"Always-on" wird unsere Gesellschaft verändern: Die Wertigkeit des Privaten steigt, gleichzeitig wird mehr, schneller und über banalere Dinge kommuniziert. Beruflich werden wir flexibel wie nie zuvor. Und es entstehen unbewusst neue Kommunikationsnormen etwa zur Unterscheidung von Arbeit und Freizeit.
Online-Spiele, schnelle Kurznachrichten, Bilder versenden immer vernetzt zu sein, ist das Credo der Always-on-Gesellschaft
Eilig hetzt der moderne Mensch durch die hoch technisierte Stadt, dominiert von Produkten aller Art, immer erreichbar und doch abwesend. Schier erdrückt von raschen Wechseln äußerer und innerer Eindrücke sucht er sein Heil in nervöser Oberflächlichkeit."
Das ist nicht etwa eine Beschreibung des heutigen Zustands, sondern des Lebens im Berlin des Jahres 1900, wie es der deutsche Philosoph Georg Simmel sah. Seine Vision der Zukunft: Der urbane Mensch werde zu einem blasierten Dandy, frei von Emotionen, aber gleichzeitig auch sehr einsam, denn nur durch Abstumpfung könne er der steten Reizüberflutung Herr werden.
Rückbesinnung auf das Private: der Gegentrend einer vernetzten Zukunft
Simmels Prophezeihung ist bislang nicht eingetreten: Hundert Jahre nach seinen Beobachtungen gibt es eher weniger dieser Großstadtneurotiker, obwohl Informationsfluss und Sinneseindrücke mit der Entwicklung moderner Technologien enorm angestiegen sind ein Trend, der sich seit dem Handy- und Internetboom der 1990er Jahre fortsetzt. Schon heute dient das Internet jungen Amerikanern einer AOL-Studie zu Folge als primäres Kommunikationsmittel. Und bis zum Jahr 2007 erwartet das Marktforschungsunternehmen Gartner Group, dass 75 % der Europäer 80 % ihrer Freizeit in nächster Nähe zu mobilen, elektronischen Kommunikationsgeräten verbringen, die ständig mit dem Netz verbunden sind. "Always online", immer und überall erreichbar zu sein, wird die Gesellschaft von morgen prägen. Diese Entwicklung ist nicht jedem geheuer, denn angesichts des rasanten Fortschritts bleiben viele Fragen offen etwa über die sozialen Auswirkungen von "Always-on".
Privatsphäre hat Vorrang. "Wir machen uns überzogene Vorstellungen vom Einfluss der Technik", beruhigt Prof. Heinz Bude, Experte für moderne Gesellschaften an der Universität Kassel. "Die Zukunft wird weit weniger dramatisch als oftmals behauptet. Immer und überall erreichbar zu sein, wertet im Gegenzug gerade die Privatsphäre auf. Die Bedeutung der gewollten Unerreichbarkeit wird dadurch erheblich steigen." Das birgt nach Ansicht des Soziologen auch neue Chancen, etwa für Lösungen, die den erhöhten Bedarf an Privatem befriedigen.
Die Face-to-Face-Kommunikation wird daher im Leben der Always-on-Generation eine exklusivere Rolle spielen. "Das Vier-Augen-Gespräch könnte seltener und damit wertvoller werden", glaubt Bude. Schon heute gelte bei vielen Kommunikationsformen eine unterschiedliche Wertigkeit: So schreibt man etwa nur bei wichtigen oder feierlichen Anlässen einen Brief. In einer E-Mail dagegen tauschen sich Menschen auch über banalere Anlässe aus. In Zukunft, sagt Dr. Nadia Kutscher vom Kompetenzzentrum Informelle Bildung der Universität Bielefeld, könnten Banalitäten in der Kommunikation noch zunehmen: "Die neuen Techniken fördern soziale Kontakte, aber die Menschen kommunizieren dann auch schneller und über nichtigere Anlässe." Ein Trend, den jeder schon beobachtet hat beispielsweise wenn junge Leute via Handy und SMS Kontakt halten.
Benimmregeln für die vernetzte Welt. Der Wandel im Kommunikationsverhalten zeichnet sich bereits ab - unbewusst entwickeln und verinnerlichen wir eine Vielzahl inoffizieller Normen: "So schalten Handynutzer ihr Gerät im Kino oder Theater in der Regel aus", sagt Dr. Robert Gaßner vom Berliner Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung. "Die Menschen begegnen dem technischen Fortschritt, indem sie kulturell akzeptierte Arrangements entwickeln." In Zukunft wird der Bedarf an solchen Kommunikationsnormen noch erheblich zunehmen.
Um sich in der vernetzten Zukunft wohl zu fühlen, müssten eine Vielzahl neuer Konventionen geschaffen werden, meint Michael Jäckel, Professor für Soziologie an der Universität Trier: "In einer Welt der permanenten Erreichbarkeit wächst das Bedürfnis nach einer klaren Trennung von Arbeit und Freizeit die ja durch die Nutzung neuer Technologien verwässert wird." Auch das Erwerbsleben könnte auf eine recht paradoxe Art unruhiger werden: "Man ist immer weniger in der Lage, Ungestörtheit wirklich genießen zu können der Wechsel zwischen verschiedenen Tätigkeiten wird zum Programm", erklärt der Soziologe. "Denn wer heute eine Stunde lang keine e-Mail erhält, wird sich wohl fragen, ob eine technische Störung vorliegt."
