Einmal pro Jahr zeichnet Siemens herausragende Mitarbeiter aufgrund ihrer Patentanmeldungen als "Erfinder des Jahres" aus. Die (meist) zwölf Preisträger werden aus Tausenden von Forschern und Entwicklern aus allen Bereichen von Siemens ausgewählt. Allein aufs Konto der zwölf Preisträger des vergangenen Jahrs gehen etwa 600 Erfindungen – stellvertretend seien hier zwei Erfinder genannt, die die Entwicklungen auf den Gebieten der Multimedia-Mobilfunktechnik und Sensorik entscheidend voranbringen.
In China – dem mit über 230 Millionen Handykunden größten Mobilfunkmarkt der Welt – baut Siemens in Schanghai nicht nur seinen weltweit zweiten Produktionsstandort für UMTS-Technik auf, sondern entwickelt gemeinsam mit chinesischen Partnern auch den 3G-Standard TD-SCDMA. Dieser Mobilfunkstandard erlaubt es, in ein und demselben Netz Datenservices ebenso ökonomisch bereitzustellen wie Sprach- und Videodienste. TD-SCDMA steigert die Systemkapazität (weniger Basisstationen bei gleicher Teilnehmerzahl) und stellt geringere Anforderungen an die Signalverarbeitung der Handys. Dr. Stefan Bahrenburg hat diesen Standard maßgeblich mitgestaltet und treibt dessen Weiterentwicklung voran. Eines seiner jüngsten Projekte ist die Anpassung der Technologie der Smart Antennas an TD-SCDMA-Erfordernisse. Smart Antennas bestehen aus mehreren Antennen, die ihre Signale selbsttätig zu einem optimalen Sende-/Empfangsstrahl kombinieren – sie sozusagen auf die aktiven Handys ausrichten. Der Vorteil: Eine größere Reichweite der Basisstationen sowie verbesserte Empfangsqualität auch in schnellen Verkehrsmitteln.
Dr. Stefan Bahrenburg entwickelt bei Siemens in Schanghai wichtige Bausteine für den Multimedia-Mobilfunk
Künstliche Augen mit detailliertem räumlichem Sehvermögen könnten in Zukunft helfen, Verkehrsunfälle zu verhindern oder Alarmanlagen zuverlässiger zu machen. Ein innovatives Messprinzip, von Dr. Peter Mengel und seinem Team gemeinsam mit dem Duisburger Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme entwickelt, rückt ihre kostengünstige Massenfertigung jetzt in greifbare Nähe. Ob bei Nacht oder Sonnenschein: Nur wenige Tausendstel Sekunden benötigt der neue 3D-Sensor, um bis zu 30 m entfernte Objekte auf einen Zentimeter genau zu erfassen – auch dann, wenn sie sich rasch bewegen. Möglich wird das durch lichtempfindliche Halbleiterbauelemente (CMOS-Bildwandler) mit extrem kurzen Belichtungszeiten von wenigen Mikrosekunden sowie durch eine exakt synchron dazu gesteuerte Laserblitzbeleuchtung. Für etwa 1000 Bildpunkte misst der Sensor simultan das vom betreffenden Objekt reflektierte Licht der Laserblitze. Aus den Lichtlaufzeiten errechnet der Chip ständig ein räumliches Bild. Peter Mengel erprobt derzeit mit seinem Team Einsatzmöglichkeiten des 3D-Sensors. Ein erstes serienreifes System könnte z.B. ein intelligenter Airbag sein, der sich beim Entfalten an der augenblicklichen Sitzposition von Fahrer und Beifahrer orientiert.
Mit über 40 000 Patenten weltweit hat Siemens eine starke Stellung im Wettbewerb. Doch ist es wirklich die Menge, die entscheidet?
Dr. Winfried Büttner ist Leiter von Corporate Intellectual Property and Functions
Büttner: Ein so großes Patentportfolio bietet zunächst einmal Schutz gegenüber Wettbewerbern und hat zugleich einen hohen Wert als Tauschwährung, etwa in Lizenzaustauschverträgen oder bei Firmenkäufen oder -verkäufen. Um die Qualität unserer Patente zu steigern, ihre Nutzung zu verbessern und die Anmeldeprozesse zu optimieren, haben wir mit den Siemens-Bereichen zusammen so genannte IP+-Projekte gestartet. Da wir unser gesamtes Portfolio von Patenten etwa alle fünf bis sechs Jahre erneuern, geht es also um rund 7 000 Erfindungen, die jedes Jahr neu angemeldet werden. Besonders wichtig dabei sind natürlich die Golden Nuggets – wie wir die Schlüsselpatente nennen.
Was verstehen Sie unter einem Schlüsselpatent?
