagement, angeboten werden. Um jedoch beim Verbraucher Vertrauen aufzubauen, dass alle vernetzten Komponenten auch harmonieren, müssen international Standards gesetzt werden. Daher sind in der Digital Living Network Alliance alle wichtigen Hersteller vertreten, sowohl aus der IT- und PC-Branche wie aus der Unterhaltungselektronik und der Hausgeräte-Branche. Im UPnP-Forum und im WLAN-Forum werden Standards entwickelt, die dem Verbraucher zu Hause die Einbindung neuer Geräte in sein intelligentes Netz ermöglichen, ohne dass neue Kabel verlegt oder eine Fachfirma beauftragt werden muss. Auch bei Siemens selbst wird im Rahmen des Unternehmensprogramms top+ Innovation sichergestellt, dass die entsprechenden Produkte mit allen anderen kombinierbar und einfach zu installieren sind: Dazu soll eine Art Label "Siemens Smart Home" für das intelligente Haus ins Leben gerufen werden.
Eine zentrale Rolle in Gärtners Überlegungen spielt ein Residential Gateway, das das Netz im Haus mit der Außenwelt, insbesondere mit dem Internet, verbindet. Auch Jenzowskys Set-top-Box ist im Prinzip nur ein fürs TV-Entertainment aufgebohrter DSL-Router – die Haussteuerung zu integrieren wäre der nächste Schritt. Die Marktforscher von ABI Research rechnen damit, dass 2008 allein in den USA 20 Millionen solcher Geräte über den Ladentisch gehen, allerdings angepasst an die dort vorherrschenden TV-Kabelnetze. Die zunehmende Versorgung mit Breitband-Anschlüssen und die wachsende Internet-Affinität seien der Nährboden für die neuen Bedürfnisse nach Komfort, Sicherheit, Zeitersparnis und Kosteneffizienz im privaten Bereich, hat Lutz Gärtner festgestellt. "Diese Bedürfnisse gilt es, mit kundenorientierten, leicht zu bedienenden Lösungen zu wecken."
Fernsehen auf dem Handy. Jede Menge neue Geschäftsmodelle hat auch Martin Gebler von Siemens Com im Köcher, allerdings fürs Handy. Damit soll man künftig auch fernsehen können. Und weil der Rückkanal in einem Handy automatisch eingebaut ist, wird Handy-TV von Anfang an interaktiv sein. Zunächst muss das Programm aber aufs Mobiltelefon kommen. Große Chancen räumt Gebler DVB-H (digital video broadcasting for handhelds) ein. Der Ableger des terrestrischen digitalen Fernsehens (DVB-T) ist speziell auf handliche Smartphones zugeschnitten, die vermutlich ab 2005 in den Handel kommen. Allerdings wird DVB erst in einigen Jahren flächendeckend verfügbar sein. Ob und wieviele Kanäle dann für DVB-H zur Verfügung stehen, ist noch nicht klar.
Gebler ist dennoch optimistisch: Zur Fußball-WM 2006 in Deutschland soll es erste Dienste geben, die sich an bestimmte Communities richten. Eine könnten die Zuschauer im Stadion sein, die während des Spiels spannende Szenen oder Zeitlupen aufs Handy bekämen. Eine andere wären Reporter, die laufend über Spielstatistiken informiert würden. "Es wird mehrere Kanäle geben, durch die man zappen kann", verspricht Gebler. Auch für UMTS wird über personalisierte Broadcasting-Dienste nachgedacht. Läden in der Fußgängerzone könnten mit kleinen Werbevideos über Sonderangebote informieren, Empfänger wären nur die Besitzer eines UMTS-Smartphones, die sich in der Nähe aufhalten.
