Abholstation Tower24: Die Anlage des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik bietet sogar einen Kühlbereich einige Meter unter dem Erdboden
Lieferungen müssen wir nicht mehr persönlich in Empfang nehmen. Und dennoch sind die Waren sicher und fachgerecht gelagert" Daniel Steiner ist begeistert von der SkyBox, einer Kombination aus Schließfach und Kühlschrank. Seit er und seine Familie als Testpersonen im auch mit Siemens-Technik ausgestatteten Futurelife-Haus bei Hüneburg im Kanton Zug leben, werden die Dinge des täglichen Bedarfs einfach bei einer großen schweizerischen Supermarktkette via Internet bestellt.
Dank der SkyBox muss niemand zu Hause bleiben, um die Waren in Empfang zu nehmen. Der zweiteilige Behälter von der Größe einer Waschmaschine ist in der Hausfassade untergebracht und lässt sich von innen wie von außen öffnen. Der Lieferant benötigt dazu lediglich eine Smartcard und einen PIN-Code. Verderbliches packt er oben in die Kühlbox, der Rest kommt ins untere Fach.
Teurer Transport. Von solch einem Service können Herr und Frau Jedermann vorerst nur träumen. Seit geraumer Zeit versuchen Kurier- und Paketdienste, den Lieferprozess zu optimieren. "Die Frage ist, wie die Ware am günstigsten und schnellsten zum Endkunden kommt, denn der Zustellprozess macht bei Briefen und Päckchen zwischen 50 bis 70 % der Transportkosten aus", erläutert Matthias Krause von der Siemens Dematic Postautomatisierung in Konstanz. Der Rest der Kosten entfällt auf die Inhouse-Zeit, denn noch heute muss der Briefträger in der Postfiliale die Regale entlang gehen und sich anhand der zu verteilenden Päckchen seine Route selbst zusammenstellen. "Das Problem der letzten Meile müssen die Logistiker so schnell wie möglich in den Griff bekommen."
Ursprünglich stammt der Begriff aus der Telekommunikation: Die letzte Meile beginnt am lokalen Verteilerkasten des Telekom-Unternehmens und führt zum Hausanschluss des Nutzers. In der Logistik ist damit der innerstädtische Abhol- und Lieferverkehr gemeint. Nun ist aber der physische Transport von Gütern ungleich komplizierter als der elektronische, und in Zukunft wird es nicht einfacher, denn demographische Entwicklungen, etwa die wachsende Zahl von Single-Haushalten und die zunehmende Mobilität, verschärfen das Problem. Auch kennt der Einkaufsbummel im Web keine Ladenschlusszeiten. Wenn ein Kunde im Internet Waren bestellt, erwartet er, dass sie schnell und ohne hohe Zusatzkosten bei ihm eintreffen. Im Jahr 2002 wurden allein in Deutschland über 1,5 Milliarden Pakete ausgeliefert. Ein Teil davon geht auf Internetshopping zurück Tendenz steigend.
Nach Schätzungen des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund werden im Jahr 2006 etwa 600 Millionen Sendungen im deutschsprachigen Raum durch elektronischen Handel generiert werden. Die Logistiker müssen also ihre Strategien an ein verändertes Sendungsaufkommen anpassen, da es zunehmend mehr und kleinteilige Sendungen geben wird. Für den Erfolg des Online-Geschäfts sind leistungsfähige, aber auch kostengünstige Vertriebs- und Zustellsysteme unabdingbar. Derzeit werden drei verschiedene Ansätze erprobt: Boxensysteme, Pick-up-Stationen und Schließfachanlagen. Alle drei sind für Ballungsräume interessant, "dort wo die Zustellpunkte strategisch nahe liegen", sagt Krause.
