Always-on-Gesellschaft – Szenario 2015
Fantasie online
München, Oktober 2015: Bogoroth, der Zwerg, schlägt sich durch eine virtuelle Spielwelt – in der Realität behebt er als Peter, der Ingenieur, eine Störung in der Produktion einer Fabrik.
Peter, Teilnehmer eines Online-Computerspiels, ist in die Rolle eines Zwergs geschlüpft und kämpft an der Seite dreier Mitstreiter. Sein Home-Entertainment-System vermittelt ihm über die 3D-Brille einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck der Spielwelt. Mit einem Datenhandschuh kann er seine Figur in der virtuellen Umgebung bewegen. Da stört ihn plötzlich ein Notruf aus der realen Welt ...
Schöne Elfe, was für eine Freude, dich wiederzusehen", begrüßt Peter seine Spielpartnerin. Peter hat sich seit langem wieder einen Nachmittag frei genommen, damit er ungestört in die virtuelle Spielwelt "Fellows of Glendalough" eintauchen kann. "Zwerg Bogoroth, ich grüße dich", antwortet die Elfe. "Die anderen müssten schon beim Treffpunkt sein. Heute wartet eine schwere Prüfung auf uns."
Peters Hand steckt in einem Datenhandschuh. Die Sensorik setzt die Bewegungen der Finger um. Peter ballt sie zur Faust und erteilt damit seiner Spielfigur den Befehl zum Gehen. In Wirlichkeit sitzt er bequem in einem Sessel und hat eine 3D-Brille auf. Das Stereo-Display und die Soundanlage seines Home-Entertainment-Systems vermitteln ihm einen erstaunlich realen Eindruck der Spielwelt. Seine Stimme und alle seine Bewegungen werden über HighSpeed DataTransmission Line ins Internet, genauer: an den Spiele-Server, eingespeist. Dort laufen alle Informationen der Mitspieler in Echtzeit zusammen und werden umgehend zurückübertragen. Peter befindet sich am Eingang des Tals zum Kloster Glendalough. Der steinerne Rundturm der Befestigungsanlage überragt die Bäume. Alwyne geht neben ihm. Die Elfe trägt ein weißes Chiffon-Kleid. Schon hat Peter vergessen, dass er nicht der 294 Jahre alte Zwerg Bogoroth ist, sondern ein 40-jähriger Ingenieur, beschäftigt bei einem großen Automobilzulieferer.
"Hallo Bogoroth, hallo Alwyne", ruft der Zauberer Eogarth, als die beiden auf eine Lichtung treten. Neben dem Zauberer im dunkelblauen Gewand steht ein großer Mann – Grimbergen, der Bogenschütze. Eogarth ist der Führer des Teams, das sich in unregelmäßigen Abständen in der Spielwelt trifft. Die vier kennen sich seit etwa zwei Jahren, wissen aber wenig über ihre wahre Identität. Peter vermutet, dass Alwyne Journalistin ist. Eogarth scheint Lehrer oder Professor zu sein. Weil Grimbergen als Bogenschütze so gut ist, könnte er auch im echten Leben Polizist oder Soldat sein. "Hier in den Wäldern sind die Bruchstücke eines Amuletts versteckt. Jeder von uns muss eines suchen. Die ungefähre Richtung wird euch durch eine schwebende Kugel angedeutet", erklärt Eogarth die Aufgabe. "Bringt euer Bruchstück zum Treffpunkt. Dann fügen wir das Amulett zusammen und kommen alle in eine höhere Spielstufe", sagt der Magier nun. "Alles klar? Dann los." Peter überprüft seine Waffen und seinen Nahrungsvorrat, bevor er in den Wald hineingeht, immer der Kugel nach. Nach wenigen Metern hat der Zwerg seine Kameraden aus den Augen verloren. Es ist dunkel…
Zwei Stunden später hat sich Peter in eine Höhle vorgearbeitet. Er musste gegen einen Troll kämpfen und eine Schlange besiegen. Über die Simultananzeige hat er das Schicksal seiner Gefährten verfolgt, die mit Mut und Geschicklichkeit ihr Ziel teilweise schon erreicht haben: Alwyne ist mit dem Amulett auf dem Rückweg, Eogarth schwingt sein Schwert. Peter steht in einer Schatzkammer und hat gerade das Rätsel gelöst, das ihm eine Holztruhe öffnet. Drinnen liegt das Amulett. Plötzlich reißt ihn das Klingeln seines Handys aus der Fantasiewelt und in seinem 3D-Display taucht eine Meldung auf. "Das darf doch nicht wahr sein!" entfährt es ihm. Peter weiß: Da kann nur in der Arbeit was schiefgelaufen sein. Schließlich hatte er an seinem freien Tag seine Erreichbarkeit auf Null eingestellt. Nur der Alarmzentrale seiner Firma hat er die Berechtigung erteilt, bei einem Notfall durchgestellt zu werden.
