Logistik – Szenario 2015
Waren im Fluss
Eine durchgängige elektronische Vernetzung, automatisierte Warenlager, die lückenlose Verfolgung von Waren vom Bestelleingang bis zur Auslieferung – im Jahr 2015 wird die Logistikkette weitgehend optimiert sein.
Der Computer bearbeitet mit Hilfe von Software-Agenten die eingehenden Bestellungen und leitet die Daten an Zulieferer und Arbeitsroboter weiter. Das Warenlager der Zukunft ist hoch automatisiert: Roboter nehmen die Produkte aus den Hochregalen, verpacken sie und übernehmen mitunter auch die Endmontage. An der Ware angebrachte Funketiketten sorgen für die lückenlose Ortung und Verfolgung jeder Liefereinheit – bis zum Kunden
Am späten Nachmittag des 15. Oktobers 2015 in einem Versandhaus. Die Geschäftsführerin Susan verlässt ihr Büro und macht sich auf den Weg ins Warenlager. "Nur wer die Prozesse von Grund auf kennt, kann sie verbessern", ist ihr Motto. Heute möchte sie sich mit Mitarbeitern unterhalten, Lagerluft schnuppern und die Qualität der Logistikkette kontrollieren. Die Zeiten, in denen die Arbeiter über Rückenschmerzen klagten, sind zum Glück vorbei. Noch vor wenigen Jahren mussten sie jeden Tag Tonnen schwerer Kartons stapeln. In Susans Warenlager ist dies nun komplett automatisiert. Roboter stellen die Paletten zusammen, arbeiten ohne Pause und packen die Paletten auch noch platzsparender, als es menschliche Arbeiter schaffen.
Das Hochregallager funktioniert ebenfalls vollautomatisch. Auf den verschiedenen Ebenen sausen Roboter auf Schienen von einer Lagerbox zur nächsten und legen die Waren aufs Fließband, das sie direkt zur Verpackungsmaschine oder erst in den Montagebereich transportiert. Heute erwartet der Kunde mehr Produkte nach Maß denn je, vom persönlichen Handydesign bis zum Maßanzug. Auch hinsichtlich der Lieferzeiten ist er verwöhnt und wünscht, dass seine Bestellung spätestens nach drei Tagen bei ihm eintrifft.
Inzwischen kann Susans Unternehmen in Sachen Logistik locker mit dem großen Vorbild Automobilindustrie mithalten. So erreicht ihr Versandhaus eine Liefertreue von über 99 %. Susan blickt auf den großen, neu angeschafften OLED-Flachbildschirm, der den Prozess vom Eingang der Bestellung bis zum Eintreffen der Ware beim Kunden abbildet. "Prima, heute haben wir sogar eine Liefertreue von 99,5 % erzielt", lobt sie ihre Mitarbeiter. "Aber sicher kann man auch das noch steigern", sagt sie lächelnd. "Schauen wir uns mal eine Lieferung im Detail an."
Ein Klick und sie ruft eine am 12. Oktober um 18:45 Uhr eingegangene Bestellung auf: "Spielzeug Roboterhund, dunkelblaues Designerkleid und Haushaltsroboter". Eine Minute später meldete der Rechner die Verfügbarkeiten. Während der Hund auf Lager war, musste das Kleid bei einem Zulieferer maßgeschneidert werden und traf zwei Tage später ein. Zwar bevorzugen es viele Kunden immer noch, in Modegeschäften herumzustöbern. Doch im Gegensatz zu früher verfügen die Läden nur über ein einziges Ansichtsexemplar in jeder Größe. Wenn das Kleidungsstück gefällt, wird der Kunde optisch vermessen und das Modell maßgeschneidert. Ziel auch hier: eine Lieferzeit unter drei Tagen.
Versandhäuser im Jahr 2015 besitzen nicht nur riesige Warenlager, sondern übernehmen oft auch die Montage, etwa von Haushaltsrobotern. In der überprüften Bestellung wählte der Kunde ein Gerät mit Navigationssystem und den Funktionen Staubsaugen und Fensterputzen. Der Rechner fragte die Zulieferer, wann die Roboter-Einzelteile eintreffen würden und berechnete den Endpunkt der Montage: "15. Oktober, 10:13 Uhr".
"Sehen Sie mal hier bei Station 4. Warum brauchen wir 20 Minuten, um die Ware zu verpacken?", fragt Susan den Projektleiter. "Und bis Station 5, also bis zum Warenausgang, sind weitere 20 Minuten vergangen. Wieso dauert das so lange?" Der Projektleiter erklärt, dass der Lastwagen bis unters Dach beladen worden sei. Die Software-Agenten hätten errechnet, dass es kostengünstiger sei, wenn der Lkw mehrere Zielorte ansteuere. Den optimalen Weg lieferte der Routenplaner. "Dementsprechend mehr Paletten sind aufgeladen worden, daher die längere Zeitdauer". Susan nickt. Sie weiß, dass sich am Warenausgang zwei Schleusen befinden, die jedes Produkt erfassen, das das Lager verlässt oder hereinkommt. Somit lässt sich der Bestand jederzeit abrufen. Möglich machen die Echtzeit-Inventur kleine Funketiketten an den Produkten.
Susan gehörte zu den ersten Geschäftsführern, die vor über zehn Jahren Barcodes durch intelligente Funketiketten ersetzten. Seitdem verzeichnet das Versandhaus einen Lagerschwund von nahezu Null. Auch lässt sich via Satellit die aktuelle Position der Lkw feststellen und die Ware lückenlos verfolgen. Vor sieben Jahren wechselte sie dafür von GPS zu GALILEO, da dieses europäische Satellitensystem die Dienste günstiger anbot. Ein kurzer Blick auf Station 7, die Zustellung der Waren. Da niemand zu Hause war, deponierte der Postbote die Pakete in der Home Delivery Box, einer Art großer Briefkasten, der in die Hauswand eingebaut ist. "Sehr gut. Nach kaum 66 Stunden sind der Roboterhund, das Kleid und auch der Reinigungsroboter beim Kunden eingetroffen", sagt Susan, die das natürlich alles schon wusste, weil ihre Box ihr um 12:35 Uhr die Nachricht aufs Handy geschickt hatte, dass ihre drei Pakete angekommen sind. Gerade rechtzeitig, da Susan heute Abend endlich mal wieder ins Theater gehen möchte. Das blaue Designerkleid kam da – wie sie gehofft und erwartet hatte – just in time.
Ulrike Zechbauer
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