Paket in die Box. Boxensysteme wie die eingangs erwähnte SkyBox basieren auf der Heimbelieferung nach einem abgewandelten Briefkastenprinzip. Die Firma Condelsys in Dortmund nutzt ein solches Verfahren. Bei der Online-Bestellung muss der Kunde lediglich seine Adresse um einen Zustellcode ergänzen. Dieser wird auf dem Adressaufkleber vermerkt, und der Zusteller hat damit automatisch den richtigen Code zur Hand. Mit dieser Zahlenkombination entriegelt er die leere Box, um die Ware hineinzulegen. Der Empfänger kann sie dann mit seiner persönlichen Geheimzahl öffnen. Nachteile dieses Systems: Der Kunde muss die Box kaufen, die Bezahlung erfolgt über den Online-Händler, Rücksendungen sind nicht vorgesehen.
Abholstationen. Bei Pick-up-Stellen müssen die Besteller ihre Artikel abholen. Als mögliche Abholstationen kommen Tankstellen, Kioske oder auch Videotheken in Frage. Derzeit gibt es etwa 1 700 Sammelorte in Deutschland einen solchen Dienst betreibt beispielsweise die Firma PickPoint. In Großbritannien und Irland sind die 3 400 Abholpunkte unter dem Namen Collectpoint bekannt. Der Empfänger wird per SMS oder e-Mail benachrichtigt. Holt er die Güter innerhalb von zehn Tagen nicht ab, werden sie an den Absender zurückgesandt. Nachteil hier: Nicht jeder Tankstellenpächter oder Ladenbesitzer bietet diesen Zusatzservice an. Zudem ist der Kunde auf die jeweiligen Öffnungszeiten angewiesen, und nicht alle Stellen nehmen Retouren an.
Mit automatischen Abholstationen lassen sich diese Probleme umgehen. Ein solches System testet die Deutsche Post in einem groß angelegten Pilotversuch seit Ende 2001 in mehreren deutschen Großstädten. Etwa 90 so genannte Packstationen sind derzeit an Bahnhöfen, Einkaufszentren oder Universitäten rund um die Uhr zugänglich. Hinterlegt werden Pakete, die maximal der Größe von zwei Kisten Wein entsprechen auch das Aufgeben von vorfrankierten Gütern und Retouren ist möglich. Der Kunde wird nach einmaliger Registrierung per SMS oder e-Mail informiert. Er kann dann seine Sendung innerhalb von neun Tagen abholen.
Die Deutsche Post wird künftig via Packstation zusätzliche Dienstleistungen anbieten. "Wir können uns vorstellen, dass Autovermieter die Mietwagenschlüssel hinterlegen, Techniker Ersatzteile, oder Opernbesucher ihre Eintrittskarten abholen", meint Boris Mayer, Projektleiter des Pilotversuchs, an dem bislang mehr als 60 000 Kunden teilnahmen.
Ähnliches Potenzial will das Fraunhofer IML mit dem Tower24 erschließen. Der zehn Meter hohe Turm besitzt ein Fassungsvermögen für 200 Pakete, weist jedoch im Gegensatz zur Packstation zwei Temperaturzonen auf: einen Bereich mit Normaltemperatur und einen Frischebereich mit 2 bis 7 °C. Die Kühlung erfolgt auf natürliche Weise, denn Tower24 ragt etwa vier Meter tief ins Erdreich. Über ein automatisches Fördersystem werden die Produkte an die Ausgabestelle befördert, nachdem sie der Lieferant dort vorher eingelagert hat.
Im Praxistest. "Momentan sind alle Varianten in der Evaluierungsphase. Wahrscheinlich werden sie in Zukunft alle genutzt", prognostiziert Matthias Krause. Auch wäre es denkbar, dass unabhängige Dienstleister künftig ein Netzwerk von Packstationen betreiben vergleichbar der Zusammenarbeit von Banken bei Geldausgabeautomaten , um kleinen Logistikanbietern gegen Gebühr gleichberechtigten Zugang zu ermöglichen.
Eines ist jedoch sicher: Aufgrund der Deregulierung müssen sich die Beteiligten in den nächsten Jahren einem verstärkten Wettbewerb stellen. "Das können sie nur, wenn sie ihre Zustellkosten in den Griff bekommen und den Kunden neue, individuelle Dienste anbieten", meint der Siemens-Stratege. "Den größten Wettbewerbsvorteil hat derjenige, der als erster die Kosten der letzten Meile drücken kann."
Evdoxia Tsakiridou