Büttner: Das sind Patente, die uns einen langfristigen Schutz bieten, um Schlüsseltechnologien ungehindert einsetzen zu können. Außerdem hindern sie Wettbewerber daran, in den entsprechenden Geschäftssegmenten ohne Lizenzzahlungen aktiv zu werden. Es sind also Patente, die der Wettbewerb praktisch nicht umgehen kann. Insbesondere gehören dazu die Patente, die in einen internationalen Standard aufgenommen wurden oder einen De-facto-Standard bestimmen. Auf dem Gebiet des Mobilfunks beinhaltet unser GSM/GPRS-Portfolio eine Reihe derartiger Schlüsselpatente. Aber ich würde dazu auch Patente zählen, die sehr breit über Siemens hinweg einsetzbar sind.
Wie zum Beispiel?
Büttner: Etwa Patente zur Fernwartung, zum Remote Service. In ihnen wird beschrieben, wie beispielsweise ein Update von Software über Fernleitungen erfolgt oder auch die Fehlerdiagnose aus der Ferne, ohne Servicetechniker vor Ort einsetzen zu müssen. Solche Technologien sind für Kraftwerke ebenso einsetzbar wie für Industrieanlagen, die Medizin- oder die Kommunikationstechnik. Sie verbinden Kosteneinsparungen mit großem Kundennutzen und bieten somit Wettbewerbsvorteile. Andere Beispiele sind Patente zur Leittechnik, zum Netzwerkmanagement oder zu Bedienoberflächen.
Kann man Schlüsselpatente gezielt entwickeln?
Büttner: Ja, auch das ist Teil unserer IP+-Initiative mit den Bereichen. So hat z.B. der Bereich Power Generation in einem Invention-on-demand-Workshop die Felder definiert, wo der Schutz gegen wichtige Wettbewerber verstärkt werden sollte. Allein aus diesem Workshop ergaben sich 200 Erfindungsmeldungen. Das ist übrigens gar nicht so schwer, wie es klingt: Oft muss man nur bekannte Technologien intelligent kombinieren, zu neuen Funktionen, an die noch niemand gedacht hat – etwa Mikropayment mit Remote Service oder gewisse Elemente aus der Welt der Sprachkommunikation ins Internet übertragen. Wir haben hier ein hohes Innovationspotenzial – Golden Nuggets in den Köpfen unserer Mitarbeiter –, das wir nur herausfordern und in die richtige Richtung lenken müssen.
Nun kann sich aber der Wert von Patenten schnell ändern, wenn sich die Technologielandschaft wandelt ...
Büttner: Deshalb bewerten wir unsere Patente einmal im Jahr neu – im Vergleich zum Wettbewerb, zu internationalen Standardi-sierungsprozessen, zu Synergiemöglichkeiten sowie im Hinblick auf die Aussagen der Pictures of the Future über die Bedeutung von bestimmten Technologien für unser zukünftiges Geschäft.
Und jedes Geschäftssegment macht seine eigene Patentstrategie?
Büttner: Das ist auch notwendig – natürlich im Rahmen einer IP-Konzernstrategie, die die Spielregeln festlegt und deren Ziel es ist, die Patentposition von Siemens vor allem bei den Trendsetting-Technologien und den siemensweiten Querschnittstechnologien auszubauen. Es ist im übrigen tatsächlich so, dass eine Patentstrategie im Automobilbereich ganz anders aussehen muss als etwa in der Medizintechnik. Bei letzterer nutzen wir unsere sehr starke IP-Position vor allem, um uns gegenüber den Wettbewerbern zu behaupten. Beim Automobil ist es so, dass der Kunde – also ein Fahrzeughersteller – mit dem Produkt gleich den Wettbewerbsschutz mitkaufen will; es muss also patentiert sein. Dann gibt es die Bereiche mit großem Servicegeschäft, wo die Patente fürs Design der Prozesse oder die Gestaltung der Geschäftsmodelle wichtig sind. Insbesondere in den USA spielen Patente in den Bereichen Software, Prozesse und zunehmend auch bei Geschäftsmodellen eine wichtige Rolle. Mit dem Aufbau einer Task force für Erstanmeldungen in diesen Bereichen sichern wir unsere innovativen Ideen im US-Markt ab.
Das Interview führte Ulrich Eberl
1995 startete Siemens eine Patentinitiative, die den Fokus zunächst auf die Steigerung der Erfindungsmeldungen legte und mit dem Preis "Erfinder des Jahres" (siehe auch Beiträge am Anfang dieser Seite) die Wertschätzung der Innovatoren in der Firma erhöhte – mit großem Erfolg: Die Zahl der Patentanmeldungen pro Jahr konnte in dieser Zeit verdoppelt werden. Seither hat sich der Fokus etwas verschoben: Jetzt geht es mehr darum, die Qualität und den Wert der Patente noch weiter zu steigern. Ein Maß dafür ist beispielsweise der Wert, den sie in Lizenzaustauschverträgen mit anderen Unternehmen haben. Lizenzabkommen schützen vor Patentangriffen anderer Firmen; hätte man diesen Schutz nicht, gilt im Allgemeinen die Regel, dass ein gewisser Prozentsatz des Umsatzes an Lizenzkosten zu zahlen wäre. So berechnet ergibt sich eine beachtliche Rendite des geistigen Eigentums von Siemens, dessen Wert sich in den letzten Jahren ebenfalls fast verdoppelt hat.