Always-on-Gesellschaft – Experten-Interview
"Musik und Spiele – das Handy wird zum Gerät für den Medienkonsum"
Interview mit Thomas Geitner
Thomas Geitner (49)
ist seit Mai 2000 im Vorstand von Vodafone Group Plc. Er leitet als Group Technology Officer die technologische Entwicklung, den Ausbau von UMTS sowie die Business Integration der gesamten Vodafone Group. Früher war er im RWE-Konzern verantwortlich für die Telekommunikation sowie für die Maschinen- und Anlagensparte
Sind Sie schon always on?
Geitner: Natürlich – im Internet, mit meinem Handy und dem BlackBerry. Always on heißt für mich, dass ich kommunizieren kann, ohne dass mein Gegenüber gleichzeitig online verfügbar sein muss. Und dass ich die Informationen, die ich brauche, jederzeit verfügbar habe. Gelegentlich sollte man aber auch die Disziplin zum Ausschalten aufbringen.
Ist es eher das berufliche oder das private Umfeld, das von der steten Erreichbarkeit stärker geprägt wird?
Geitner: Always on verändert unser Geschäftsleben sicher nachhaltiger als das private. Aber ich habe bisher noch niemanden getroffen, der E-Mail geschäftlich nutzt und sich privat damit zurückhält. Ich denke, dass es Hand in Hand geht.
Was muss noch getan werden, um Always on in Gänze realisieren zu können?
Geitner: Die Technik sehe ich nicht als Nadelöhr. Die größte Herausforderung ist, die Bedienbarkeit zu vereinfachen. Das hat viele Facetten: Wie gut kann man Geräte nutzen, wie sind Informationen in Portalen verfügbar oder welche Dienste bietet man dem Kunden an? Die Endgerätehersteller verbessern zudem die Sicherheit und versuchen, die Lebensdauer der Batterien zu erhöhen. Das klingt trivial, ist aber ein großes Problem.
Vodafone propagiert den Slogan Vodafone live! Was steckt dahinter?
Geitner: Vodafone live! ist kein Slogan, sondern ein Produkt- und Vermarktungskonzept verschiedener Dienste, die wir aus Sichtweise des Kunden entwickelt haben. Zuerst hat die Mobilfunkindustrie versucht, Datendienste unter Schlagworten wie WAP oder GPRS zu verkaufen, das wollten aber nur wenige Leute haben. Wir haben einen anderen Ansatz gewählt. Wenige Klicks vom Foto zur versandten MMS, ein Klick ins Internet. Das ist neu.
Funktioniert das Konzept?
Geitner: Ja. Das Angebot besteht seit zwei Jahren. Wir hatten im Sommer 2004 bereits drei Millionen aktive Vodafone live!-Nutzer weltweit. Das ist weit mehr als ursprünglich erwartet. Mit stärkerer Nutzung sinken auch die Preise: In Deutschland kostet eine MMS bei uns jetzt 39 Cent, das ist mehr als eine Halbierung des Preises.
Was kommt zusätzlich auf uns zu, wenn UMTS breit genutzt werden kann?
Geitner: Mit Vodafone live! und Vodafone office haben wir Vermarktungsplattformen für mobile Datendienste geschaffen. Die haben wir zunächst unter GPRS ausprobiert und dabei gelernt, welche Dienste und welche Inhalte der Kunde wirklich will und braucht. Bei 3G setzen wir das konsequent fort. Wir verbreitern unsere Anwendungen, machen die Portale schneller, reicher an Farbe und an Inhalten. Und Videotelefonie eröffnet eine neue Dimension. Für Geschäftskunden haben wir ja schon länger Erfahrung mit einer UMTS-Karte für Laptop und PDA. Auch da werden wir künftig mehr anbieten.
Haben Sie inzwischen die Killerapplikation für UMTS gefunden?
Geitner: Die Killerapplikation des Mobilfunks ist Sprache. Bei Daten gibt es eine Vielzahl von Diensten, von denen man keinen herausheben kann. Der Markt wird sich viel stärker segmentieren als in der GSM-Zeit.
Die Kunden haben doch nicht mehr Geld zur Verfügung. Wie wollen Sie sie zu mehr Umsatz verleiten?
Geitner: Wir wollen unsere Kunden nicht verleiten (schmunzelt). Wir wollen ihnen etwas anbieten, was ihre Probleme löst, ihr Leben vereinfacht, ihnen Spaß macht. Die Ausgaben für Mobilfunk machen in Deutschland 3,5 % des privaten Budgets aus. In anderen Ländern in Europa ist es schon mehr. Vor zwölf Jahren war Mobilfunk noch überhaupt kein Massenmarkt. Es gibt gar keinen Grund anzunehmen, dass die Mobilfunk-Ausgaben nun plötzlich stagnieren werden.
Welche Datendienste sind denn erfolgreich?
Geitner: Der Download von Klingeltönen wächst jedes Jahr um 50 %. Wenn wir vor vier Jahren gesagt hätten, 2003 wird dieser Bereich 10 % des Weltmusikmarktes ausmachen, hätte man uns ausgelacht. Im vorigen Jahr ist das so eingetreten, und mit jedem zusätzlichen Multimedia-Handy wächst die Zahl der Musik-Abspielgeräte. Auch die rasante Entwicklung beim Download von Spielen hätten wir nicht erwartet. Und in fünf Jahren werden wir überhaupt nicht mehr in Frage stellen, dass das Handy ein Gerät ist, auf dem der Kunde in erheblichem Maß Medien konsumiert.
Welche Rolle spielen WLAN oder WiMAX in der Strategie von Vodafone?
Geitner: Schwerpunkt unserer Investitionen in neue Netze ist UMTS. Natürlich sind WLAN und WiMAX Technologien, die gut funktionieren, aber nur an Hot Spots und nicht flächendeckend. Wenn das für unsere Kunden relevant wird, können sie über ihre Vodafone-Rechnung auch Zugang zu WLAN bekommen oder später zu WiMAX. Aber UMTS bietet einfach die breiteste Verwendbarkeit und einfache Bedienung.
Wird es in Zukunft das UMTS-WLAN-WiMAX-Handy geben?
Geitner: Der Kunde wird sich irgendwann nicht mehr über die Zugangstechnik Gedanken machen wollen, sondern sagen: Wo immer ich bin, möchte ich das nutzen, was am schnellsten, am einfachsten, am billigsten ist.
Die Zahl der Übertragungstechniken ist fast unüberschaubar. Wie wichtig sind Standards?
Geitner: Standards sind zentral. Wir in Europa haben mit dem GSM-Standard einen Vorteil – sowohl was die Verfügbarkeit von Netzen wie auch die von Endgeräten anbelangt. Ein einziges Unternehmen hätte niemals diese Kostensenkungen erreicht, wie es die GSM-Industrie als Ganzes konnte. Standards führen daher viel schneller zu Massenmarktlösungen. Auch deshalb haben wir Vodafone live! auf WAP-Basis aufgebaut, weil wir der Ansicht sind, dass der offene Standard für den Kunden attraktiv ist. Die Anbieter von Inhalten können dank Standards ihre Kosten auf einer breiteren Anzahl von Geräten amortisieren. Damit wiederum werden den Kunden schneller mehr Inhalte angeboten. Wir sind noch lange nicht am Ende der Standardisierung angelangt.
Interview: Norbert Aschenbrenner