Profitieren werden sowohl die TV-Sender als auch die Mobilfunkanbieter, die via GSM oder UMTS den Rückkanal stellen. Ein großer Teil der Wertschöpfung geht an Firmen, die aus zum Teil vorhandenem Material neue Inhalte fürs mobile Infotainment generieren. So verbreitet in Berlin bereits der Abo-Service "What´s up" in Text und Bild Tipps von Trendscouts zu den angesagtesten Szene-Veranstaltungen. Ideen gebe es genug, schwärmt Gebler: Musiksender könnten über DVB-H ständig die Top-20 der aktuellen Hitliste ausstrahlen. Die Empfänger würden ihr Lieblingsvideo wählen und damit die Sendereihenfolge beeinflussen. Oder auch von unterwegs über eBay Fanartikel ersteigern.
Immer online – auch beim Telefonieren wird sich dieses Konzept durchsetzen. Privatkunden können jetzt mit ihren Schnurlostelefonen übers Internet telefonieren – mit dem Siemens Gigaset M34 USB. Der kleine USB-Stecker verwendet den bewährten Funkstandard DECT. Damit kann der Nutzer wie gewöhnlich über das Telefonnetz sprechen oder aber via Funkadapter übers Internet, wobei der PC das Gateway darstellt.
Die dank DSL kostengünstige Internet-Telefonie erlaubt Chats und Gespräche mit bis zu fünf Personen gleichzeitig, die verwendete Software Skype basiert auf derselben Technik wie die Musiktauschbörse Kazaa. "In Zukunft werden Telefongespräche und Datenkommunikation ohne Umweg über den PC über ein Residential Gateway laufen", sagt Marco Bambach, der bei Com das Webtelefonie-Geschäft vorantreibt. Zusätzlich zu den klassischen schnurlosen DECT-Telefonen wird es künftig WLAN-Telefone geben. Mit diesen kann man zu Hause über den WLAN-Router oder an einem öffentlichen Hotspot übers Internet kommunizieren. Dank höherer Rechenleistung und größerer Displays werden diese Geräte auch Videotelefonie ermöglichen.
Flirtfaktor Picture Chat. Für Mobiltelefone kommt nun auch ein Service nach Deutschland, der in den USA bereits ein Hit ist: Push to talk over cellular (PoC), bei Siemens auch "Push-and-talk" genannt. Wie bei einem Walkie-talkie drückt man einen Knopf und stellt eine Verbindung zu einem oder mehreren Bekannten her. Technisch gesehen wird keine feste Eins-zu-eins-Verbindung wie beim normalen Telefonat aufgebaut, sondern via GPRS eine "Session" über einen Internet-Server. Die Session kann beliebig lange aktiv sein, bezahlt wird nämlich nur, wenn Daten übertragen werden. Vergleichbar ist das mit einem Internet-Chat: Man kann andere Leute in Chatrooms einladen oder Spiele spielen. Mirko Naumann von der Technologieentwicklung bei Siemens Com hat bereits eine mögliche Erweiterung namens Picture Chat entwickelt. Im mobilen Chatroom lassen sich damit Bilder und Texte zwischen den Handys austauschen. Naumann: "Das ist einfach ideal zum Anbandeln."
Bernd Müller
Was ist das: Es ist ein Handy, hat aber keine Tastatur und kein Display? Antwort: My-Ay. Das poppige Ei ist Babyfon, Alarmanlage, Webcam und vieles mehr und hält mit dem eingebauten Mobilfunkmodul Kontakt zu anderen Handys – ein klassisches Always-on-Gerät. Ist etwa ein bestimmter Lautstärkepegel erreicht oder bewegt sich etwas vor seiner Linse, setzt My-Ay eine warnende SMS oder eine MMS mit einem Foto ab. "Ins Auto gelegt, informiert es den Besitzer beispielsweise, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert", erklärt Dr. Karl Bitzer von Siemens Com, der Vater von My-Ay. Das Gerät misst über Sensoren Temperatur, Helligkeit, Lautstärke, Bewegungen und knipst Fotos. Es kennt sogar seine eigene Position. Programmiert wird der wasserdichte Wachhund über SMS, eine Webseite oder mittels WAP-Handy. My-Ay kommt voraussichtlich im Sommer 2005 auf den Markt.