Jetzt wieder ganz der Ingenieur, klinkt er sich aus dem Spiel aus und nimmt das Gespräch an: "Wo brennt’s?" Umgehend verschwindet die Schatzkammer, und das Display verwandelt sich in eine Computeroberfläche. "Die Sortiermaschine für die Druckluftpatronen ist ausgefallen", erklärt ihm ein Techniker. "Wir kriegen sie alleine nicht mehr in Gang. In ein paar Minuten steht die ganze Produktion." "OK, ich logge mich ein", sagt Peter. Er wählt das Firmennetz an, autorisiert sich und hat auf dem großen Home-Entertainment-Wandbildschirm sofort alle Daten der Leitwarte verfügbar, als säße er an seinem Arbeitsplatz. Die Firma stellt Airbags her – rund um die Uhr. Vor zwei Tagen ist ein neues Software-Modul für das Industrial Ethernet aufgespielt worden, vielleicht verträgt sich da etwas nicht mit der Steuerung der Maschine. Peter ist Experte für die Fertigung, seine Vermutung kann aber nur sein Kollege Mark Berger bestätigen, der die installierte Software der Firma wie kein zweiter kennt. "Könnt ihr mal bitte eine Videokonferenz mit Mark herstellen?" sagt Peter. Mark ist derzeit in Indien und baut neue Kontakte zu indischen Software-Entwicklern auf.
Sekunden später erscheint sein Bild. "Was gibt’s so Wichtiges, dass du mich beim Abendessen störst", scherzt er. Kurze Zeit später weiß er Bescheid. "Das ist bestimmt ein Kompatibilitätsproblem", meint der Experte. "Spielt mir bitte mal die Dokumentation kurz vor dem Systemabsturz ein", bittet er die Kollegen von der Zentrale. Codereihen huschen über das Display. Peter kann in dem Wust aus Ziffern und Buchstaben nichts erkennen – aber wohl Mark, denn er sagt umgehend: "Ein Update für die Steuerung müsste es tun. Peter, in meinem Ordner findest du die verschiedenen Module." "OK, Mark, danke, falls wir nicht klarkommen, holen wir dich nochmal dazu", sagt Peter. Er findet das Modul und startet sofort die Installation des Updates. "Nehmen Sie die Sortiermaschine wieder ans Netz", sagt er dann zu dem Techniker in der Zentrale. "Sie läuft jetzt wieder. Bitte schicken sie mir noch eine Mail mit der Dokumentation des Vorgangs", verabschiedet er sich. Sofort klickt er das Glendalough-Icon auf dem Display an, das die ganze Zeit über pulsiert und damit den für ihn eingefrorenen Modus angezeigt hatte. Er ist wieder Bogoroth, der Zwerg. Er nimmt das Stück Amulett aus der Truhe und eilt zurück zum Treffpunkt.
Norbert Aschenbrenner
Always-on im mobilen Büro
Anruf, E-Mail oder SMS – künftig weiß das System, wie, wo und wann der Empfänger am besten erreichbar ist. LifeWorks macht’s möglich. mehr
"Rasante Entwicklung"
Vodafone-Vorstand Thomas Geitner setzt auf UMTS und neue Datendienste, die Handys in multimediale Universalgeräte verwandeln mehr
Echtzeit steigert die Produktivität
Die durchgehende Vernetzung aller Betriebs- und Anlagendaten in der Industrie erhöht die Wirtschaftlichkeit mehr
Ende der Einbahnstraße
Fernsehen wird für Zuschauer interaktiv und sogar auf dem Handy möglich. Breitbandanschluss, drahtlose Techniken und die Vernetzung von Hausgeräten verändern unser Zuhause mehr
Die Aufwertung des Persönlichen
Soziologen erwarten neue Kommunikationsnormen. Die ständige Erreichbarkeit bringt aber keine größeren Stressfaktoren mehr