Für den Einzelnen bedeuten die modernen Kommunikationsmittel einerseits mehr Chancen und Freiheit, andererseits aber auch eine Herausforderung. Besonders für Menschen, die sich der rasch voranschreitenden Entwicklung verweigern: "Wir werden in eine Welt eingebunden, in der es ohne Technik nicht mehr geht", meint Jäckel. "Der Versuch, sich außerhalb dieser Strukturen zu bewegen, kann auf Dauer anstrengender sein als die gelegentlich unfreiwillige Anpassung an die neuen Bedingungen."
Damit die Menschen in der Always-on-Gesellschaft nicht auf der Strecke bleiben, fordert Nadja Kutscher mehr Anreize und Unterstützung beim Erlernen neuer Techniken: "Studien zeigen, dass Leute mit höherem Bildungsstand neue Techniken eher nutzen als Personen mit niedrigem Bildungsstand. Die Welt rückt näher zusammen, aber meist nur auf der Ebene der Informationselite", sagt sie. "Die Bildungseinrichtungen sollten versuchen, die Lücke zu schließen." Ansonsten, so die Erziehungswissenschaftlerin, drohe eine gesellschaftliche Spaltung (siehe Pictures of the Future, Herbst 2002, Digital Divide).
Modernes Nomadentum. Flexibilität ist eines der Schlagworte von morgen, denn dank moderner Kommunikationsmittel lassen sich immer mehr Dinge simultan erledigen was sich nach Ansicht Jäckels auch auf die Freizeitgestaltung auswirkt. "Viele Menschen möchten sich beispielsweise am Abend nicht auf bestimmte Veranstaltungen, Restaurants oder Feiern festlegen", so Jäckel. "Es entwickelt sich ein modernes Nomadentum, das durch die Handy-Netze gesteuert wird." Schon heute kann man oft beobachten, dass über Kurztelefonate oder SMS Termine und Treffpunkte immer wieder geändert werden weil es ja so einfach ist, den anderen zu erreichen. Mit den neuen Walkie-Talkie-Funktionen künftiger Handys, bei denen eine Nachricht gleichzeitig an viele Empfänger geschickt werden kann (siehe Trends und Fakten und Prognosen), dürfte sich dieser Trend noch weiter verstärken.
Das künftige Gesicht der "Always-on-Gesellschaft" mag noch fremd anmuten, doch in einem sind sich die Wissenschaftler einig: Der Mensch wird in seine Umwelt hineingeboren, er ist wählerisch pickt sich heraus, was ihm zusagt und er ist vor allem anpassungsfähig. Simmels Großstadtneurotiker wird die Welt von morgen daher ebenso wenig prägen wie der Technik-Abstinenzler: "Der Mensch der Zukunft", meint Bude, "nimmt die Möglichkeiten der Technik gerne wahr, doch nach seinen Regeln. Er alleine bestimmt über seine Erreichbarkeit."
Florian Martini
Wie kann man sich die Always-on-Gesellschaft von morgen vorstellen?
Bude: Elektronische Kommunikationsmittel werden selbstverständlich - eine Always-on-Gesellschaft hat keine technischen Aversionen. Gleichzeitig besinnen sich die Menschen aber wieder aufs Persönliche, die Privatsphäre. Das könnte in Zukunft ein etwas merkwürdiges Bild abgeben: Menschen, die einerseits zurückgezogen in ihren kleinen Welten leben, aber gleichzeitig einen großen Vernetzungs- und Kommunikationsbedarf haben. Vernetzungsangebote werden dabei nur dann akzeptiert, wenn sie sinnvoll erscheinen.
Welche Rolle spielt die stetig steigende Flut von Informationen?
Bude: Man muss unterscheiden zwischen Information und Wissen. Immer mehr Menschen betrachten unsere enormen Informationsgewinne nicht gleichzeitig als Wissensgewinn. So könnten Systeme, die Informatio- nen nicht nur liefern, sondern auch bewerten, erheblich an Bedeutung gewinnen. Der Begriff der Relevanz ist dabei entscheidend: Die Leute möchten unterscheiden, was für sie wichtig und unwichtig ist.
Der Mensch der Always-on-Gesellschaft ist immer erreichbar, also auch in der Freizeit. Welche Auswirkungen hat das?
Bude: Wir sehen jetzt schon eine Tendenz der Trennung von Berufs- und Lebensort. Es wird wieder attraktiv werden, in der Freizeit oder den Ferien absolut unerreichbar zu sein und die Erreichbarkeit selbst steuern zu können. Wir werden zu einem Selbstbewusstsein des Stayers kommen, also des eher ruhigen Menschen in den 90ern war die Zeit des Movers, heute wird dieser eher als nervöser Geselle betrachtet. Man zieht sich künftig in die kleinen Lebenswelten zurück, will aber gleichzeitig auch die Vorteile der über den eigenen Lebenskreis hinausgehenden Kommunikationssysteme nutzen.
Was passiert mit den Menschen, die Always-on ablehnen?
Bude: Es könnte für manche Menschen ein paradoxer Effekt entstehen: Durch die Verbreitung von Erreichbarkeit ist Unerreichbarkeit mit Ranggewinnen verbunden - man wird also umso bedeutsamer, je unerreichbarer man wird. Diese Entwicklung zeichnet sich schon heute ab. Ich glaube beispielsweise nicht, dass man den deutschen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt je an ein Handy bekommt - das macht ihn für viele Leute attraktiv.
Das Interview führte Florian Martini